Gorleben Chronik 2011

Fukushima-GAU, gorleben 365 & der Rekord-Castor

Am 27. Januar werden Aktivist*innen, die im französischen Caen einen Castorzug nach Gorleben aufgehalten haben, zu Freiheits- und Geldstrafen verurteilt.

Marianne Fritzen sagt am 31. Januar vor dem Parlamentarischen Untersuchungsauschuss (PUA) Gorleben aus.

Ulrich Schneider kommt in einem am 7. Februar veröffentlichten Gutachten für Greenpeace zu dem Ergebnis, dass im Salzstock Gorleben Gaseinschlüsse vorhanden sind und darunter Gasvorkommen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hält am nächsten Castor-Transport nach Gorleben im November 2011 fest. Das sagte er am 8. Februar in Hannover.

„Wir haben nicht damit gerechnet, dass Röttgen uns eine Atompause verschafft“, reagiert die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) und kündigt Massenprotest an.

„Wenn Politiker nicht den Mut haben, aus Fehlern zu lernen, müssen die Gerichte sie stoppen“: Anwohner aus Gorleben ziehen am 11. Februar gemeinsam mit Greenpeace gegen die Weitererkundung des Salzstocks Gorleben als mögliches Atomendlager vor Gericht. Mit dabei ist der Grundbesitzer Fried Graf von Bernstorff, dessen Familie große Teile des Salzstocks gehören. Mit der Klage soll der sofortige Stopp der Untersuchungen und Bauarbeiten im Salzstock erreicht werden.

An einem bundesweiten Protesttag entlang der Castorstrecke von Karlsruhe bis Greifswald beteiligen sich am 13. Februar an mehr als 22 Orten rund 3000 Menschen um gegen den anstehenden Atommülltransport ins Zwischenlager Nord zu protestieren.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) besucht am 14. Februar eine Sitzung des Kreistags Lüchow-Dannenberg im Verdo Hitzacker und bietet erneut den „Gorleben-Dialog“ an. Die Mehrheit des Kreistags, in der „Gruppe X“ zusammengeschlossen, lehnt das Angebot in einer Grundsatzerklärung ab. Der Widerstand bereitet dem Minister einen unfreundlichen Empfang vor und im Sitzungssaal der öffentlichen Kreistagssitzung. Im Hafen von Hitzacker ankert das Greenpeace-Schiff „Beluga 2“.

17.2.2011 - Castorzug Karlsruhe-Lubmin, Bild: contratomAm 16. Februar findet ein weiterer Castortransport in das Zwischenlager Greifwald-Lubmin statt. 25 Atomkraftgegner*innen aus dem Wendland blockieren den Transport von fünf Castorbehältern mit hochradioaktiven Abfällen auf seiner Fahrt von Karlsruhe in das Zwischenlager Nord bei Lubmin hinter Ludwigslust blockiert. Mit einem Transparent und Leuchtfackeln gehen sie gegen 22.00 Uhr bei der Ortschaft Rastow auf die Gleise und sorgen für einen 40 minütigen Zwangsstopp.

„Wir protestieren gegen sinnlose Atommüllverschiebung, denn es gibt keine Lösung für den Atommüll“, so Bernd Ebeling von contrAtom. „Der Abfall aus der gescheiterten Wiederaufarbeitunganlage Karlsruhe gehört nicht nach Lubmin, denn dort kann er auch nicht bleiben.“

Mehrere Atomkraftgegner aus dem Wendland sollen in der Polizeikaserne in Lüchow erkennungs- dienstlich behandelt werden. Das Verwaltungsgericht Lüneburg hat die Beschwerde dagegen abgelehnt. Ausgerechnet am 22. Februar, dem 34. Jahrestag der Standortbenennung sollen die Leute dort erscheinen. Um nicht zwangsweise vorgeführt zu werden, gehen zwei Anti-Atom-Aktivisten freiwillig in die Polizeikaserne Lüchow.

Am 23. Februar wird eine statistische Studie veröffentlicht, die zu dem Schluss kommt, dass – wie um alle Atomanlagen – auch um das Zwischenlager Gorleben deutlich weniger Mädchen als Jungen geboren werden. Eine Kontrollstudie des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts bestätigt die Studie. Ralf Kusmierz erklärt in seiner Studie, er gehe davon aus, dass dies auf Strahlenwirkung zurückzuführen sei.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Gorleben-Gebets übernehmen Muslime die Gestaltung des am 10. März.

Am 10. März demonstrieren 60.000 Menschen demonstrieren in einer Menschenkette zwischen Stuttgart und dem AKW Neckarwestheim gegen Atomenergie.

Fukushima

In Japan führen am 11. März ein Erdbeben und dadurch ausgelöster Tsunami zur Atomkatastrophe im AKW Fukushima. Vier Reaktoren havarieren. Die Bundesregierung verkündet ein dreimonatiges Moratorium für die Laufzeitverlängerung der ältesten deutsche Meiler. In Lüchow und Dannenberg finden Mahnwachen statt.

Unter dem Motto „FUKUSHIMA IST ÜBERALL – ATOMANLAGEN SOFORT ABSCHALTEN“ strömen am 13. März 400 Menschen strömen durch die geöffneten Tore des „Erkundungsbergwerks“ in Gorleben und bilden eine Menschenkette um die Schachtanlage.

Am 21. März nehmen bundesweit insgesamt 170.000 Menschen an Mahnwachen teil, auch in Dannenberg, Hitzacker, Gartow und Lüchow. Nebenbei wird ein neuer Castortransport für November angekündigt. Seitdem finden für viele Wochen jeden Montag um 18.00 Uhr Mahnwachen statt. In Dannenberg über Jahre.

Am 26. März finden mehrere dezentrale Großkundgebungen und Demos statt. In Hamburg treffen sich etliche 10.000 Menschen, darunter auch viele Wendländer*innen, die mit Bussen, Bahnen und Motorrädern nach Hamburg gekommen sind. Das Motto: „Abschalten!“

Das Bundesverfassungsgericht bestätigt Ende März in einem Urteil, dass Sitzblockaden ein Teil des durch das Demonstrationsrecht abgedeckten Protestverhaltens sind.

Obwohl noch keine Transportgenehmigung vorliegt, werden im April die ersten Behälter für den 13. Castor-Transport nach Gorleben in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague beladen.

Unter dem Motto „GORLEBEN RAUS – AKWs AUS“ ziehen 2.000 Menschen und 50 Traktoren am 2. April von Gedelitz nach Gorleben. Sie fordern den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie und die Absage des geplanten Castortransports im November.

Der Kulturhistoriker Ulrich Reiff veröffentlicht am 15. April einen Aufsatz, nachdem zwischen 1905 und 1927 mindestens acht Tiefbohrungen am Gorlebener Salzstock stattgefunden haben. Er liefert damit den Beweis, dass der Salzstock nicht unversehrt ist. Damit ist ein weiteres wesentliches Kriterium für dessen Eignung als Endlager nicht erfüllt.

Am 25. April wird anlässlich des 25. Jahrestages von Tschernobyl. vor dem niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde für den Atomausstieg demonstriert. Wendländer*innen reisen u.a. mit Traktoren an.

Den 13. Hamburger Lesetagen, finanziert von Vattenfall, stellen Atomkraftgegner*innen Ende April unter dem Motto „Tschüss Vattenfall“ eigene Lesungen gegen Atomkraft in Hamburger Locations entgegen. Zu den Organisator*innen gehört die BI, die Erlöse werden der Bäuerlichen Notgemeinschaft gespendet.

Am 10. Mai lädt die BI CDU-Mitglieder und -wähler zu einer Info „Atomkraft für Anfänger“ ein.

Eine von der Bundesregierung eingesetzte „Ethikkommission“ empfiehlt Ende Mai, die Pläne für ein Lager für hochradioaktiven Abfall im Salzstock Gorleben-Rambow zu stoppen.

Am Ende der Kulturellen Landpartie, am Pfingstsonntag, 8. Juni, demonstrieren 800 Menschen mit Schubkarren gegen den weiteren Ausbau des sogenannten Erkundungsbergwerks in Gorleben. Das Atommülldilemma bleibe bestehen, da Gorleben immer noch im Pool der möglichen Standorte zu finden ist, trotz neuer Endlagersuche, heißt es.

„Gorleben versalzen“

Unter dem Motto „Gorleben versalzen“ findet vom 10. bis 14. Juni in Gedelitz ein Pfingstcamp statt. Protestiert wird gegen den mit Hochdruck betriebenen Ausbau des Salzstocks Gorleben-Rambow als Endlager für hochradioaktiven Abfall.

Am 14. und 15. Juni heißt es „Schichtblockade“: Alle Tore zum Salzbergwerk Gorleben werden zum Schichtwechsel der Mitarbeiter*innen blockiert. Die Kritik: In drei Schichten werden rund um die Uhr die bewilligten Extra-Millionen aus dem Etat des Umweltministeriums im Salzbergwerk verbaut.

Als die Grünen am 19. Juni in Gedelitz Freibier ausschenken wollen, warnt die BI vor dem schwarz-gelben Atomausstiegsgesetz, dem die Grünen zustimmen wollen.

Die Firma Voelkel, Hersteller von Biosäften, feiert ihr 75jähriges Jubiläum u.a. mit einer Kundgebung am 2. Juli in Gorleben.

CDU-Kommunalpolitiker aus Karwitz distanzieren sich erneut von der Atomenergie und künden am 5. Juli an, im Herbst wieder gegen den Castortransport zu demonstrieren. Auch die Gewerkschaft der Polizei fordert, den Castortransport im Herbst abzusagen.

Ende Juli werden zum wiederholten Male tieffliegende Flugzeuge über dem Zwischenlager Gorleben gesichtet.

Zur Vorbereitung der Proteste gegen den 13. Castortransport im November 2011 findet zwischen dem 12. und 14. August in Gedelitz das „Fest zum Protest“ mit viel Musik und „Tanz, bis der Salzstock wackelt“ statt.

„gorleben365“

Am 14. August findet die Auftaktblockade der Kampagne „gorleben365“ statt. Sie hat das Ziel, durch möglichst viele Blockaden der Werkstore an möglichst vielen Tagen die Arbeiten im Salzstock Gorleben-Rambow zu behindern.

Am 24. August findet die dritte Blockade des Erkundungsbergwerks innerhalb einer Woche statt. Nach einer Geburtstagsblockade und der Vorstandssitzung der BI blockiert x-tausendmal quer die Einfahrt und legt damit den Betrieb lahm.

Am 25. August wird den Medien ein Vermerk der niedersächsischen Aufsichtsbehörde für die Überwachung des Zwischenlagers Gorleben zugespielt, nach dem bereits mit den bisher eingelagerten 102 Castor-Behältern der zulässige Grenzwert von 0,3 mSv pro Jahr für die radioaktive Belastung der Umgebung am Ende des Jahres erreicht sein könnte. Damit wäre jede weitere Einlagerung hochradioaktiver Abfälle nicht zulässig. Gorleben-Gegner*innen rufen zu einer Demo auf. Der Betreiber BLG müsse nachweisen, dass der Jahresdosiswert eingehalten werden könne.

Im Rahmen der Aktion „gorleben365“ findet in der Nacht vom 1. auf den 2. September eine musikalische Demonstration vor dem Erkundungsbergwerk statt.

Die Fachgruppe Radioaktivität der BI belegt am 9. September anhand der Messungen des Zwischenlager-Betreibers GNS, dass bereits seit 2003 der Grenzwert von 0,3 mSv/a systematisch überschritten und mit Rechentricks verschleiert wurde.

Am 9. September wird deutlich, dass der 13. Castortransport im November stattfinden soll.

Bei den Kommunalwahlen in Lüchow-Dannenberg büsst die CDU 11,6 % der Stimmen ein. Atomkraftgegner*innen haben jetzt 24 von 39 Sitzen.

Am 18. September findet der 100. Sonntagsspaziergang in Gorleben statt.

Im Oktober weist Greenpeace dem Niedersächsischen Umweltministerium NMU nach, dass es bei der Berechnung der Jahresdosis im Zwischenlager Rechenfehler gemacht hat.

Am 29. Oktober findet ein bundesweiter Aktionstag entlang der möglichen Strecken des Castortransports nach Gorleben statt. 50 Aktionen und der traditionelle Schienenmove im Wendland sind Teil der Proteste gegen die nächste Atommülllieferung aus Frankreich.

Am 18. November fordert der Atomausschuss des Landkreises Lüchow-Dannenberg einstimmig die Absage des Castortransports.

Der letzte Castor

2.000 Schüler*innen demonstrieren am 25. November in Lüchow gegen den Castortransport. 200 Menschen treffen sich bei einer Mahnwache in Lüchow, in Metzingen folgen am Abend 1.500 Menschen einem Aufruf der BI zum Protestauftakt. In der Nacht wird dort ein Camp von der Polizei umstellt. In zahlreichen Orten finden Aktionen wie Laternelaufen statt. In Lüneburg demonstrieren 1.200 Menschen. Auf einer Pressekonferenz unterstreicht der „Schulterschluss“, sämtliche Gruppen des Widerstands und alle politischen Parteien des Landkreises, ihren Protest gegen den Atommülltransport.

An der Großkundgebung am 26. November nehmen 25.000 Menschen teil. Bäuer*innen fahren mit knapp 500 Trecker vor.

An den folgenden Tagen werden auf zahlreichen Straßen im Landkreis Blockaden aufgebaut, an mehreren Stellen ist Kies und Sand auf Straßen abgeladen worden, landwirtschaftliches Gerät steht verkeilt auf Passagen und blockiert die Polizei.

An der großen Blockadeaktion von „widersetzen“ auf den Schienen bei Harlingen beteiligen sich mehr als 4.000 Menschen. Die Polizei räumt nach vielen Stunden die Strecke und nimmt 100 in einer unrechtmäßigen Gefangenenstelle unter freiem Himmel in Gewahrsam.

In Hitzacker ketten sich Aktivist*innen der Bäuerlichen Notgemeinschaft an einer Beton-Pyramide auf den Schienen fest. Die Polizei gibt auf, sie zu befreien. Die Aktivist*innen machen sich nach vielen Stunden selber los.

Am 28. November erreicht der Castortransport den Verladebahnhof Dannenberg.

Tausende Menschen blockieren die Straße zum Zwischenlager Gorleben. Beim Transport auf der Straße zeigt die Polizei unverhältnismäßige Härte.

Am Ende erreichen die zahlreichen Protestaktionen eine Rekordverzögerung für den Castortransport.

Im Dezember stellt der Geologe Ulrich Kleemann in einer Studie fest, dass Gorleben als Endlagerort ungegeignet sei. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) habe ihre Untersuchungsergebnis zugunsten von Gorleben „hingebogen“.

 


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