Gorleben Chronik 2009
Der Treck nach Berlin

Januar – Das „Helmholtz-Zentrum“ München, Betreiber des absaufenden Atomabfalllagers „Asse II“, „Vorbild“ für das Endlager Gorleben, wird abgelöst durch das zum Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gehörende Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

Im Januar wird bekannt: Das angebliche Versuchsendlager Asse-2 bei Wolfenbüttel ist akut einsturzgefährdet.

Am 4. Februar starten die Gorlebenfrauen eine Aktion anlässlich der Wintertagung des Deutschen Atomforums in Berlin und rollen gelbe Metallfässer durch die Straßen. Auch andere Gruppierungen nehmen an der Demonstration teil. Der Tagungsort des Atomforums wird unter dem Motto „EURE LÜGEN BLEIBEN DRINNEN“ umzingelt. Holger Bröskamp, Chef der GNS, fordert eine „Analyse vorhandener Daten alternativer Standorte, um bei Nichteignung von Gorleben Alternativen erkunden zu können“.

In Salzgitter demonstrieren 15.000 Atomkraftgegner am 26. Februar auf der 52 Km langen Strecke zwischen Asse II und Schacht Konrad gegen die Atomlobby und ihre misslungenen Pläne: Es gibt Laugenzuflüsse und eine Kammer mit mittelradioaktivem Müll ist akut einsturzgefährdet. Minister Gabriel spielt auf Zeit.

Die Klage der BI gegen die Allgemeinverfügungzum Castortransport von 2006 wird am 27. Februar beim Verwaltungsgericht Lüneburg zugelassen.

Urgewald, .ausgestrahlt und Campact organisieren eine bundesweite Aktionswoche vom 4. -8. März gegen den Atomkonzern RWE und dessen Geschäftspraktiken.

Anlässlich des 30. Jahrestages des Gorlebentrecks nach Hannover am 25. März wird der Film zum Gorlebentreck gezeigt.

7.4. – Einer Abordnung des Rates der Samtgemeinde Gartow, auf deren Gebiet Erkundungsbergwerk, Zwischenlager und PKA liegen, wird von der Betreibergesellschaft „versichert“, „dass die 2008 gemessenen Werte weit unter den zulässigen Grenzwerten gelegen hätten“.

8.4. – Das Plakat der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mit dem Aufruf zur Kundgebung gegen den Castor-Transport 2008 ziert die Einladung zu einem Symposium „Linksextremismus – die unterschätzte Gefahr?“ des niedersächsischen Verfassungsschutzamtes.

Zum Jahrestag von Tschernobyl am 26. April organisieren die Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch und der BUND eine Kundgebung am abgeschalteten AKW Krümmel.

12.5. – „In Anbetracht von Fortschritten zur Lösung der Entsorgungsfrage“ mahnt der Präsident des Deutschen Atomforums eine zwingende „Neubewertung der Kernenergiepolitik“ an.

14.5. – Die „Arbeitsgemeinschaft der Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen“ spricht sich für eine Aufhebung des Moratoriums und die Wiederaufnahme der Arbeiten im Erkundungsbergwerk aus, um schnellstmöglich eine endgültige Entscheidung über die Eignung Gorlebens als Endlagerstandort treffen zu können.

29.5. – FÜNF VOR ZWÖLF, ILLEGALES ENDLAGER EINREIßEN – 1.000 Menschen kommen mit Hacken, Schaufeln, Vorschlaghämmern, Radlader und 30 Treckern zum symbolischen Einebnen des Bergwerks. Anlaß ist eine Stellungnahme des BfS, das die hohen Kosten des „Erkundungsbergwerks“ mit dem bereits vollzogenen Ausbau zum Endlager begründet. Der Präsident des BfS ist anwesend, alle Tore gehen auf, Salz wird zum Förderkorb gebracht, damit es zurück in den Berg kommt. Nach zwei Stunden friedlicher Inspektion verlassen alle das Bergwerksgelände.

Am Pfingstsonntag, 1. Juni, organisiert SALINAS einen Informationstag zum Atommüll in Gorleben.

24.6. – Ministerpräsident Wulff (CDU) hört in Lübeln (Wendland) das Klappern leerer Aktendeckel und Trecker mit Transparenten der bäuerlichen Notgemeinschaft als Empfang, nachdem seine Staatskanzlei eine Akten-Freigabe der Kabinettsunterlagen zur Gorleben-Entscheidung 1977 mit der Begründung, sie könne „die Funktionsfähigkeit und Eigenverantwortung der Landesregierung“ beeinträchtigen, ablehnte.

30.6. – In der online-Umfrage der Elbe-Jeetzel-Zeitung mit der bisher größten Beteiligung überhaupt gehen 65% der Teilnehmer davon aus, daß das Salzbergwerk Gorleben bereits als Endlager ausgebaut wurde, 35% meinen, es sei nur erkundet worden.

Dass auch in den 60er Jahren Tiefbohrungen in den Salzstock Gorleben bei der Suche nach großen Trinkwasservorräten vorgenommen wurden, bestätigt im Juli der Hydrogeologe Prof. Dr. Dieter Ortlam. Dabei wurden 150 Bohrungen bis zu 600 Meter Tiefe vorgenommen.

4.7. – Die Schnellabschaltung des AKW Krümmel nach erneutem Transformatorenbrand führt zu einem Spannungsabfall, der auch die Steuerelektronik der Förderkörbe des Erkundungsbergwerks Gorleben für 3 Tage außer Funktion setzt.

5.7. – Der „Infobus“ der BI startet in Gorleben zu einer bis 3. August dauernden 4.000 km langen Rundtour zu atomaren Brennpunkten und befreundeten Initiativen in Deutschland, der Schweiz und Tschechien. Die „Münchhausen-Gesellschaft für Akzeptanzförderung (MgfA)“ führt einen Bohrturm zur Suche nach geeigneten Endlagerstandorten mit.

Vom 5. bis 12. Juli organisieren verschiedene überregionale Gruppen die Kampagne „Mal richtig abschalten“.

In Mützingen wird das FreeFlow Festival unter dem Motto „Gorleben soll leben“ am 10. und 11. Juli organisiert.

Zum wiederholten Mal findet das Widerstandscamp in Gedelitz vom 16. bis 26. Juli statt.

Am 7. August wird ein Tieflader vor der Einfahrt zum Zwischenlager Einfahrt zum Zwischenlager blockiert.

Das Orchester „Lebenslaute“, das im Wendland übt, macht eine musikalische Inspektion des geplanten Endlagergeländes und gibt am 8. August ein Konzert in der Dannenberger St. Johanniskirche.

Am 12. August ist der Internationale Aktionstag gegen Uranabbau.Dazu gibt es Aktionen in mehreren Städten.

Monika Tietke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft trifft sich in Hamburg mit zwei Dutzend Inhabern von kleinen und mittleren Unternehmen, die den Treck nach Berlin durch Patenschaften für Trecker unterstützen.

Addi Lambke, seine Schwiegertochter und seine Enkelinnen ketten sich am 30. August an einer Pyramide vor dem Bundeskanzleramt an, um zu demonstrieren, dass der Widerstand generationenübergreifend ist.

Gorleben-Treck 2009

29.8.-5.9. – Beginn des 2. „Trecks nach Berlin“ mit 150 Treckern und Begleitfahrzeugen. Die Karawane macht Station an den Endlager-Standorten Schacht Konrad, Asse II und Morsleben, um für die Anti-Atom-Demonstration in Berlin zu mobilisieren.

Beim Treck kommt es am 2. September zu einem völlig unverhältnismäßigen Polizeieinsatz bei der Umzingelung des Atommüllagers Morsleben. Dabei fuchtelt ein Polizist mit einer Pistole herum und zielt dabei in Richtung eines Bauern. Es werden von Seiten der Polizei Reizgas und Schlagstöcke eingesetzt.

Am 3. September startet ein zweiter 8 km langer Treck, beide sind zur Demonstration von 50.000 Atomkraftgegnern am 5. September in Berlin.

Am 9. September veröffentlicht die „Süddeutsche Zeitung“ einen Bericht, nachdem die Regierung Kohl das Gutachten zur Eignung Gorlebens als Endlager stark beeinflusst hat.

In seiner Expertise kommt der Diplomgeologe Ulrich Schneider im September zu dem Ergebnis, der Salzstock Gorleben-Rambow sei als Endlager für hochradioaktive Abfälle noch schlechter geeignet als das Salzbergwerk Asse II.

„Kostenlose Abgabe von Atommüll im Bundeskanzleramt“: Das ist eine Aktion, die am 16. September von Aktivisten auf der „Suche nach einem geeigneten Endlager“organisiert wird.

Etwa 2000 Atomkraftgegner sind bei einer Wahlveranstaltung von Angela Merkel am 17. September in Hamburg, darunter auch zwei Reisebusse mit Menschen aus dem Wendland, die zu einem „Kindertreck“ aufgerufen hatten.

Beim Abtransport des ausgebrannten Transformators aus dem Atomkraftwerk Krümmel wird am 29. September die Schleuse in Geesthacht besetzt. Auch beim Transport eines leeren Castorbehälters auf der Bahnstrecke Dannenberg – Lüneburg gibt es Proteste.

Zwei Frauen und zwei Männer von Contratom besetzen den Förderturm des geplanten Endlagers am 5. Oktober um gegen die geplante Aufhebung des Moratoriums zu demonstrieren. Am Förderturm wird ein Transparent „Bringt Bagger“ befestigt.

Eine weitere Besetzung auf dem Bergwerksgeländes findet am 18. Oktober statt.

Sonntagsspaziergang um das Bergwerk

25. Oktober – Erster Sonntagsspaziergang um das Bergwerk Gorleben unter dem Motto „Schicht im Schacht – wir geben Acht!!“. Seitdem wird jeden Sonntag ab 13 Uhr das Gelände der Festung „Erkundungsbergwerk“ Gorleben von Spaziergängern umrundet.

7.11.2009 - Aktion am Wasserturm Lüneburg, Bild: contratomDezentraler Aktionstag gegen Atomkraft. Am 7. November finden Demonstrationen in mehreren Städten statt. Die BI Lüchow-Dannenberg organisiert eine Demo in Salzwedel vor dem Gebäude der EON-Avacon. Mit einer Kletteraktion wird am Wahrzeichen von Lüneburg, dem Wasserturm, gegen Atomenergie protestiert. Am Abend findet am Bahnhof Lüneburg eine Kundgebung anlässlich des fünften Todestages von Sebastien Briat statt, zu der 170 Menschen kommen.

„Wir protestieren gegen ein Endlager in Gorleben und Laufzeitverlängerungen für Pannenmeiler“, so Stefanie Miczka von der norddeutschen Anti-Atom-Organisation contratom.

In Gedenken an die Atombombenabwürfe wird am 17.11.2009 - Friedensfahne Hiroshima in Gorleben übergeben16. November in Lüneburg eine Fahne in Gedenken an die Opfer der Atombombe an Aktivist*innen von contrAtom übergeben. Die Fahne wird per Fahrrad am folgenden Tag zum geplanten Atommüll-Endlager Gorleben gebracht, wo sie von Aktivist*innen der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg entgegen genommen wird. Im Anschluss erklärte Lilo Wollny bei Kaffee und Kuchen in Gedelitz den Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und der Atombombe. Am folgenden Tag machen sich drei Radfahrer auf den Weg zur nächsten Station: Uelzen.

Am 26. November weist das Bundesverfassunggericht die Klage eines Anwohners gegen die Atommülleinlagerung in Schacht Konrad ab.

„Wir schreiben Geschichte“ – so beginnt auch die DVD von graswurzel.tv, die in 45 Minuten die Highlights des einwöchigen Trecker-Trecks nach Berlin zusammenfasst. Premiere feiert der Film am 28. November in Gülden, am 07. Dezember wird er im besetzen Hörsaal der Uni Lüneburg gezeigt.

Erfolg vor dem Bundesverfassungsgericht: Das gesamte Demonstrationsgeschehen beim letzten (?) Castortransport muss neu aufgerollt werden. Am 1. Dezember wird vom BVerfG bekannt gegeben, dass große Teile des Polizeieinsatzes rechtswidrig waren.

Am 7. Dezember besetzen Atomkraftgegner*innen den Turm des „Schacht Marie“, der zur Bewetterung des Endlager Morsleben genutzt wird. Mit ihrer Aktion wollen sie auf das noch bis zum 21.12.2009 laufende Einwendungsverfahren gegen das Stilllegungskonzept von Morsleben aufmerksam machen.

Im verschneiten Ahaus demonstrierten am 20. Dezember 300 Atomkraftgegner*innen gegen angekündigte Atommülltransporte.

31.12.2009 - Sylvester am Bergwerk, Bild: contratomÜber 150 Atomkraftgegner feiern den Jahresabschluss 2009/2010 am 31. Dezember an den Gorlebener Atomanlagen. Mit großer Überraschung gut bewacht: 3 Hundertschaften u.a. aus Oldenburg und Leer inkl. div. Räummaterial, Technikfahrzeugen wurden aufgefahren, um die friedliche verlaufende Veranstaltung zu begleiten. Highlight des Abends ist das Beamen von „Dinner for One“ auf den Schachtturm des Bergwerkes und gleichzeitigem Raketenbeschuss zum Jahreswechsel. Auch die – etwas einseitige – Schneeballschlacht mit dem Sicherheitspersonal gilt als erwähnenswert. Man munkelt, diese Veranstaltung würde künftig Tradition erlangen.


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