Gorleben-Chronik 2001

Regelmäßig finden Sonntags das „Katz-und-Maus-Spiel“ auf der CASTOR-Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg statt: Dabei werden am 1. Januar 20 AtomkraftgegnerInnen auf einem Bahnübergang bei Pisselberg/Dannenberg bei Eisregen von der Polizei eingekesselt und acht von ihnen zur Personalienfeststellung nach Lüchow in die Polizeikaserne abtransportiert.

Erst Ahaus, dann Gorleben

Innerhalb von vier Wochen sollen zwei Castortransporte durch Deutschland rollen, heisst es am 3. Januar aus den Innenministerien der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen:

  • In der ersten Märzhälfte sollen abgebrannte Brennelemente aus den Atomkraftwerken Biblis, Neckarwestheim und Philippsburg in das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus (BZA) rollen.
  • Im Zeitraum Ende März bis zur ersten Aprilwoche soll deutscher Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das atomare Zwischenlager Gorleben transportiert.

Beide Transporte hatte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter vor Jahresfrist genehmigt. „Wir denken nicht daran, Anträge zurückzuziehen“, so Dr. Arnd Knauer, Geschäftsführer der Bahn-Tochter Nuclear Cargo +Service GmbH (NCS). Es sei geregelt, „dass die Polizei da mitspielt“.

„Die Devise beim nächsten Tag X heißt 50 plus 20: nicht nur im Landkreis Lüchow-Dannenberg wird es politische Unruhe geben, denn zu den 20 Straßenkilometern kommen diesmal noch 50 auf der Schiene hinzu“, erklärt Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz am 7. Januar.

Am 7. Januar beteiligen sich etwa 50 AtomkraftgegnerInnen  am Spaziergang vom Bahnhof Hitzacker in Richtung Leitstade mit Ziel Baustelle der Eisenbahnbrücke bei Seerau. Die Jeetzel-Querung muss erneuert werden, damit weitere Atommüll-Transporte nach Gorleben durchgeführt werden können. Jede dieser Aktionen ist auch immer eine Auseinandersetzung mit Beamten des Bundesgrenzschutz.

Der Physiker Wolfgang Neumann erstellt im Auftrag von BI und BUND die Studie „Entsorgungsfiasko“. Diese belege, dass der Atomkonsens „das Endlagerproblem weiter verschärfe“, so BUND-Landesvorsitzende Renate Backhaus auf einer Pressekonferenz am 10. Januar in Hannover. Die bisher in Deutschland angefallene Atommüllmenge werde sich durch die vereinbarten Laufzeiten verdoppeln.

„Wir rechnen mit großem Zulauf zu unseren Aktionen und wollen die Kosten des Transportes damit so weit wie möglich in die Höhe schrauben“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

In der Nacht 11./12. Januar wird ein 200 Tonnen schweres Gewicht vom Gelände der Atomanlagen in Gorleben zum Verladekran Breese/Marsch transportiert. Es dient dem Test des neuen, auf Schienen entlang des Bahn-Liefergleises fahrbaren Krans auf der Castor-Verladestation. Experten des TÜV Hannover haben die gut 14 Meter hohe Hebekonstruktion überprüft. Derzeit wird das Dach der Kran-Behausung und der neue Zaun, der die Verladestation umgibt, fertiggestellt. (EJZ)

Am 13. Januar findet ein Ratschlag in die Trebeler „Bauernstuben“ statt. Weit mehr als 100 Menschen tauschen Aktionsideen aus. Das „ehrgeizige Ziel“ sei es, den Zeitplan des Atommülltransports durcheinander zu bringen, kündigen die TeilnehmerInnen an.

Im Januar legt Salinas-Anwalt Nikolaus Piontek Widerspruch gegen die Verlängerung des Rahmenbetriebsplans zur Salzstockerkundung ein. Die Rechtsstreitigkeiten um die Salinas-Pachtgenehmigung und die Bohrgenehmigungen liegen weiter auf Eis.

Jeetzel-Brücke fertiggestellt

Erstmals befährt am Abend des 14. Januar ein Personenzug die neue Eisenbahnbrücke bei Seerau. AtomkraftgegnerInnen bringen die Bahn am morgen des 15. Januar mithilfe der Notbremse direkt auf der Brücke zum Stillstand. Auf dem Bahnhofsgelände in Hitzacker kommt es gegen 6.30 Uhr zu kleinen Rangeleien zwischen herbei geeilten Beamten der Bereitschaftspolizei aus Lüneburg und einigen der dort ausgestiegenen Atomkraftgegnern, als die Beamten versuchten, die Personalien der Protestler festzustellen. (EJZ)

„Dem für Ende März angekündigten Castor-Transport auf der Schiene bis nach Dannenberg steht von Seiten der Bahn nun nichts mehr im Wege,“ so Bahn-Sprecher Norbert Giersdorff. (dpa)

Am 17. Januar ist der „Quickborner Kessel“ vom 4. März 1997 Gegenstand einer Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg. Drei Frauen klagen gegen die Rechtmäßigkeit dieser Massnahme, bei der sie mit eingekesselt, festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt worden waren. Das Verwaltungsgericht verweist an das Amtgericht Dannenberg.

Vorstand der Bürgerinitiative Umweltschutz, 20. Januar 2001Auf der Mitgliederversammlung der Bürgerinitiative Umweltschutz am 20. Januar in den Trebeler Bauernstuben wird ein neuer, 14-köpfiger Vorstand gewählt.

Die beiden neuen Vorsitzenden sind die Edelgard Gräfer und Rosi Schoppe, unterstützt werden sie bei ihrer Arbeit von Mathias Edler und Wolfgang Ehmke (Pressesprecher), Regina Kümmel und Wolfram Taubitz (Kasse), Lucia Wente (Schriftführerin), Holger Schulz (Gruppendelegierter) und von den Beisitzern Peter Bauhaus, Birgit Schiemann, Stefan Dahlmann, Birgit Huneke, Heiko Jäger und Heinrich Messerschmidt.

Die neue Vorsitzende Edelgard Gräfer kündigt gegen den Castor-Transport Ende März nach Gorleben einen „lustvollen Widerstand“ mit Kraft und Kreativität an.

Zur „Belastungsprobe“ der neuen Jeetzel-Brücke fahren am 21. Januar etwa 200 AtomkraftgegnerInnen mit der Bahn von Hitzacker Richtung Dannenberg und passieren gegen 14.20 Uhr die neue Bahnbrücke bei Seerau. Zahlreiche Beamte des Bundesgrenzschutzes bewachen im Innern der Waggons die Notbremsen-Hebel, die Zug-Toiletten sind verriegelt.

Am 22. Januar will die Bürgerinitiative Umweltschutz vom niedersächsischen Umweltministerium als zuständige Überwachungsbehörde Auskunft über den Zustand der Atommüllfässer im Fasslager Gorleben. Da die Fässer in Containern angeliefert werden, reiche eine visuelle Kontrolle nicht, gibt die BI zu bedenken.

„Das mindeste wäre, dass unangekündigt Produktkontrollen seitens der Gewerbeaufsicht vorgenommen werden, sonst bleibt eine Riesenportion Skepsis“, so BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer.

Grüne: Nicht an Castor-Protesten teilnehmen

In einem Beschluss des Parteirates von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 22. Januar heisst es:

„Wir stehen zu dem vereinbarten Ausstieg aus der Atomenergie. Wir stehen auch zu unserer internationalen und moralischen Verpflichtung: Deutschland muss den Atommüll aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen. Das erwarten auch die französischen Grünen und die Anti-Atomkraftbewegung in Frankreich von Bündnis 90/Die Grünen. Nach der Vereinbarung von Restlaufzeiten, nach dem Moratorium bei der Erkundung des Endlagers Gorleben, nach der Abarbeitung der Auflagen zur Transportsicherheit sehen wir die Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Rücktransporte deutschen Atommülls als gegeben an. Wir stehen zur Verantwortung des Bundesrepublik für die Entsorgung bundesdeutschen Atommülls eine innerdeutsche Lösung zu finden.“ (…)

Dieser Tenor, der Parteimitglieder und Ortsvereine der Grünen dazu auffordert, sich nicht an Castorblockaden zu beteiligen, empört die Bürgerinitiative Umweltschutz:

„Für die Umweltverbände und Bürgeriniativen gibt es keine Friedenspflicht, sondern unsere Rolle ist und bleibt die eines politischen Korrektivs“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. „Wir finden es erschreckend, dass die Regierungsgrünen jetzt sogar dieses Funktionselement der Demokratie in Frage stellen und sich von den Errungenschaften der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung distanzierten“. Aktionen zivilen Ungehorsams wie Sitzblockaden gehörten zum unverzichtbaren Instrument der radikaldemokratischen Basisbewegungen.

„Ich stehe ungebrochen zu meinem Wort, solche Protestdemonstrationen – so wie ich das auch in früheren Jahren gemacht habe – zu unterstützen“, so die niedersächsische Vorsitzende der Grünen, Rebecca Harms in einem Offenen Brief. Sie hatte gegen den Parteiratsbeschluss gestimmt. (EJZ, 24.1.2001)

Am 23. Januar stoppt Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den geplanten Atommüll-Transport vom Atomkraftwerk Neckarwestheim in das Zwischenlager Ahaus per Weisung an das Land Baden-Württemberg. Trittin habe Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) angewiesen, bei der Entscheidung über die Lagerung abgebrannter Brennstäbe die Rechtsauffassung des Bundes zu Grunde zu legen. Danach dürfen die Brennstäbe in den freien Plätzen der Abklingbecken gelagert werden, auch wenn gleichzeitig beladene Castor-Behälter auf dem Kraftwerksgelände stehen. (EJZ)

Die Lüchow-Dannenberger Bündnisgrünen macht sich am 25. Januar für weitere Proteste gegen Atomtransporte stark und kontert der Empfehlung ihres Parteirates auf Bundesebene, sich nicht an Castor-Blockaden zu beteiligen. Eine Erklärung des Kreisverbandes wird neben dem Vorstand unter anderem auch von der ehemaligen Europaabgeordneten Undine von Blottnitz und der Landtagsabgeordneten Rebecca Harms getragen.

„Die Empörung über den Maulkorb, den die Parteispitze den atomkritischen Landesverbänden und Parteimitgliedern verpassen will, ist spürbar groß“, so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Der Parteiratsbeschluss gehe „nach hinten los“, das hätten „nicht zuletzt zahlreiche Anrufe im Lüchow BI-Büro gezeigt, wo die Fäden für die Mobilisierung gegen den nächsten Gorleben-Transport zusammenlaufen“. (EJZ)

Einen Einblick in die Stimmung im Landkreis Lüchow-Dannenberg vor dem Castor-Transport gibt die Elbe-Jeetzel-Zeitung am 26. Januar:

Mehrere Leute stoppten am gestrigen Donnerstag in Meuchefitz einen auf Streife befindlichen Gruppenwagen der Polizei. Man machte sich an den Scheibenwischem zu schaffen, öffnete die Türen, einer mopste sogar den Zündschlüssel und lief weg. Als der polizeibekannte Dieb gestellt wurde, bedrohte er die Polizeibeamten mit einer Dachlatte, bevor er sich in einem Haus versteckte. Auf der Straße wurde unterdessen über den Sinn und Zweck der Polizeistreife diskutiert. Nach telefonischen Vermittlungsgesprächen sind die Autoschlüssel wieder herausgegeben worden. Die Polizei leitet nun ein Ermittlungsverfahren ein: wegen Nötigung und Bedrohung.

Am 26. Januar erklärt die Fachgruppe Radioaktivität der Bürgerinitiative Umwelschutz auf einer Veranstaltung in Breselenz, sie habe bei ihren Radioaktivitätsmessungen in der Umgebung der Gorlebener Anlagen „keine Auswirkungen der Atomanlagen festgestellt“. Die Fachgruppe betreibt seit einem Jahr drei Messgeräte in Gorleben, Trebel und Gedelitz. Ein viertes Gerät soll am östlichen Elbeufer aufgebaut werden.

Unterdessen haben schon mehr als 4.000 Menschen per Unterschrift ihre Bereitschaft zum Widerstand gegen den Atommüll-Transport im März bekundet.

26.1.2001 - Schienenspaziergang in Dahlenburg; Bild: Gisela und Joachim Petersen, subkonturZu einer erneuten Protestaktion gegen den angekündigten Atommülltransport in das Zwischenlager Gorleben kommt es am 28. Januar: Bei einem der regelmäßigen sonntäglichen „Schienenspaziergänge“ besetzen gegen 14.00 Uhr rund 150 AtomkraftgegnerInnen die Gleise am Dahlenburger Bahnhof. 150 PolizistInnen drängten die Menschen ab, nachdem sie sich deren Aufforderungen widersetzt hatten. Direkt neben dem Gleisbett durfte der Spaziergang dann Richtung Bahnhof Bavendorf fortgesetzt werden. Auf der Bundesstraße wurden sie von Treckern aus den Kreisen Uelzen und Lüneburg unterstützt.

Die Beamten hatten Schwierigkeiten, den sich über mehrere hundert Meter langziehenden Demonstrationszug so zu bewachen, dass keine Personen die Gleise betraten. Einige Aktivisten nutzen vorhandene Lücken, um die Schienen doch zu begehen. Dabei wurden einige Personalien festgestellt. (EJZ)

Am 30. Januar legt eine Internationale Expertengruppe (IEG), die von den Energieversorgungsunternehmen (EVU) einberufen wurde nachdem die Bundesregierung einen Katalog an Zweifeln an der Eignung des Salzstockes Gorleben veröffentlicht hatte und die Erkundungsarbeiten dort einstellte, in Hannover ihren Schlussbericht vor. Sie fordert in puncto Endlager, den „Standort Gorleben zusammen mit weiteren Vorschlägen für ein Endlager zu betrachten“ und  hat „keinerlei Zweifel an der Eignung des Salzstocks Gorleben“, keiner der von der Bundesregierung vorgebrachten Zweifel „würden den Abbruch der Erkundung rechtfertigen“. (EJZ)

Die Bürgerinitiative Umweltschutz  spricht von einem „Gefälligkeitsgutachten“, den „Türöffner“ für solche Gutachten habe allerdings Rot-Grün gespielt, weil im Atomkonsenspapier von der Eignungshöffigkeit des Salzstockes die Rede gewesen sei.

Im Streit um Entschädigungen für zerstörte Treckerreifen während des Castor-Transports am 5. März 1997 in Splietau kündigt die Richterin des Landgericht Lüneburg am 31. Januar statt eines erwarteten Urteils eine erneute Beweisaufnahme an: Die 2. Zivilkammer will durch zwei Zeugen klären lassen, ob die Polizisten tatsächlich neue Reifen an einem der die Straßen blockierenden Trecker zerstörten. Der klagende Landwirt hat einen Schaden von 11.500 DM geltend gemacht. (EJZ)

Am 31. Januar besiegeln die deutsche Firma Siemens und der französische Konzern Framatome die Zusammenlegung ihres Nukleargeschäfts zur Framatome ANP. Siemens ist an diesem „Weltmarktführer im Bereich Kernkraftwerke“ mit 34 Prozent beteiligt.

Einen angekündigten „Grünen Abend“ im Uelzener Hunderwasserbahnhof lässt Bundesumweltminister Jürgen Trittin am 01. Februar wenige Stunden vor dessen Beginn platzen. AtomkraftgegnerInnen aus dem Wendland hatten schon im Vorfeld eine Konfrontation angekündigt, seit dem Morgen riegelten 300 Bundesgrenzschützer den Bahnhof ab. Als „bescheuert“ hatte Trittin in einem Interview Demonstrationen gegen den nächsten Castor-Transport nach Gorleben bezeichnet.

„Die provozierenden Äußerungen Trittins im Vorfeld des nächsten Castortransports, er sehe keine Gründe mehr für Demos und Blockaden des Mülls aus den Plutoniumfabriken La Hague und Sellafield, haben uns dazu bewogen, Herrn Trittin ein letztes Mal entgegenzufahren“, sagte der Sprecher der BI Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg Wolfgang Ehmke.

„Wir werden sehen, ob der Grünen-Politiker die Ängste der Menschen hier vor Ort arrogant übergeht oder wenigstens wie Frau Merkel 1997 den Mut hat, die direkte Auseinandersetzung mit den Menschen und ihren Argumenten unmittelbar vor dem angekündigten Castortransport zu suchen“, so Ehmke.

„Der Endlagerstandort Gorleben wird mit jedem eintreffenden Castorbehälter zementiert, egal, ob da mal eine zeitlich befristete ‚Erkundungsunterbrechung‘ ausgesprochen wurde oder nicht. Schließlich heiße es in den Richtlinien der vom Bundesumweltminster beauftragten Kommission zur Erkundung von Alternativstandorten für ein atomares Endlager sinngemäss, sie könne erkunden, was sie wolle, Hauptsache am Standort Gorleben werde nicht gerüttelt“, so die BI-Vorsitzende Rosi Schoppe: „Das heisst nichts Anderes, als dass auch unter Rot-Grün alles an Gorleben kleben bleibt. Und da sollen wir keinen Grund zur Demonstrationen mehr haben, Herr Trittin?“

Am 01. Februar treffen sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Frankreichs Premierminister Lionel Jospin in Straßburg und verständigen sich auf eine Wiederaufnahme der Transporte von nuklearen Abfällen. Ein erster Transport zur Rücknahme von Abfällen deutscher Atomkraftwerke aus der Wiederaufarbeitung findet Ende März/Anfang April statt, schreibt das Bundesministerium für Umwelt. Damit könnten auch die Transporte abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken nach Frankreich wiederaufgenommen werden. (BMU)

„Wir bringen den Transport ins Zwischenlager“

Am 02. Februar trifft sich der niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel mit drei VertreterInnen der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. „Wir bringen den Transport ins Zwischenlager“ konstatiert der Regierungschef. Nach wie vor, so hob Gabriel hervor, halte die Landesregierung Gorleben nicht als Endlager-Standort geeignet. Doch er befürchte, „dass es jedoch in dieser Sache bundesweit zu einer Einigung kommt, die letztlich zu Lasten Niedersachsens gehen werde“. Gabriel: „Niedersachsen will nicht das Atomklo der Republik werden“. Er habe Verständnis für die „nahezu unerträgliche Belastung der hiesigen Bevölkerung durch den Gorleben-Konflikt“.

„Wenn wir jetzt unterscheiden zwischen guten und schlechten Transporten, dann wären 20 Jahre umsonst gewesen“, so Mathias Edler, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Ein jeder Atommüll-Behälter zementiere den Standort Gorleben, so Edler auf der Pressekonferenz.

Gegen die „artgerechte Menschenhaltung“ protestiert dabei die Bäuerliche Notgemeinschaft. Die Polizei hatte angekündigt, für Masseningewahrsamnahmen beim Castor-Transport in der Mehrzweckhalle der Kaserne Lüchow „Demo-Käfige“ aufzustellen.

Das sei ein „unnötiges Übel“, mit dem Ingewahrsamnahme von Castor-Demonstranten angedroht werde. Bereits im Vorwege des angekündigten Castor-Tranportes nach Gorleben würden „bewusst Bilder von guten und bösen, friedfertigen und gewaltbereiten Demonstranten hervorgerufen“, kritisiert die Notgemeinschaft.

„Ich will hier raus“, brüllte Adi Lambke, prominenter Senior des Anti-Atomkraft-Widerstandes quer über den Dannenberger Marktplatz, als Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel seiner Limousine entsteigt. Adi hockt in einem engen Käfig, den die Bäuerliche Notgemeinschaft herangekarrt hat. Adi war an die Gitterstäbe gekettet, hatte zu seiner linken einen schäbigen Klo-Trichter, zur Rechten einen grimmig den Gummiknüppel schwingenden „Polizisten“. (EJZ)

Das Wort oder die Vorstellung von einem „Käfig“ sei „nicht dazu geeignet, Emotionen abzubauen“, so Gabriel und kündigt an, Gespräche mit der Einsatzleitung der Polizei über die Notwendigkeit der Verwendung der Käfige zu führen.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft bietet der Bezirksregierung Kooperationsbereitschaft an: Entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke sollten von der Einsatzpolizei die „Mehrzweckzellen“ verteilt werden, incl. Telefon, Toiletten, Ruhemöglichkeit und Decken. Die Notgemeinschaft sorgt mit Siloplane für einen Wetter- und mit Strohballen für Wärmeschutz. Zur Stärkung der erschöpften Demonstrationsteilnehmer wird „White Wendish“, eine einheimische Schafsmilchspezialität, von BI-Vorständlern gereicht. Unter einer Decke können Polizei und Widerstand dann den weiteren Einsatz und ein gemeinsames Vorgehen bei X-vier deeskalierend klären. (PM Bäuerliche Notgemeinschaft, 2.2.2001)

Jochen Stay, März 2001; Bild: <a href="http://arbeiterfotografie.com/galerie/reportage-2001/2001-03-24-lueneburg-auftakt.html">arbeiterfotografie.com</a>„Die jetzt angekündigte Wiederaufnahme der Transporte macht alles nur noch schlimmer“, so Jochen Stay, Sprecher der Kampagne „X-tausendmal quer“ am 03. Februar. So könnten die Atomreaktoren weiterhin Müll produzieren, und die gefährlichen Atomzüge rollten wieder durch dicht besiedelte Gebiete. In Gorleben würden sich die Castoren häufen, obwohl niemand wisse, was nach der Zwischenlagerung angesichts eines fehlenden Endlagers werden solle. „Durch die deutsch-französische Vereinbarung ist deutlich geworden, dass da nicht nur ein um 180 Grad gewendeter Minister Trittin für Transporte eintritt, sondern dass Atompolitik Chefsache für Schröder ist“, so Stay. (dpa)

Am 03. Februar erklären sich 34 Pastorinnen und Pastoren der Kirchenkreise Lüchow und Dannenberg in einer Zeitungsanzeige solidarisch mit den Anti-Castor-Protesten im Wendland:

  • „Wir haben die bisherigen Castor-Transporte abgelehnt. Auch dem jetzt angekündigten Transport stimmen wir nicht zu. Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt.
  • Wir befürchten, dass mit diesem Transport Gorleben als Endlagerstandort zementiert wird.
  • Dieser Transport ist unvereinbar mit den geltenden Beschlüssen der evangelischen Kirche: (…)“
    („Erinnerung“, EJZ vom 3.2.2001)

Die deutschen Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen fordern am 05. Februar von der Bundesregierung, den  Erkundungsstopp für das Endlager-Projekt Gorleben wieder aufzuheben. Der Arbeitskreis der Standort-Bürgermeister befürchtet, „dass die atomaren Zwischenlager zu Endlagern werden könnten“. (EJZ)

In einem Brief an Niedersachsens Umweltminister Wofgang Jüttner und Bundesumweltminister Jürgen Trittin fordern am 05. Februar der Samtgemeinde Gartow SG-Bürgermeister Ulrich Flöter sowie der Bürgermeister der Gemeinde Gorleben, Herbert Kruges, einen Besuch der Politiker: Man würde „es begrüßen, wenn die Bundesregierung und ihre nachgeordneten Behörden, hauptsächlich das Bundesamt für Strahlenschutz, in unserer Region eine aktive Informationsarbeit zu den Fragen der Sicherheit und der Notwendigkeit von Castor-Transporten vor der Abwicklung den anstehenden Transporte durchführt“. (EJZ)

Mehrere Stunden lang durchsuchen Polizei und Beamte der Bundesanwaltschaft am 06. Februar ein Haus in Großwitzeetze. Eine dort lebende Frau wird verdächtigt, 1997 Gleise in der Nähe des Atomkraftwerkes Krümmel zersägt zu haben. Die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) bezeichnet die Polizeiaktion als „billigste Stimmungsmache gegen Atomkraftgegner“:

„Dass die Vorwürfe vor Gerichten nicht standhalten oder es zu gar keinen Prozessen kommt, interessiert ja hinterher keinen mehr. Hauptsache erstmal vorverurteilen“, so BI-Sprecher Mathias Edler.

In einer neuen Broschüre „Radioaktive Frachten unterwegs“ zum Thema Atomtransporte und Sicherheit informiert das Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), dass von Castortransporten „keine Gefahr für die Betroffenen“ ausgehe: „Es muss uns nachgewiesen werden und ist nachgewiesen, dass es kein Gesundheitsrisiko gibt“, so Wolfram König, Präsident des BfS am 06. Februar.

„Der Schönfärberei von Behörden und Betreibern werden wir unverdrossen mit Sachargumenten entgegentreten“, so die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) am 08. Februar.

Am 07. Februar kündigt die Initiative „X-tausendmal quer“ eine Sitzblockade auf der Schiene kurz hinter Lüneburg bei Wendisch Evern an.

„So wird es für den Castor-Zug nicht einfacher in den Landkreis zu rollen: Wir kommen ihm entgegen“, so Jochen Stay von der Initiative „x-tausendmal quer“.

In einem Schreiben an das Oberverwaltungsgericht Lüneburg beantragt Rechtsanwalt Nikolaus Piontek Anfang Februar die Einstellung des Verfahrens „Nicole“: Das Kind, das in unmittelbarer Nähe der Castor-Verladestation in Breese/Marsch wohnt und in dessen Namen gegen die 1997 erteilten Beförderungsgenehmigungen sowohl für bestrahlte Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken als auch für Glaskokillen aus Frankreich ins Zwischenlager Gorleben geklagt wurde. Das Kind sei in Haus und Garten nahe der Verladestation „einem unzulässig erhöhten Strahlenrisiko ausgesetzt“. In der Begründung zur Einstellung heisst es: Durch die „mittlerweile entstandene Ummantelung der Castor-Verladestation in Breese mit masssiven Betonplatten“ werde die Strahlenbelastung deutlich reduziert, sie „betrage nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Belastung“. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stimmt der Erledigung der Klage zu. Damit ist der Rechtsstreit beendet.

Auch ein Krisengespräch zwischen dem Grünen-Bundesvorsitzenden Fritz Kuhn und der Vorsitzenden der niedersächsischen Grünen-Landtagsfraktion, Rebecca Harms, führt am 09. Febuar zu keinem Konsens in der Frage, ob sich Grüne an den Castor-Protesten beteiligen sollten oder nicht.

Spaziergang am Castor-Gleis von Lüneburg nach Wendisch-Evern am 11.02.01, Bild: Gisela und Joachim Petersen, subkonturZu einem gemeinsam von „X-1000mal-Quer“ und dem AktionsBündnisCastor (ABC) aus Lüneburg organisierten „Bahnspaziergang“ von Lüneburg nach Wendisch Evern treffen sich AtomkraftgegnerInnen am 11. Februar. Etwa 300 AtomkraftgegnerInnen nehmen teil und werden von etwa 120 teilweise „übermotivierten“ PolizeibeamtInnen begleitet.

Am 12. Februar lehnen die Bürgerinititiative Umweltschutz (BI) und andere Umweltverbände eine Einladung zu einem Gespräch mit Bundesumweltminister Trittin am 20. Februar in Gorleben ab. Dieser wollte dort seine Position erläutern. Die Atommülltransporte stünden bereits fest, es gebe keinen Verhandlungsspielraum mehr, so die Verbände in einer gemeinsamen Erklärung. Daher mache ein solches Gespräch keinen Sinn. Gegen die kommenden Atommülltransporte „könnten nur noch Proteste helfen, um den Ausstieg aus der Atomkraft zu beschleunigen“. (AP)

Hinter dem Transport stehe die Absicht, die Entscheidung für einen ungeeigneten Salzstock und Gorleben als Endlager zu zementieren, so Peter Bauhaus, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg.

Unweit des Bahnhofs Hitzacker entdecken Beamte des Bundesgrenzschutz am 12. Februar einen etwa 1 Zentimeter tiefen Schnitt im Gleis. (EJZ)

Am 12. Februar findet im Lüchower Gemeindehaus eine Podiumsdiskussion zur Strahlenschutzverordnung statt. Moderiert wird der Abend von Knut Schwarting. Zu Gast ist Dr. Sebastian Pflugbeil, Vorsitzender der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Mit „heutigen Erkenntnissen“ habe die Strahlenschutzverordnung nichts zu tun, weil sie, wie auch alle Vorgänger, immer Jahre den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission hinterherhinke – und die sei, so Pflugbeil, „eine Atommafiosi-Vereinigung“. Unterm Strich werde „ein immer höheres Risiko akzeptiert“. (EJZ)

Ein „Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit“ der rot-grünen Koalition in einer Aktuellen Stunde des Bundestags fordert der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU, Hans-Peter Repnik, am 13. Februar. Die Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller bietet unterdessen der Polizei einen „vermittelnden Einsatz von Grünen-Politikern“ an: Diese sollen „zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln, wenn das von beiden Seiten gewünscht wird“. CSU-Landesgruppenchef Michael Glos fordert die Bundesregierung auf, die Atomtransporte nach Gorleben auf den Zeitpunkt vor den nächsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorzuziehen, was „ein Stück Ehrlichkeit gegenüber den Wählern“ wäre. Bundesumweltmnister Trittin könnte „in die Lokomotive“ des Atommülltransports, so Glos. (EJZ)

„Auf Castor-Transporte verzichten“ fordert am 14. Februar der DGB-Kreis Nord-Ost-Niedersachsen. Die Castorbehälter aus Frankreich sollten zur Aufbewahrung „in bestehenden Zwischenlagern an Kernkraftwerken standortnah an der Grenze nach Frankreich“ gebracht werden. Die enormen Kosten für diese umstrittenen Castor-Transporte seien „nicht mehr zu verantworten, ganz zu schweigen vom fehlenden gesellschaftlichen Konsens“. (EJZ)

18.2.2001 - Beschädigte Schiene bei Bavendorf, Foto: Gisela und Joachim Petersen, subkonturIn der Nacht zum 18. Februar sägen Unbekannte in der Nähe von Bavendorf zwei ca. 2,5 m Schienenstücke aus dem Gleis und legen es über Kreuz zu einem „X“ in das Gleisbett. Ein Zugführer bemerkt die abgesperrte, beschädigte Schiene und bremst rechtzeitig. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kritisiert die Aktion scharf: Gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr seien schwere Straftaten „und müssen mit der gebotenen Härte von Polizei und Staatsanwaltschaft verfolgt werden“. „Die Täter müssten Profis mit guten Schweißkenntnissen gewesen sein“, so das Resümee eines Polizeisprechers zu den Schneidarbeiten am Castor-Gleis.

Im westfälischen Ahaus, wo sich ebenfalls ein Atommüll-Zwischenlager befindet, findet am 18. Februar zum Auftakt der Proteste eine Anti-Atom-Demo statt.

Polizei schickt 130 „Konflikt-Manager“

„Wir können auch anders“ ist auf einem Anstecker der Polizisten zu lesen. Diese Aufklärungskampagne haben Polizei und BGS vor dem nächsten Castor-Transport organisiert und wollen so „mit Bürgern ins Gespräch kommen, deeskalieren, raus aus der Anonymität“. Die Polizei entsendet zum Castor-Transport 130 sogenannte „Konflikt-Manager“, die mit Demonstranten vor und während des Transportes ins Gespräch kommen sollen. Ziel des Ganzen: Deeskalation und Absage an Gewalt.

Das „Konflikt-Management“ der Polizei sei „nur ein PR-Mittel“, so die „Kurve“ Wustrow, Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion am 23. Februar. Das Konzept der Polizei entspreche in keiner Weise den Ansprüchen konstruktiver Konfliktbearbeitung. Es solle im Vorfeld nur sicherstellen, dass ein „durch hässliche Gewaltszenen angeschlagenes Bild der Polizei in der Öffentlichkeit in ein gesellschaftliche akzeptables Licht gerückt werde“. (EJZ)

Mummenschanz und Schienentanz

24.2.2001 - Mummenschanz und Schienentanz in Dahlenburg, Bild: Gisela und Joachim Petersen, subkonturUnter dem Motto „Mummenschanz und Schienentanz “ findet auf Einladung der Castor-Gruppe Dahlenburg am 24. Februar eine großen Kundgebung mit anschließendem Demonstrationsumzug zum Bahnhof Dahlenburg statt. Rund 1.200 Menschen nehmen teil und besetzen in Höhe der Ortschaft Seedorf etwa 20 Minuten lang die Bahngleise. Eine weitere Gleisbesetzung in Höhe der Ortschaft Dumsdorf wird verhindert. Bundesgrenzschutz und Polizei sind mit rund 750 Beamte, erstmals auch mit „Konfliktmanagern“, im Einsatz. Schon auf den Zufahrtsstraßen werden DemonstrantInnen gestoppt, Personalien festgestellt und Gepäck kontrolliert. Einigen AktivistInnen wird die Teilnahme an der Aktion verwehrt.

„Unser Ziel ist es, alle CastorTransporte zu stoppen und einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie herbeizuführen“, macht Klaus-Bernd Meyer von der Bäuerlichen Notgemeinschaft unmissverständlich deutlich. Der 1,90 m große Hüne hat sich als Teufel verkleidet, auf den Schultern trägt er ein gelbes Atomfass – Mummenschanz eben. (EJZ)

In Bahnhof von Kehl, nahe der deutsch-französischen Grenze, setzen sich am 24. Februar aus Protest gegen den angekündigten Atommüll-Transport etwa 25 Atomkraftgegner auf die Gleise und verhindern damit die Weiterfahrt eines Eurocity für 20 Minuten. Die Polizei greift nicht ein.

In einer „dimap“-Umfrage für die „Bild“-Zeitung und den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) haben 74 Prozent der 1.100 Befragten nichts gegen friedliche Demonstrationen gegen den Atommüll-Transport einzuwenden.

Am 26. Februar besucht Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) im „Haus des Gastes“ eine öffentliche Sitzung des Gorleben-Forums und steht Rede und Antwort zur „Sicherheit von Castor-Transporten“. „Wir können über den Atomkonsens streiten – aber nicht über die Rücknahme der Kokillen“, so Jüttner unmissverständlich. Von den Castoren gehe keine Gesundheitsgefährdung aus.  „Salopp und irreführend“ seien Jüttners Argumente, kontert die Bürgerinitiative Umweltschutz. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente sei keine „Drecksarbeit“, die die Franzosen für uns erledigen, wie Jüttner es beschrieben hatte.

„Die Plutoniumschmiede schädigt Mensch und Natur und sie ist kein Entsorgungsbeitrag“, so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Jüttner rede die Atommülltransporte „schön“.

Am 28. Februar findet in der Universität Lüneburg eine Podiumsdiskussion zur Polizeistrategie beim angekündigten Castor-Transport statt: „Flexibles Konflikt-Management der Polizei – eine Chance zum Vertrauensaufbau?“ Geplant war die Veranstaltung nur mit „handverlesenen Gästen“, doch die Bürgerinitiative Umweltschutz sagte die Teilnahme ab und forderte einen öffentlichen Rahmen. Die Bezirksregierung Lüneburg kommt dieser Forderung nach.

Das Polizeikonzept sei „schon im Ansatz für verfehlt“, so die BI. Denn die Polizei sei beim Castor-Transport Konfliktpartei und könne deswegen nicht gleichzeitig das Konflikt-Management besorgen.

„Bei einer Abwägung von Rechtsgütern hätte der Polizei auffallen müssen, dass Grundrechte wie körperliche Unversehrtheit bei der Durchsetzung des Transports oder die Einschränkung der Versammlungsfreiheit einen höheren Wert und Schutz geniessen als die Atommüllabfuhr“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. „Die Polizei kann diesen gesellschaftlichen Konflikt um die Atompolitik nicht lösen“.

1996/1997: BI „systematisch ausspioniert“

Anfang März wird durch die Einsicht in Ermittlungsakten öffentlich, dass Polizei und Verfassungsschutz vor dem Castor-Transport nach Gorleben im März 1997 AtomkraftgegnerInnen „systematisch ausspioniert“ haben:

Zwischen Oktober 1996 und März 1997 seien über 4200 Telefonate aufgezeichnet und 438 Seiten Fax abgefangen worden. Ein Auto der AtomkraftgegnerInnen sei mit einem Peilsender ausgerüstet, mit einer Wanze abgehört und von einem mobilen Einsatzkommando der Polizei verfolgt worden. Beamte hätten den Hof observiert, auf dem BI-Mitglieder lebten.

Das niedersächsische Innenministerium weist die Vorwürfe zurück: Die Polizei handele nach Recht und Gesetz. Die Aktionen seien „völlig illegal“ gewesen, meint BI-Anwalt Dieter Magsam.

Der Polizeieinsatz gegen die blockierenden Trecker in Splietau im Zusammenhang mit dem Castortransport 1997 war „unverhältnismäßig“ und daher rechtswidrig. Für die zerstochenen Reifen muss die Landeskasse drei Landwirten aus Lüchow-Dannenberg Schadensersatz leisten. Die Schadenssumme bezifferte die 2. Zivilkammer des Landgerichts Lüneburg am 1. März auf 14.000 Mark. (EJZ)

Ein riesiges „X“ formen zahlreiche Angestellte von Greenpeace am 1. März auf einem Acker bei Breese/Marsch: Rund hundert Mitarbeiter rollen 3.000 Quadratmeter gelbe Folie aus und bilden vor dem Riesen-X eine Menschenkette, die die Worte „Stop Castor“ ergeben.

„Die gefährliche Verschieberei von Atommüll von einem unsicheren Ort zum anderen hat nur den Zweck, den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke zu ermöglichen“, so Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace. „Wer nationale Verantwortung wirklich ernst meint, muss den Export von Atommüll sofort verbieten.“

Mit Sofortvollzug genehmigt das Bundesamt für Strahlenschutz Anfang März die Änderung der bisherigen Aufbewahrungsgenehmigung für das Transportbehälter-Lager Gorleben und ermöglicht damit die Einlagerung weiterer Behältertypen mit hochradioaktivem Atommüll. In den nun zugelassenen Castoren sind die Brennelemente „kompakter gebündelt“, die Genehmigung gilt für den Castor V/52 (Platz für 52 Brennelemente), den Castor V/19 (19 Brennelemente) sowie drei Varianten des Behältertyps TN 900/1-21 (18 bis 21 Brennelemente). Darin befinden dürfen sich auch Mischoxid-Brennelemente, doch deren Einlagerung ist in Gorleben gar nicht geplant. Bei einer nötigen Reparatur eines solchen Behälters in der Pilot-Konditionierungsanlage erlaubt die Genehmigung allerdings, dass der Castor dann in Gorleben bleiben kann und nicht an den Ort seiner Herkunft zurücktransportiert werden muss. Beantragt hatte die Zwischenlager-Betreiberin BLG die Änderung im Dezember 1997. (EJZ)

„Eine Nacht im Gleisbett“

Auf Einladung von „x-tausendmal quer“ nehmen am 3. März etwa 300 AtomkraftgegnerInnen in Pisselberg an der Gleisaktion „Eine Nacht im Gleisbett“ teil. Gegen 18.30 Uhr gelingt es einer Gruppe von 70 bis 80 DemonstrantInnen, das Castor-Gleis zum ersten Mal zu vereinnahmen. Der erste Räumungseinsatz von Polizei und BGS erfolgt prompt. Trotz Eiseskälte finden bis zum frühen Morgen auf Straße und Schiene weitere Widerstandsaktionen statt. 36 Personen werden im Laufe der Nacht in polizeilichen Gewahrsam genommen.

„Wenn es schon mit dieser überschaubaren Anzahl von Menschen trotz deutlicher Übermacht der Polizei möglich ist, auf die Schienen zu gelangen, dann bin ich sehr zuversichtlich für den Tag X Ende März“, so Jochen Stay, Sprecher von „x-tausendmal quer“. „Dann werden x-Tausende auf die Gleise gehen, um den Castor mit einer gewaltfreien Sitzblockade aufzuhalten.“

Am 3. März stirbt Undine von Blottnitz, eine prägende Perönlichkeit des Gorleben-Protestes, kämpferische Atomkraftgegnerin, ehem. Mitglied des Europäischen Parlamentes, Mitbegründerin der Partei DIE GRÜNEN.

„Undine hat nie aufgegeben. Mit eisernem Willen wollte sie auch diesmal wieder den anstehenden Castortransport blockieren …“ heisst es in der Todesanzeige.

Nach wochenlangem internem Streit schwächt die Grünen-Führung ihre harte Haltung zu Demonstrationen von Parteimitgliedern gegen Atommülltransporte nach Gorleben am 5. März ab: Die Verteidigung der Demonstrationsfreiheit schließe „auch Mittel des zivilen Ungehorsams und damit gewaltfreie Blockaden“ ein.

8.3.2001 - Greenpeace besetzt Verladekran in Dannenberg, Foto: Timo Vogt/randbildAm 8. März besetzen Greenpeace-AktivistInnen den Verladekran in Dannenberg. Mit einer Hubarbeitsbühne gelangen sie am frühen morgen auf das Dach der Verladestation für die Atommüllbehälter und pinseln ein großes „X“ an die Wand. Andere erklimmen einen Funkturm der Polizei, vor der Verladestation wird ein weißer Protest-Container auf die Bahnschienen gestellt. Die rund sechzig Aktivisten entrollen mehrere große Transparente mit der Aufschrift: „Stop Castor“. Vier Stunden lang dauert die Protestaktion, mithilfe der Feuerwehr werden die AktivistInnen geräumt und anschließend von der Polizei in Gewahrsam genommen.

„Der Gorleben-Transport ist das Schlüsselmoment, mit dem sich eine ganze Flut neuer Atomtransporte in Gang setzt. Ihm werden schon bald zahlreiche Atomtransporte mit hunderten Tonnen hochradioaktivem Müll in die Wiederaufarbeitungsanlage nach Frankreich folgen“, so Greenpeace-Energieexperte Veit Bürger.

Am 9. März findet vor dem Verladekran eine Pressekonferenz von Greenpeace, BUND, Nabu, BBU und Deutschem Naturschutzring statt. Sie alle rufen zu „friedlichem und gewaltfreiem Protest“ gegen den Atommülltransport auf. Parallel demonstrieren in Lüchow 400 SchülerInnen, auf den Transparenten ist u.a. „Mein letzter Wille: Keine Kokille“ zu lesen.

Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) sieht keinen Anlass dafür, dass Polizisten beim Castor-Einsatz per Namensschilder oder Nummern identifizierbar sein sollten. Das sagt der SPD-Politiker am 9. März in der Lüchower Polizeiunterkunft.

Am 10. März wird in der Elbe-Jeetzel-Zeitung das Versammlungsverbot der Bezirksregierung Lüneburg veröffentlicht. Es wird mit einer umfassenden Gefahrenprognose begründet und gilt für den Zeitraum vom 24.03., 00.00 Uhr, bis zum 08.04.2001, 24.00 Uhr entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke.

„Vor jedem Transport wird die Gefahrenprognose mit Unterstützung von zweifelhaften Vermutungen des Verfassungsschutzes und der Polizei künstlich so hoch geschraubt, dass die DemoVerbote überhaupt erlassen werden können. Diese Form der Kriminalisierung zielt direkt auf den massenhaften Bürgerprotest“, kritisiert BI-Sprecher Mathias Edler und kündigt rechtliche Schritte gegen die Einschränkung des Grundrechts ein.

Am 10. März blockieren etwa 35 AtomkraftgegnerInnen für ca. 10 Minuten einen Eurocity nach Frankreich im Saarbruecker Hauptbahnhof: Genau diese Richtung werden die Atommülltransporte nehmen, die nach dem Transport nach Gorleben stattfinden, so die AktivistInnen.

Auf dem Parteitag der Grünen am 10./11. März bekräftigt die Partei, dass der der Salzstock in Gorleben „als nukleares Endlager ungeeignet“ sei, die Teilnahme Grüner an den bevorstehenden Protesten im Wendland werde „gebilligt“. Die Demonstrationen und Aufrufe dürften sich aber „nicht gegen den Atomkonsens wenden“, heißt es in einem Beschluss.

„Castor stopp übersetzt man mit Atomkraft stopp, und zwar jetzt und nicht in 20 bis 30 Jahren“, kontert Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz.

Über 50 Frauen und Männer – so viele wie lange nicht mehr – kommen am 11. März zum Gorlebener Gebet an den Kreuzen zusammen. Die Kreuze, die einst auf „Kreuzwegen“ aus Geesthacht und Wackersdorf zu den Atomanlagen in Gorleben gebracht wurden, sind morsch, heisst es im Anschluss beim Jahrestreffen der Initiative „Gorlebener Gebet“ im „Haus der Begegnung“ in Gorleben. Die Anwesenden verständigten sich darauf, in diesem Jahr erneut einen Kreuzweg zu organisieren: Dieser solle entlang der Castor-Strecke von Lüneburg nach Gorleben führen. Dort soll dann ein drittes Kreuz aufgerichtet werden.

Als „Presse-Gag“ bezeichnet der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, am 12. März das Konfikt-Management der Polizei für den anstehenden Castor-Transport bezeichnet. „Es überrascht mich völlig, dass nicht 130, sondern nur 12 Beamte dafür im Einsatz sind“, so der Gewerkschafter. Erst wenige Tage zuvor hatte er die Strategie der Polizei bei einem Lüneburg-Besuch noch gelobt.

Zwei Transporte in 2001 geplant

Laut Elbe-Jeetzel-Zeitung am 13. März ist für November ein zweiter Castor-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das Zwischenlager Gorleben geplant. Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) lehnt diesen ab: Wegen der hohen Belastung der Polizei sei er „nicht verkraftbar“.

In den nächsten Jahren sollen insgesamt 163 Castoren nach Gorleben rollen: 124 aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, 39 aus dem britischen Sellafield, berichtet der Lüneburger SPD-Landtagsabgeordnete Uwe Inselmann. Demnach werden zunächst die Atommüllbehälter aus Frankreich in Gorleben eingelagert, von 2004 an die englischen. (dpa)

Bis Ende 2002 werden nach Auskunft von Bunlesumweltminister Jürgen Tritin (Grüne) die Kriterien für den Standort eines Atommüll-Endlagers in Deutschland vorliegen. Dort solle der gesamte deutsche Atommüll – egal ob schwach-, mittel- oder starkradioaktiv ab 2030 gelagert werden, so Trittin am 13. März. (dpa)

Am 13. März protestieren AktivistInnen von Greenpeace am Grenzübergang Kehl-Straßburg gegen die geplanten Atomtransporte zwischen Deutschland und Frankreich: Auf dem Gehsteig entlang der Europabrücke errichten sie eine Wand aus 150 gelben Fässern mit schwarzen Atomzeichen. (dpa)

Auch das Verwaltungsgericht Lüneburg urteilt: Die Reifenstecherei 1997 in Splietau war rechtswidrig. Die Polizei sei rechtmäßig vorgegangen, die Schlepper der Bäuerlichen Notgemeinschaft fhruntüchtig zu machen. Nicht mehr verhältnismäßig sei jedoch gewesen, die Reifen zu zerstechen. Die Reifenventile hätten auch mit Bolzenschneidern abgekniffen werden können. Das hätte „kaum mehr Zeit gekostet als ein Zerstechen der Reiten“, befand das Gericht. Da die Polizei bereits einen Tag zuvor darüber nachgedacht hatte, die Traktoren lahm zu legen, hätten die Werkzeuge dafür durchaus beschafft werden können. Der wirtschaftliche Schaden an den Traktoren wäre dann weitaus geringer gewesen, auch hätte es genügt, „an jedem Trecker nur zwei Reifen unbrauchbar zu machen“. (EJZ, 14. März)

„Protest ja – Gewalt nein“ prangt es um den 14. März von Plakaten im Landkreis, die von der Polizei in Auftrag gegeben wurden. Einige müssen aber wieder entfernt werden, weil sie an Bäume und Buswartehäuschen getackert wurden.

Castor absagen wegen Seuchengefahr

„Wir fordern: Der Castor-Transport muss wegen der MKS-Gefahr abgesagt werden“, betont die Vorsitzende der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Susanne Kamien, am 14. März gegenüber der Elbe Jeetzel Zeitung. Nur wenige Kilometer von jenem französischen Departements Mayenne, in dem die Maul- und Klauenseuche (MKS) ausgebrochen ist, verläuft die Transportstrecke, auf der schon bald Castor-Behälter nach Gorleben rollen sollen. Bei einer Podiumsdiskussion des Landvolk-Kreisverbandes zum Thema BSE im vollbesetzten Lüchower Gildehaus heisst es u.a.: „Am Liebsten wäre uns, wenn die Menschen beim Castor-Transport wegblieben“ , so Genf Lindemann, Leiter der Veterinär-Abteilung im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Landtagsabgeordnete Klaus Wojahn (CDU) spricht sich klar dafür aus, auf den Transport „in dieser Situation zu verzichten und ihn auszusetzen“. Die Auswirkungen einer eingeschleppten Seuche könnten „katastrophal“ sein. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) erklärt: „Das Einschleppen des Virus ist nicht auszuschließen. Damit ist der Transport verantwortungslos.“ Der Landkreis Lüchow-Dannenberg teilt mit, es sei ihm „nicht möglich, durch vorbeugende Maßnahmen ein Verbreitungsrisiko auszuschließen“.

„Es bleibt nur eine klare Forderung: der Transport muss gestoppt werden, um neben der Kontaminationsgefahr auch die Seuchengefahr zu minimieren“, so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Die BI sieht in der Seuche den klassischen Fall der „höheren Gewalt“ erfüllt.

Am 15. März wird der erste von sechs Castorbehältern für das Zwischenlager Gorleben von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mithilfe eines Straßentiefladers zur ca. 50km entfernten Verladestation auf Bahnwaggons in Valogne gebracht.

Nachdem Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling einen zweiten Castor-Transport in diesem Jahr abgelehnt hat, fordert die Initiative „xl000 mal quer“, auch den bevorstehenden Transport abzusagen: Wenn zwei Transporte für die Polizei nicht zu verkraften seien, stelle sich dies Problem auch beim bevorstehenden Transport, so Jochen Stay, Sprecher der Initiative. (EJZ, 16. März)

16.3.2001 - Greenpeace besetzt Sendemast im Zwischenlager Gorleben; Bild: Timo Vogt, randbildAm 16. März ruft Bundespräsident Johannes Rau die AtomkraftgegnerInnen zu „Friedfertigkeit bei ihren Protesten“ auf. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigt an, dass die Polizei „Gewalt nicht hinnehmen werde“. Zugleich lehnen der Bund und das Land Niedersachsen ein Verschieben des geplanten Transportes aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wegen der Maul- und Klauenseuche ab.

Gegen 6.00 Uhr am Morgen des 16. März überwinden Greenpeace-AktivistInnen mit Leitern den Zaun zum Zwischenlager in Gorleben und ketten sich an Lichtmasten fest. Während die Polizei sie mit Bolzenschneidern löst, klettern an anderer Stelle weitere AktivistInnen über den Zwischenlager-Zaun und 19 von ihnen erklimmen den 35 Meter hohen Sendemast. In unterschiedlichen Höhen ketten sie sich an entrollten Anti-Castor-Plakate. Nach mehreren Stunden fällte die Polizei Bäume um einen Leiterwagen in Stellung zu bringen. Mit dessen Hilfe gelingt ihnen die Räumung. Die Polizei nimmt 19 Personen vorübergehend in Gewahrsam.

Am 19. März befüllen 150 AtomkraftgegnerInnen auf dem Hof von August Harms in Splietau 10.000 Sandsäcke, darunter Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag. Diese sollen zu einem „symbolischen Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre“ gestapelt werden.

„Wir wollen in der Phase, wo die Atommüllcontainer von der Schiene auf die Straße umgeladen werden, in Dannenberg auf dem Marktplatz demonstrieren und anschließend unseren Protest gegen die wachsenden Atommüllberge unter Rot-Grün sichtbar zum Ausdruck bringen“, so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Dazu solle ein „symbolischer Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre“ aus den vielen Säcken errichtet werden.

In einem Verbots-Schreiben der Versammlungsbehörde an die AnmelderInnen von X-tausendmal quer, die mehrere hundert Meter außerhalb der 50-Meter-Zone um die Castor-Gleise vom 24. bis 28. März eine Dauermahnwache angekündigt hatten, heisst es: „Die örtliche Nähe zur Bahnstrecke, in der sich eine so hohe Zahl von Atomkraftgegnern aufhalten würde, kann auf keinen Fall hingenommen werden.“

„Wenn die Behörden versuchen, angemeldete friedliche Proteste mit Schikanen, Drohungen und Verboten zu vereiteln, wenn sie die Versammlungsfreiheit mit Füßen treten und zu keiner Kooperation bereit sind, dann betreiben sie im Vorfeld des Castor-Transports das Geschäft der Eskalation. Wir werden uns davon aber nicht abschrecken lassen, werden unseren gewaltfreien Protest und Widerstand weiter vorbereiten. Einer gerichtlichen Klärung sehen wir optimistisch entgegen und mobilisieren deshalb weiter nach Wendisch Evern“, so Jochen Stay, Sprecher von X-tausendmal quer am 19. März.

Demo-Cards, Bild: arbeiterfotografie.comRund 3.500 so genannte „Democards“ sind Mitte März im Umlauf und laden zu einer „Reise ans Ende der Demokratie“ ein. Die Idee dazu hatte Michael Seelig aus Kukate. 1.500 Cards wurden verschickt, etwa 2.000 weitere sind in Lüchow-Dannenberg im Umlauf.

„Die Democard sichert die uneingeschränkte Berechtigung, sich an den Castor-Demonstrationen zu beteiligen und ermöglicht vor allem das Betreten von Schutzzonen“, heisst es auf den Karten der „Republik Freies Wendland, die mit einer ordentlichen Portion Ironie Ratschläge zum Verhalten bei „Übergriffen gewaltbereiter Uniformierter“ geben.

Der sechste Castor-Behälter aus der WAA La Hague trifft am 22. März auf dem französischen Verladebahnhof Valogne ein.

Die von der Bezirksregierung erlassenen Einschränkungen für die geplante „Stunkparade“ am 25. März und für Demonstrationen an der Castor-Transportstrecke sind rechtmäßig, bestätigt das Verwaltungsgericht (VG) Lüneburg am 22. März. Die Bezirksregierung hatte verfügt, dass der Demozug nicht wie angemeldet über die Nordroute – über Grippel entlang der Landesstraße 256 – führen dürfe. Als Alternative wurde eine Südroute genehmigt: über Dünsche, Siemen und Gusborn. Das Verwaltungsgericht hat eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgemacht, dass auf der Nordroute Straßen zerstört werden und Trecker blockieren könnten. (EJZ)

Castor-Plakat März 2001Am 23. März bestätigt das Verwaltungsgericht Lüneburg die Verbote der geplanten Camps von Castor-Gegnern in der Göhrde bei Govelin und Tollendorf sowie in Wendisch Evern südwestlich von Lüneburg und das in Lüneburg-Hagen. Die Bezirksregierung Lüneburg hatte zuvor den Bereich um die Camp-Orte erweitert, für den sie und nicht der Landkreis Lüchow-Dannenberg nach dem Gefahrenabwehrgesetz für Versammlungen zuständig ist. Die Initiative „X-tausendmal quer“ und die Bezirksregierung einigen sich auf einen Alternativ-Standort zwischen Wendisch und Deutsch Evern, wo sich Castor-Gegner zwar versammeln aber kein Camp errichten dürfen. (EJZ)

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigt am 23. März das erlassene Verbot für die „Stunkparade“ die Castor-Nordroute zu nutzen. In der Begründung heisst es: „Die Prognose sei nicht von der Hand zu weisen, dass es auf der Strecke, auf der am Mittwoch auch der Castor rollen soll, zu Treckerblockaden und Straßenzerstörungen komme“. (EJZ)

Rund 50 Schülerinnen und Schüler besetzen am 23. März die Sporthalle des Landkreises in Dannenberg und fordern, dass diese als „Camp“ für auswärtige Anti-Castor-Demonstranten zur Verfügung gestellt wird.

Auftaktdemonstration in Lüneburg

Am 24. März findet in Lüneburg die Auftaktdemonstration zu den Castor-Protesten statt. Ein Sternmarsch führt von den Sülzwiesen und dem Bahnhof zum Clamartpark, wo sich 16.000 Menschen versammeln.

Trotz Kälte und feinem Nieselregen macht sich Volksfeststimmung breit, zumal die Kundgebung durch zwei Musikgruppen („Die Schnitter“ und „Meschpokemina“) musikalisch aufgelockert wird. Der Unmut der RednerInnen richtet sich in erster Linie gegen die Grünen als Atom- und Kriegspartei. In die Kritik gerät auch das neu kreierte Konfliktmanagement der Polizei: Zwölf Konfliktbeamte in Relation zu den etwa 30000 bewaffneten Einsatzkräften „können das Konzept vor der Öffentlichkeit nicht als glaubwürdig erscheinen lassen“.

Die repressive Strategie der Polizei zur Verhinderung von Camps und das Verbot von Demonstration und symbolischer Sandsackaktion der BI Umweltschutz, die für den kommenden Dienstag angemeldet war, wollen die Atomkraftgegner/innen nicht widerspruchslos hinnehmen: In den frühen Morgenstunden des 25. März legt die BI-Anwältin Karin Sehr Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlruhe eingelegt.

„Während die Bezirksregierung mit ihren polizeilichen ‚Konfliktmanagern‘ offiziell von einer entspannten Situation spricht, wird hinter dem Rücken das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in unserer Region faktisch aufgehoben“, so BI-Sprecher Mathias Edler. Mit der Eilentscheidung beim Bundesverfassungsgericht soll „die demokratische Verfassung im Wendland wieder hergestellt werden“.

Stunkparade

Am 25. März wird „Stunk gemacht“: Die Bäuerliche Notgemeinschaft hat den bunten Umzug von Gorleben bis nach Seerau bei Hitzacker angemeldet. Um 16.00 Uhr findet dort die Abschlusskundgebung unter dem Motto „Die Saat geht auf“ statt.

„Überall im Landkreis konnte man auf Treckerkolonnen treffen, die auf dem Wege zur STUNKPARADE waren“, schreibt der „TagX-Ticker“.

Fast 400 Trecker fahren auf, von denen viele karnevalistisch dekorierte Anhänger ziehen, mit fröhlich winkenden Menschen darauf und mit originellen Spruchplakaten und vielen Widerstand symbolisierenden X-Kreuzen versehen. Der bunte, fast 10km lange Protestzug führt von den Gorlebener Atomanlagen über Gedelitz, Dünsche, Siemen, Gusborn, Dannenberg bis Seerau/Hitzacker. In Splietau wird, weil dort die Atommülltransportstrecke befahren wird, der Treck von ein massiven Phalanx von Räumfahrzeugen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen der Polizei „eskortiert“. Eine Demonstration führt von Hitzacker nach Seerau. Die ganze Unternehmung wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. Parallel gelangen bei Eichhof / Nahrendorf etwa 250 Menschen auf das CASTOR-Gleis.

„Von Abbröckeln, Einverständnis mit dem Atomkonsens oder anderen Versuchen, das politische Anliegen kleinzureden, keine Spur“, betont die Bürgerinitiative Umweltschutz.

Am Nachmittag des 25. März wird das Camp in Htzacker von der Polizei umstellt, weil sich dort angeblich „Autonome“ aus Richtung Lüneburg aufhalten sollen. Entlang der Castor-Schiene werden Autos durchsucht und Gewahrsamnahmen angedroht.

Am 26. März um 6:45 Uhr verlässt der Atommüll-Zug mit sechs Castorbehältern, in denen sich 85 Tonnen hochradioaktiver verglaster Müll befindet, den französischen Verladebahnhof Valogne. Direkt bei der Abfahrt blockieren Greenpeace-AktivistInnen den Zug kurzzeitig, einige Kilometer weiter in Cherbourgh wird der Zug nochmals etwas aufgehalten.

„Ich appelliere an diejenigen, die friedlich demonstrieren wollen, sich an die Anordnungen der Behörden und Polizei zu halten“, so Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) am 26. März. Dann werde es „weniger oder vielleicht gar keine Konflikte geben“: „Ich werbe um Verständnis dafür, dass die Polizei zeitnah zum Transport die Transportwege frei halten muss. “

26. März: Das Wendland vor dem Castortransport

„Die Sonne scheint, Tausende Schlafplätze in privaten Häusern, Kirchen, Turnhallen und Schulen stehen den Demonstranten für die nächsten Tage noch zur Verfügung; viele Versorgungsstände entlang der Transportstrecke bieten warmes Essen und Getränke an“, so BI-Sprecher Mathias Edler.

Die Situation an der Castortransportstrecke bleibt den ganzen Tag über angespannt:

Rund 1 000 Menschen gehen als Aktionsgruppe „x-tausendmal quer“ trotz ständiger Polizeibewachung bei Wendisch-Evern auf die Schiene. Nach einer stundenlangen Blockade werden 400 Menschen in Schienenbussen nach Lüneburg transportiert und in „Verbringungsgewahrsam“ genommen.

Jochen Stay, der Sprecher der Initiative „x-tausendmal quer“, wird in Gewahrsam genommen, weil er zu Straftaten aufgerufen habe – so die richterliche Anordnung. Stay habe „verklausalisiert, aber doch verständlich zum Landfriedensbruch aufgerufen: einer Schienendemontage“, so das Gericht.

Die SprecherInnen rufen laut verschiedene Kennworte aus. Das ist das Zeichen für die einzelnen Gruppen, sich zu versammeln. Kurz werden Information gegeben. Dann marschieren auch schon fast tausend gutgelaunte und festentschlossene Leute zügig in Richtung Gleis los. Zunächst in zwei getrennten Zügen, um die Polizei zu irritieren. Man will deren zur Zeit noch dünne Präsenz unbedingt ausnutzen, um einen Durchbruch zum Gleis zu schaffen. Schließlich schwenken beide Züge in die gleiche Richtung. Mühsam geht’s jetzt querfeldein über Äcker, Wiesen und durch Wald. Stacheldrahtzäune sind zu queren, und das alles schwerbepackt mit Materialien, die das Leben während einer langen Besetzung erleichtern sollen: Strohsäcke, Matten, Schlaf- und Rucksäcke. Immer wieder werden die Hastenden per Megaphon zu weiterer Eile aufgerufen, um der Polizei zuvorzukommen. Schließlich ist hohe Böschung erreicht. Unten liegt das Gleis. Jetzt noch einige zwanzig, dreißig Meter Kletter- oder Rutschpartie abwärts und das Ziel des Begehrens ist erreicht. Erleichterung! Nun richtet man es sich im Gleisbett ein, so bequem es irgend geht. Alle genießen diesen Teilerfolg und die Stimmung ist dementsprechend gut. Der ebenfalls herbeigeeilten aber zahlenmäßig unterlegenen Ordnungsmacht bleibt nichts anderes übrig, als dem munteren Treiben zunächst tatenlos zuzusehen.

Nach dreimaliger Aufforderung zum Verlassen des Gleises beginnt die Polizei mit dem Räumen. Die ersten DemonstrantInnen werden vom Gleis gezogen oder getragen. Nun geht’s die hohe Böschung hinauf. Zu dritt, viert und sogar zu fünft bemühen sich die PolizistInnen, die passiven Widerstand leistenden DemonstrantInnen samt Gepäck die Böschung hochzutragen oder zu zerren und zu schleifen, wenn es gar nicht anders geht. Ein kleiner Bruchteil der BesetzerInnen gelangt auf diese Weise nach oben. Dann bricht der Einsatzleiter die Räumung ab und fordert aus Lüneburg einen Einsatzzug mit einer Eingreiftruppe aus Sachsen an.

Trotz Übergriffe lassen sich die Protestierenden heiter und guten Mutes in den Zug verfrachtet, der sie nach Lüneburg bringt, wo die Menschen mit Reisebussen an verschiedenen Orten, etwa 100 km voneinander entfernt gefahren werden. Die überwältigende Mehrheit erreichte noch in derselben Nacht wieder das Camp in Wendisch Evern. (subkontur.de)

weitere Aktionen:

Bei Nahrendorf machen sich rund 400 Menschen aus dem dortigen „Camp“ zu einer angemeldeten Mahnwache auf den Weg. Die Polizei kesselt 150 CastorgegnerInnen ein und überführte sie nach Neu-Tramm in die Gefangenensammelstelle.

26.3.2001 - Bei Leitstade; Foto: de.indymedia.org300 Menschen entfernen in der Nähe von Leitstade auf einer Länge von ca. 100 Metern Schotter und verbiegen die Gleise mit Hilfe von Wagenhebern.

In Hitzacker spielen Schülerinnen und Schüler der dortigen Freien Schule Skat auf den Gleisen und veranstalten ein Volleyballtournier am Bahnübergang.

300 SchülerInnen demonstrieren am frühen Nachmittag von Dannenberg nach Pisselberg.

400 Fahrradfahrer/innen und Skater machen sich um 16 Uhr auf den Weg vom Castorverladekran in Dannenberg nach Gorleben.

Aus Splietau holen einige hundert CastorgegnerInnen die dort lagernden Sandsäcke ab und lassen sie auf dem Weg nach Dannenberg auf der Castor-Transportstrecke plumpsen. Stundenlang blockieren Bauern mit 6 Traktoren den Ortsausgang Splietau. 500 bis 600 Menschen laden dort zusätzlich Anhänger mit Sandsäcken ab und schichteten sie zu einem „Schutzwall“ auf. Die Polizei drängt die Menschen schließlich nach vier Stunden Besetzung von der Straße und entfernt die Säcke mit schwerem Räumgerät.

Am Abend muss nach einem Anschlag auf die Hochspannungsleitungen ein ICE in Uelzen pausieren.

„Trotz der massiven Polizeipräsens gelingt es immer wieder, mit phantasievollen Aktionen den Widerstandswillen zum Ausdruck zu bringen“, resümiert die Bürgerinitiative Umweltschutz.

27. März: Castorzug durch Deutschland

Im Ortsbezirk Maximiliansau der Stadt Wörth am Rhein, an der deutsch/französischen Grenze blockieren kurz vor Mitternacht etwa 20 AktivistInnen den Atommüllzug. Die Polizei nimmt die Menschen in Gewahrsam, ein Wasserwerfer kommt zu Einsatz. Um 0.27 Uhr erreicht der Atommülltransport den Bahnhof Wörth.

Um 04.22 Uhr durchfährt er Pforzheim, um 5.15 Uhr Walheim und um 5.33 Uhr Heilbronn. Kurz nach 6.00 Uhr befindet sich der Castor in Lauda, südlich von Würzburg.

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Um 7.00 Uhr wird die Eisenbahnbrücke in Oldendorf, Lüchow-Danneberg, von der Bäuerlichen Notgemeinschaft mit 10 Traktoren blockiert. Die Polizei räumt die Brücke, es kommt zu 15 Festnahmen, einem der Bauern wird dabei der Arm ausgekugelt.

Parallel entern um kurz vor 8.00 Uhr 50 AktivistInnen von Greenpeace die Jeetzel-Brücke bei Seerau / Hitzacker. Die Umweltschützer sind zunächst von der Polizei unbemerkt mit Schlauchbooten unter die Brücke gefahren und haben die Schienen mit Spezialleitern und Seilen erklommen. Auf den Gleisen haben sie Ketten befestigt, mit denen sie die Kletterer unter der Brücke sichern. Zwischen den beiden Brückenpfeilern entrollten sie ein 10 auf 5 Meter großes, dreieckiges Transparent mit der Aufschrift: „Stop Castor“.

„Die vielen Protestaktionen, die den Atomtransport begleiten, sind ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Atomenergie gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Daran hat auch der Atomkonsens nichts geändert“, so Veit Bürger, Energieexperte bei Greenpeace.

Castorstrecke nach Gorleben März 2001

Castorstrecke nach Gorleben im März 2001

Um 9.23 Uhr durchfährt der Atommülltransport Fulda im Schritttempo. Eine Blockade von ca. 50 AtomkraftgegnerInnen in Bebra wird von der Polizei gegen 9.45 Uhr geräumt. Gegen 12.00 Uhr verlässt der Transport dann Bebra in Richtung Kassel. Schon Stunden vorher erteilt der Bundesgrenzschutz auf dem Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe 15 DemonstrantInnen einen Platzverweis.

Im Wendland werden unterdessen von der Bäuerliche Notgemeinschaft zahlreiche Strassenkreuzungen blockiert, um „Polizeikräfte zu binden und Nachschubwege zu stören“: In Jameln versperren 20 – 30 Traktoren mit Strohballen und ca. 3000 Sandsäcken die Straße, in Prisser sind es 15 Traktoren, die Kreuzung wird mit 1000 Sandsäcken abgesichert. In Lüchow blockieren 15 Traktoren den Kreisel am Ortsausgang Richtung Salzwedel. In Pudripp ist die Bundesstrasse 191 ebenfalls blockiert, auf der Kreuzung in Küsten sind 500 Sandsäcke abgeladen worden.

Um 14.04 Uhr durchfährt der Castorzug Altenbeken in Richtung Hameln (14.35 Uhr).

Gegen 14.30 Uhr besetzen etwa 600 bis 700 Menschen von „X-tausendmal quer“ bei Wendisch-Evern erneut die Gleise. Eine zweite Gruppe wird mit „hartem Schlagstockeinsatz“ daran gehindert. Zahlreiche AktivistInnen werden in einen Zug gebracht, der sie in Richtung Lüneburg und weiter nach zum Teil nach Celle, zum Teil ins südliche Schleswig-Holstein, abtransportieren soll.

Mit X-1000 in Wendisch-Evern

Nach ausgiebigem Frühstück bei Rampenplan treffen wir Gruppe „Mettwurst“ zur Bezugsgruppenbesprechung: über SMS-Verteiler ist die Meldung rausgegangen: „11 Uhr, X-1000malquer Schienenblockade“. Heute morgen sind wieder erheblich mehr Menschen im Camp, schätzungsweise 600.

Als Beziehungspunkt im Demo-Treck: das gelbe X, wir sind der „Mittelfinger“. Der Zug soll sich nämlich ca. 50 Meter vor der Polizeikette aufsplitten in 5 Finger, so wird die Kette auseinandergerissen und wir würden durchkommen können. Alles wartet, unsere Bezugsgruppe wird noch einmal grösser, einige packen die Sachen, es kann sein, dass wir auf den Gleisen übernachten werden, ausserdem scheint sogar die Sonne: Widerstandswetter; etwa gegen 2 Uhr geht es los. Wir formieren uns auf der Strasse und marschieren Richtung Wendisch Evern los. Die Polizei hat anscheinend nicht viel mitbekommen bzw. unsere Ankündigung nicht wahrgenommen: kaum eine Wanne zu sehen. Wir laufen, viele „bewaffnet“ mit Strohsack, Rucksack, Isomatte und Schlafsack quer über die Felder, durch ein Waldstück, unter Stacheldraht hindurch und über Zäune hinweg geradewegs auf die Bahnstrecke zu. Doch tatsächlich ist auch schon Polizei da, nur ca. 20 stehen etwas verloren herum. Aber die Wannen kommen: flankiert von Polizisten laufen wir die letzten hundert Meter in Richtung Transportstrecke. Immer wieder „Mettwurst“ Rufe, die Gruppe soll möglichst zusammen bleiben, nur nicht ganz einfach bei unterschiedlichem Gepäck und Kondition. Ohne Probleme, die Polizei gibt sich keinerlei Mühe, erreichen wir den Bahndamm und stürzen uns in’s Tal. Auf den Schienen fallen wir uns die Arme: es ist tatsächlich geschafft; und es war so einfach: wir sitzen auf der Transportstrecke! Unsere Bezugsgruppe wird schnell wieder komplett, Klamotten müssen erstmal ausgezogen werden: kommt man ganz schön in’s schwitzen beim Lauf gegen die Zeit bzw. Polizei. Wir machen es uns bequem auf den Gleisen, es herrscht eine tolle Stimmung, oben auf dem Bahndamm rollen immer mehr Wannen an. Auf dem Gleis befinden sich ausser uns noch jede Menge Kamerateams, Fotografen… und immer mehr Polizei. Die bilden von vorn angefangen hinter uns eine Kette, wir kommen mit einem ins Gespräch: was ihn in erster Linie hier stört ist die Ordnungswidrigkeit, die wir gerade begehen, der Rest ist ihm nicht so wichtig… (Jan Becker, März 2001)

Am Nachmittag formieren sich rund um den Verladekran in Dannenberg mehrere Blockaden mit mehreren hundert Menschen und dutzenden Treckern.

Am Nachmittag spricht sich der Vorstandsvorsitzende des Düsseldorfer Energieriesen E.ON, Ulrich Hartmann für ein Atommüll-Endlager in Gorleben aus: „Gorleben ist geeignet und soll es auch werden.“

Um 16.25 Uhr fährt der Atommüllzug durch Uelzen und erreicht gegen 17.15 Uhr Lüneburg. Parallel schaffen es ca. 150 AktivistInnen bei Lüneburg die Transportgleise zu besetzen. Sie werden von der Polizei geräumt und mit bereitstehenden Bussen nach Buchholz i.d.N. gebracht.

Gross war der Jubel, als sich zeigte, dass die Lüneburger Sitzdemo derart gut terminiert war, dass die Rückfahrt des Gefangenen-Zuges nach Lüneburg blockiert wurde, in den die Sitzdemonstrierenden von Wendisch-Evern (X-tausendmal-quer) gesetzt worden waren. Genau zu diesem Zeitpunkt fuhr auch der Castor-Zug in den Lüneburger Bahnhof ein und war somit wegen der eingleisigen Streckenführung ebenfalls blockiert. (Karsten Hilsen / subkontur.de)

27.3.2001 - Greenpeace-Schienenwunder bei Oldendorf; Bild: de.indymedia.orgUm 18.00 Uhr treffen sich ca. 5 000 Menschen zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz in Dannenberg. SprecherInnen sind Pastor Rolf Adler, der Schüler Willi Andrick und die BI Vorsitzende Edelgart Gräfer. Gegen 19.00 Uhr bewegen sich die Demonstranten, mittlerweile an die 10 000, auf die Esso Wiese. Es kommt zu einem Zwischenfall, bei dem Flaschen auf ein Polizeifahrzeug geworfen werden. Es werden unter den „Autonomen“ Provokateure der Polizei ausgemacht.

Gegen 19.00 Uhr gelingt es 8 AktivistInnen von Greenpeace, sich in Oldendorf mithilfe eines „Kastens“ an der Schiene festzuketten. Zeitgleich rollt der Castor-Zug im Schritttempo durch Wendisch Evern.

Auf einer Wiese in der Nähe am Hof Harms in Splietau werden gegen 19.00 Uhr neun FahrerInnen von Traktoren festgenommen. Dabei werden auch Reifen zerstochen, Ventile abgekniffen und Scheiben zerschlagen.

Wenige hundert Meter westlich der Haltestelle Bavendorf kettet sich gegen 20.00 Uhr ein Aktivist von Robin Wood mit einem Stahlrohr an das Eisenbahngleis. Zur Räumung muss die Polizei ein Stück Schiene heraustrennen. Ein paar Kilometer weiter ist ein weiterer Aktivist angekettet. Gegen 21.00 Uhr blockieren bei Dumstorf 20-30 Menschen die Schienen und werden von der Polizei abgedrängt. Im Bahnhof Dahlenburg sitzen ca. 100 Menschen auf dem Bahnübergang.

Gegen 21.30 Uhr kann der Atommüllzug seine Fahrt in Bavendorf fortsetzen. Zwei Greenpeace-AktivistInnen sind weiterhin in Oldendorf in einem Rohr an die Gleise gekettet.

27./28. März: Der Betonblock von Süschendorf

27. März 2001 - Betonklotz von Süschendorf, Bild: Hinrich Schultze / hinifotoVier AtomkraftgegnerInnen – drei WendländerInnen und ein Aktivist von Robin Wood – gelingt es gegen 22.00 Uhr, bei Süschendorf an die Schiene zu blockieren: Jeweils ein Arm steckt angekettet in einem Rohr, das unter den Schienen in einem Betonklotz führt. Daneben hat sich ein Aktivist mit einem Rohr an die Gleise gekettet. Gegen 22.30 Uhr erreicht der Castor die Blockade. Stundenlang werden weder Journalisten noch Ärzte zu der Aktion durchgelassen.

Gegen 22.30 Uhr beschlagnahmt die Polizei 30 Motorräder des Motorradclubs „IDAS“ und verhaftet deren Fahrer. Im Laufe des wurden ca. 1.500 Menschen verhaftet oder in Gewahrsam genommen.

Nach Mitternacht sind bei Hitzacker drei weitere Menschen am Gleis angekettet. In der Nähe von Tangsehl werden auf einem Weg, der von der Polizei als Verkehrsweg gebraucht wird, zwei große Misthaufen abgeladen. Gegen 3.30 Uhr wird gemeldet, dass sich zwischen Leitstade und Tangsehl ein weiterer Robin-Wood-Aktivist an die Gleise gekettet hat.

Seit 5.00 Uhr steht der CASTOR-Zug am Bahnhof Dahlenburg. Der Strahlenzug „parkt“ jetzt im Abstand von 25 m zu einem Wohnhaus; das nächste Familie lebt etwa 150 m entfernt. Die BewohnerInnen sind in Sorge wegen der Strahlung.

Gegen 11.00 Uhr ist es der Polizei gelungen, zwei der vier AktivistInnen in Süschendorf aus dem Betonblock zu lösen. Wegen Unterkühlung kommt ein Aktivist ins Krankenhaus. Gegen 11.30 Uhr wird ein Reparaturzug, der auf dem Weg nach Neetzendorf ist, von AtomkraftgegnerInnen in Lüneburg blockiert. Gegen 13.15 Uhr löst die Polizei die dritte Person aus dem Betonblock.

„Der nur mit massivem Polizeieinsatz durchsetzbare CASTOR-Transport dient als Türöffner für weitere Transporte in die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague“, kommentiert Bettina Dannheim, Energiereferentin von ROBIN WOOD, die Aktion. „Der Transport sichert der Atomindustrie den ungestörten Weiterbetrieb. Fände er nicht statt, würde einigen Atomkraftwerken die Abschaltung drohen.“

Gegen 14.00 Uhr wird der letzte Blockierer sind aus dem Betonklotz herausgeschnitten. Auf der gesamten weiteren Strecke Richtung Dannenberg finden größere und kleinere Blockaden statt.

„Die Atommülltransporte ins Wendland sind politisch nicht durchsetzbar, wir erleben erneut den Ausnahmezustand“, so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz in einer Zwischenbilanz.

Um 16.50 Uhr verlässt der Atommüll-Zug den Bahnhof von Dahlenburg und setzt seine Fahrt nach Dannenberg mit mehr als 20 Stunden Verspätung fort. In Seerau stehen sich 500 AtomkraftgegnerInnen und eine große Anzahl Polizei gegenüber.

In der Göhrde kommt es bei Süschendorf, Bahnkilometer 201, zu einer Blockadeaktion der Gleise, die Polizei drängt die Menschen in den Wald zurück.

Nach etlichen weiteren, kleineren Verzögerungen erreicht der Castortransport um kurz vor 19.30 Uhr den Verladebahnhof Dannenberg-Ost.

Kurz nach der Durchfahrt des Zuges umstellt die Polizei überraschend zwei Stunden lang die Esso-Wiese in Dannenberg, Wasserwerfer kommen zu Einsatz. Atomkraftgegner werden mit „zum Teil brutalstem Knüppeleinsatz verfolgt“.

„Wer gegen friedliche Sitzblockaden mit Polizeiknüppeln vorgeht, erschlägt nicht nur jedes Argument, sondern auch das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat“, so Günter Metzges, Pressesprecher von „X-tausendmal quer“.

28.3.2001 - Polizei an der Esso-Wiese; Bild: de.indymedia.orgAm Rande kurioses: Die Privatautos der beiden BI-Sprecher Wolfgang Ehmke und Mathias Edler werden mit Messerstichen in die Reifen lahmgelegt. Während Edler und Ehmke jeweils über einen Lautsprecherwagen die Menschen auf dem Platz zur Ruhe und Besonnenheit, gleichzeitig aber auch die Polizei zum sofortigen Verlassen des von der Stadt Dannenberg gepachteten Geländes auffordern, stehen die betroffenen PKW innerhalb der teilweise fünfreihigen Polizeiketten, die die Esso-Wiese umstellt haben. Weder die Besitzer selbst, noch andere Zivilpersonen können in diesem Zeitraum den rückwärtigen Teil des Geländes, wo die Autos mit vielen anderen zusammen geparkt stehen, betreten.

„Nun raten Sie mal, wer da wohl hinter steckt?“, fragt BI-Sprecher Edler. „Außer der Polizei dürfte sonst niemandem bekannt sein, welches Auto wem zuzuordnen ist“, gibt Edler zu bedenken.

Der später nicht durchgesetzte Räumungsbefehl für die Presse-Stelle der Bürgerinitiative geht nach Aussage des Einsatzleiters vor Ort auf eine direkte Anordnung aus der Einsatzleitstelle in Lüneburg zurück. AtomkraftgegnerInnen unterstellen der Polizei einen „Racheakt“ für die lange Verzögerung des Atomtransports.

Während des Verladevorgangs der sechs Castor-Behälter vom Waggon auf Straßentieflader im Bahnhof Dannenberg-Ost messen die Umweltschutzorganisationen Greenpeace, Robin Wood und die Fachgruppe „Radioaktivität“ der Bürgerinitiative (BI) gemeinsam die Strahlung der sechs HAW 20/28 Behälter: Eine vorläufige Auswertung der Messdaten „widerlege zweifelsfrei die von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und dem Bundesumweltministerium (BMU) vertretene Aussage, dass die Strahlenintensität in einer Entfernung von 10 – 20 m von den Behältern bereits soweit abgenommen habe, dass sie mit der natürlichen Strahlung vergleichbar sei“, heisst es in einer Pressemitteilung. In 24 m Entfernung sei eine um den Faktor 3,4 erhöhte Gammastrahlung im Vergleich zum Mittel der natürlichen Strahlenintensität gemessen worden.

„Wie kann eine Regierung von der Bevölkerung erwarten, dass sie sich an hanebüchen begründete Demonstrationsverbote hält, wenn sich die seit 25 Jahren in die Welt posaunte angebliche ‚Ungefährlichkeit‘ der Atomenergie jedesmal wieder als reine Verharmlosungstaktik entpuppt“, fragt BI-Sprecher Mathias Edler.

29. März – Straßentransport

Früher als damit gerechnet starten die sechs Atomtransporter am Morgen des 29. März auf die letzten Etappe vom Verladebahnhof Dannenberg zum Zwischenlager Gorleben, das nach nur ein einhalb Stunden um 08.20 Uhr erreicht wird.

Nach den beiden Gleisblockaden bei Wendisch-Evern am 26. und 27.03. hatte X-tausendmal-quer zur Blockade bei Laase (Castor-Straßenstrecke) mobilisiert: „So nah am Durchbruch waren wir noch nie. Kommt ins Wendland. Beteiligt Euch am Ausstieg“ (SMS). Am frühen Morgen drohte die Polizei, das Camp in Laase einzukesseln und zu räumen. Daraufhin entschloß man sich, zur Straße Laase – Gorleben aufzubrechen, um dort den Castor zu blockieren. Als die ca. 2 000 TeilnehmerInnen dort ankamen, war bereits die Polizei mit einigen Hundertschaften und einer Reiterstaffel vor Ort. Ferner wurden weitere Polizeibeamten per Hubschrauber eingeflogen. Die DemonstrantInnen verzichteten auf einen gewaltsamen Durchbruch durch die Polizeikette. Überraschend schnell traf dann der Kordon mit den sechs Castor-Tiefladern ein und rollte ohne Unterbrechung an den zunächst enttäuschten ZuschauerInnen vorbei. Kurz danach aber bildeten sie alle zusammen einen großen Kreis, in dessen Mitte sich zwei lange Menschenketten zu einem X formierten. Dieses Symbol des Widerstandes löste sich dann zu einem ausgedehnten Zug auf, an dessen Spitze eine Musikantengruppe für aufrichtende Stimmung sorgte, die auf alle übergriff. So feierte man denn alle Aktionen als einen großen Erfolg, fest entschlossen, sich beim nächsten Castor-Transport wieder querzustellen. (subkontur.de)

Strassentransport in Laase

…Wir laufen mit ca. 100 Leuten durch Gross Gusborn, die Polizei wird wach: wir betreten die Transportroute und werden sofort über Lautsprecher aufgefordert, sie unverzüglich zu verlassen. Wir wollen aber bloss die Strasse überqueren, bekommen von Polizeischeinwerfern Licht. Über Wiesen und Felder laufen wir durch Wälder, etwas ohne Plan, zu dritt wird mit der Karte versucht, einen Weg zu finden. Die Polizei hat uns relativ schnell ausfindig gemacht, Hubschrauber kreisen. Nach 2 stündigem Marsch erreichen wir Laase, inmitten eines riesigem Polizeiaufgebot. Und auf der Elbuferstrasse fährt der CASTOR schon in Sichtnähe. Wir laufen durchs Dorf, einige aus unserer Gruppe direkt zur Strasse, wir folgen der Masse, und kommen auf eine Wiese hinter Laase, direkt an der Transportroute, auf der schon ca. 1000 Menschen versammelt sind. Links, zur Strasse hin eine Polizeikette, ca. 500 Meter lang, Polizist neben Polizist. Alle gepanzert und mit Schlagstock – ein monströser Anblick, er lässt jede Hoffnung auf ein Betreten der Strasse verpuffen…

Angeführt von 2 Wasserwerfern fährt dann der erste Transporter vorbei, in einem stattlichen Tempo, die begleitenden Polizisten müssen ganz schön rennen. Erheiterung kommt auf: „www.kernenergie.de“ ziert die Castoren anstatt einer schlichten Plane, die werben hier für ihr Web-Seite. Keine 2 Minuten später ist der Spuk vorbei, nur noch eine Menge Wannen fahren hinter den CASTORen her. Die Akteure von X-1000mal quer regen dazu an, einen grossen symbolischen Kreis auf dem Feld zu bilden. In der Mitte ein X aus Mensch. Nur die Motivation zur Verwirklichung fehlt den ca. 1.500 Leuten hier auf dem Feld ein wenig. Studentenfutter wird herum gegeben und Versuche zu zählen bleiben stecken. Ein kurzes Wiedersehen mit Matthias von der Bezugsgruppe „Mettwurst“. Wir überlegen noch, ob wir dem CASTOR folgen wollen bis zum Zwischenlager, schliesslich dürften das von hier aus nur noch ca. 5 Kilometer sein, die Motivation ist aber raus. Wir treten den Rückweg an, immerhin dürfen wir jetzt auf der gestern abend noch so bewachten Strasse laufen. Vorbei an triumphierenden Polizeiblicken durchqueren wir Pretzetze, links und rechts an der Strasse Wanne hinter Wanne, und erreichen in Grippel die Strassenkreuzung, die Süd- und Nordroute wieder zusammenführt: der CASTOR kam aus dem Norden erzählen uns Anwohner… (Jan Becker, März 2001)

29.März 2001, Laase; Bild: thur.de/philo

„Wir wollten keine Schlacht um Gorleben, es ging uns um ein politisches Zeichen gegen einen Atomkonsens, der kein gesellschaftlicher Konsens ist“, so „X-tausendmal quer“-Srecher Jochen Stay. „Dieses Zeichen wurde in den Tagen des Schienentransports deutlich gesetzt und so war es nur vernünftig, dass sich die Aktivistinnen und Aktivisten in der Nacht zum Donnerstag etwas Schlaf gegönnt haben und nicht sinnlos gegen Polizeiketten angerannt sind.“

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) betont am 29. März bei einer Aktuellen Stunde im Bundestag, daß „jede Form von Gewalt strikt abzulehnen“ sei. Der Umweltorganisation Robin Wood wirft er vor, gegen ihre „Fürsorgepflicht“ verstoßen zu haben, weil unter den vier Demonstranten von Süschendorf ein 16jähriges Mädchen war. Zugleich bekundet Trittin seinen „Respekt“ vor den „überwiegend friedlichen“ DemonstrantInnen. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) spricht von „schweren Straftaten mit ungeheurer Kriminalität“ und kündigt Schadenersatz-Forderungen gegen die BlockiererInnen und ihre HelferInnen an.

„Diese pauschale Verunglimpfung des hiesigen Widerstandes weise ich ganz entschieden zurück“, betont Dannenbergs Samtgemeindebürgermeister Harring Schröder (SPD) in einem Brief an die SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Peter Struck, und im Niedersächsischen Landtag, Axel Plaue.

„Weder waren der allgemeine Zugverkehr noch der Castorzug konkret gefährdet, die Betroffenen setzten lediglich den eigenen Körper ein, ohne dass die Schienen beschädigt waren“, so die Bürgerinitiative Umweltschutz. Überspielt werden solle mit den martialischen Kommentaren die Tatsache, dass allen Unkenrufen zum Trotz der Widerstand gegen die Nutzung der Atomenergie nicht abgebröckelt sei.

Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) geht am 30. März in Hannover nach einer ersten Schätzung von 22 bis 23 Millionen Mark an echten Kosten für das Land aus. Der Atommüll- Transport vor vier Jahren hatte Niedersachsen knapp 18 Millionen Mark gekostet. Nach Polizei-Angaben waren zur Sicherung des Transportes bundesweit rund 29 000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz im Einsatz, davon in der Schlussphase des Transportes am Donnerstag allein 18 200 im Wendland.

Bartling verurteilt erneut das Anketten der vier AktivistInnen an der Schienenstrecke nach Dannenberg als „schwere Straftat“. Bremens Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) kündigt an, die Gemeinnützigkeit von Robin Wood auf den Prüfstand zu stellen. Nach Angaben von Polizeieinsatzleiter Hans Reime wurden während des Transportes 693 Demonstranten in Gewahrsam genommen. Es gab 116 Festnahmen. Bei 1093 Demonstranten wurden die Personalien aufgenommen. Reime räumt zudem ein, seine Beamten zu Unrecht vor Säureattentaten der Atomgegner gewarnt zu haben: Er habe Erkenntnisse darüber gehabt, dass zeitgleich mit dem Transport in der Region „Essigsäure in größerem Ausmaß“ angefordert worden sei. Anschläge mit Essigsäure habe es nicht gegeben, ein Kläranlage habe die Säure bezogen. (dpa, AP)

Anfang April gibt Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel dem „Spiegel“ (14/2001) ein Interview: „Gorleben ist eine Wellblechbox“

„Die Intensität der Widerstandsformen zeigt auch, dass hier etwas politisch und gesellschaftlich völlig falsch läuft“. Es könne „dauerhaft nicht angehen, dass eine einzige Region die nationalen Entsorgungslasten allein trägt“.

„Weitere Transporte nach Gorleben gefährden den Landfrieden und lassen die früheren Mahnungen von Ro-bert Jungk wahr werden, dass ein solcher Atomstaat die Demokratie zerstört. Wir brauchen endlich eine Verteilung der Entsorgungslasten auf alle Bundesländer“.

„Wir können nicht die Verbindung zu einer ganzen Region mit 50 000 Menschen im Wendland kappen. Hier brauchen wir demokratisch akzeptable Bedingungen.“
Gabriel bezeichnet in dem Interview wie einst sein Amtsvorgänger Ernst Albrecht (CDU) Gorleben als „politisch nicht durchsetzbar, da es nicht alleiniger Standort für den gesamten Atommüll werden kann. Der Energiekonsens ist unvollständig ohne einen neuen Entsorgungskonsens“.

Am 2. April kommt es zu einem Vorfall bei der Einlagerung der Atommüll-Behälter in das Zwischenlager Gorleben: Durch Überdruck im Behälterboden wölbte sich die Bodenplatte im Bereich der Neutronenmoderatoren auf. Beim Aufstellen des 5. Behälters habe „die Bodenplatte ein Abblasegeräusche von sich gegeben“, so die Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums, Jutta Kremer-Heye. Probleme mit der Ausdehnung der Neutronenmoderatoren, die in die Behälterwand der Castoren zwecks Strahlenminimierung eingelassen sind, waren seit langem bekannt, so die Bürgerinitiative Umweltschutz.

„Man kann deshalb nur von Glück sagen, dass der Behälter keinen Belastungen wie bei einem Aufprall ausgesetzt war, denn der Druckaufbau in den Bohrungen der Behälterwand führt zur mechanischen Instabilität“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Am 3. April zerstören unbekannte Täter mit einer Kettensäge drei große Castor-X-Kreuze aus 14 Meter hohen Kiefernstämmen, die an einem Waldrand gut sichtbar an der Strecke zwischen Gedelitz und Marleben von dem Künstler Georg Seibert auf seinem Grundstück, der Marlebener Mühle, aufgestellt waren. (EJZ)

„Die Transportfirma Nuclear Cargo+ Service (NCS) hat beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für dieses Jahr einen neuen Transport von atomaren Abfällen aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich nach Deutschland beantragt. Der Antrag umfasst den Transport von sechs Castor-Behältern mit HAW-Glaskokillen“, schreibt das BfS am 4. April in einer Pressemitteilung. Eine Genehmigung für die Lagerung von HAW-Glaskokillen besitzt nur das Zwischenlager Gorleben.

„Business as usual ist das nicht, sondern eine offene Provokation der Atomwirtschaft“, heißt es in einer ersten Stellungnahme der BI Umweltschutz. Atomtransporte nach Gorleben seien „politisch nicht mehr durchsetzbar, es sei denn um den Preis des Ausnahmezustands für die Region“. (EJZ)

Als Reaktion auf den Vorfall vom 2. April protestieren am 8. April ca. 500 AtomkraftgegnerInnen vor dem Zwischenlager Gorleben mit einer Kundgebung. 30 Traktoren unterstützen die Aktion, bei der es wegen eines Anhängers mit Sandsäcken zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt. Drei AktivistInnen werden des Platzes verwiesen, der Anhänger von Beamten gesichert. Doch schließlich kann der „Schutzwall“ aus Sandsäcken doch vor dem Zwischenlager aufgetürmt werden.

Die zur Abschirmung dort eingebrachten Moderatorstäbe aus Hart-Polyäthylen hätten nicht ausreichend Platz in den Bohrungen des Guß-Mantels. Durch Erwärmung dehnten sich diese Stäbe aus, und entwickeln einen enorme Kraftwirkung, die gegen den gegen den Behälterboden drückt. Diese Gefahr sei auch dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bekannt gewesen, trotzdem sei der Transport durchgeführt worden, so Udo Jentzsch von der „Fachgruppe Radioaktivität“ der BI auf der Kundgebung.

„Frau Merkel hat bereits einen Castorstopp verfügt wegen der äußerlichen Kontamination der Behälter, jetzt geht es um das verpfuschte Castorkonzept insgesamt, der Bundesumweltminister Jürgen Trittin muss handeln, die Castoren müssen aus dem Verkehr gezogen werden“, fordert die BI.

Am 23. April bringen ca. 50 AktivistInnen den Regionalzug von Dannenberg nach Lüneburg auf der Seerauer Brücke per Nothalt zum Stehen und steigen kurzzeitig auf der Brücke aus. Die Aktion richtet sich gegen den Abtransport von abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Neckarwestheim in die britische Plutoniumfabrik Sellafield, der in den kommenden Tagen angekündigt ist.

Am 25. April spricht sich der renommierte Geologe und Endlagerforscher Prof. Klaus Duphorn im ARD-Magazin „GLOBUS – Aus Forschung und Umwelt“ dafür aus, den in der Nähe von Salzgitter liegenden „Schacht Konrad“ künftig auch als Endlager für hochradioaktiven Müll zu nutzen. Nach Abwägung aller weltweit bislang diskutierten Endlageroptionen empfiehlt er, den Standort Gorleben endgültig aufzugeben und stattdessen auf Schacht Konrad zu setzen. (WDR-Pressestelle)

„Wir haben das Schweizer Labor im Tongestein mit dem Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlager in der letzten Woche des März besichtigt und das war überzeugend“, so Duphorn, der Gorleben „prinzipiell für ungeeignet“ hält.

Ende April verständigen sich der niedersächsische Ministerpräsidenten Siegmar Gabriel und Bundeskanzler Gerhard Schröder auf eine „Bündelung der Castor-Transporte nach Gorleben“: Ab 2002 solle es statt der geplanten zwei Transporte nur noch einen Castor-Zug nach Gorleben pro Jahr geben – dann allerdings mit der doppelten Anzahl von Behältern.

„Wenn das die einzige Konsequenz ist, die die Politik aus den Ereignissen beim letzten Castor-Transport Ende März zieht, dann haben Gabriel und Schröder entweder nichts verstanden, oder sie wollen uns für dumm verkaufen“, so Wiebke Herding, Sprecherin der bundesweiten Anti-Atom-Kampagne „X-tausendmal quer“. Der Gorleben-Konflikt lasse sich nicht „durch eine ökonomischere Organisation von Polizeieinsätzen lösen, sondern nur durch eine andere Energiepolitik. Die Bündelung von Castor-Transporten ist ein Herumdoktern an den Symptomen, aber keine Bekämpfung der Ursachen dieses gesellschaftlichen Konfliktes.“

Anfang Mai mobilisiert die Bürgerinitiative Umweltschutz zu Protesten gegen Castor-Transporte aus dem norddeutschen Atomkraftwerk Brunsbüttel:

„Der Gorleben-Transport war die Voraussetzung dafür, dass die deutschen AKW-Betreiber ihren Atommüllstau zügig abbauen. Jeder Castor nach Frankreich oder England ist ein Castor nach Gorleben, denn der Atommüll kommt wie ein Bumerang wieder zurück“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke am 9. Mai.

Der jüngste Castor-Transport nach Gorleben wird wahrscheinlich noch erheblich teurer als bisher angenommen: „Die Tendenz geht gegen 40 Millionen Mark“, so das niedersächsische Innenministerium am 12. Mai. Die Berechnungen seien aber noch nicht abgeschlossen. Das Innenministerium war zunächst von Kosten von 23 Millionen Mark ausgegangen und hatte diese später auf rund 30 Millionen Mark nach oben korrigiert. (EJZ)

„Atom spielt wieder eine größere Rolle“, heisst es bei der Kulturellen Landpartie Ende Mai. Die Bürgerinitiative Umweltschutz und die Bäuerliche Notgemeinschaft beteiligen sich mit Infoständen und Fotoausstellungen. (EJZ)

Am 11. Juni unterzeichnen Vertreter von Bundesregierung und Atomwirtschaft die Novelle des Atomgesetzes, das unter Federführung von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) erarbeitete „Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergienutzung zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“. Der Kompromiss über den Ausstieg zwischen AKW-Betreibern und der rot-grünen Regierung sieht vor, dass bei einer Regellaufzeit von 32 Jahren nach einem komplizierten Rechensystem von Gesamtlaufzeiten und Reststrommengenverteilung auf die 19 noch arbeitenden Atomkraftwerke der letzte Meiler in ungefähr 20 Jahren abgeschaltet wird. Die CDU/CSU kündigt an, sie werde im Falle eines Wahlsiegs die Vereinbarung rückgängig machen.

„Überlange Laufzeiten bei gleichzeitiger Übertragbarkeit von Atomstromkontingenten und die Fortsetzung der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente sind die Kerne des Atomkonsenses. Deshalb sagen wir, der Atomkonsens ist eine Mogelpackung: versprochen wird der Atomausstieg, in Wirklichkeit reiben sich die Manager die Hände und freuen sich über den Deal“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Am 11. Juni stimmt Niedersachsen einem zweiten Castor-Transport nach Gorleben in 2001 zu, wenn es die Zusicherung einer stärkeren Unterstützung durch Bund (BGS) und die anderen Bundesländer gibt.

Am 13. Juni wird der Antrag des Bundesamts für Strahlenschutz vom 04.09.1996 auf „Erteilung einer Erlaubnis zur Aufsuchung von Salz im Eigentum des Grafen Bernstorff zu wissenschaftlichen Zwecken“ gegenüber dem Bergamt Clausthal-Zellerfeld zurückgezogen.

In diesem Jahr wird es einen zweiten Castor- Transport ins Atommüll-Zwischenlager Gorleben geben: Das Bundesamt für Strahlenschutz genehmigt am 16. Juni eine weitere Anlieferung von sechs Atommüll-Behältern aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague.

Gorleben Archiv e.V. wird gegründet

Am 9. Juli wird der Verein „Gorleben Archiv e.V.“ gegründet.

Mathias Edler gehört zusammen mit Stefan Dahlmann, Asta von Oppen und Michael Seelig zum vierköpfigen Gründungsvorstand des Vereins „Gorleben-Archiv“, der von verschiedenen Gruppen aus dem Anti-Atom-Widerstand – von BI bis Bauern, von Salinas bis Juristen – gegründet und ins Vereinsregister eingetragen wurde. Zu den Gründerinnen und Gründern gehören außerdem Marianne Fritzen, Lucia Wente, Ingrid und Werner Lowin, Rosi Schoppe, Birgit Huneke, Thomas Hauswaldt, Ulrike Donat und Kathrin Grassnick.

Ziel des Vereins ist laut Satzung die „Sicherung und Sammlung des vorhandenen und inzwischen historisch bedeutenden Materials über den Protest gegen die Umweltgefahren im Landkreis Lüchow-Dannenberg“.

Juli 2001: Flugblatt Gorleben Archiv e.V.Wir machen Geschichte! Der Gorleben-Konflikt ist nicht „reif für´s Museum“! Wir sind mittendrin!

Hannover-Treck, Hüttendorf „Republik Freies Wendland“, Blockaden der Fasstransporte, Castortransporte – 25 Jahre Auseinandersetzungen um den Atomstandort Gorleben haben ihre Spuren hinterlassen: In den Biographien der beteiligten Menschen, aber auch niedergeschlagen in Dokumenten, Fotos, Filmen, etc. An keinem anderen Ort in der Bundesrepublik kämpft eine soziale Bewegung quer durch alle Bevölkerungsschichten über einen so langen Zeitraum für ihre Rechte. Nicht alles konnte verhindert werden, was uns die Hohepriester der Atomgemeinde mit ihren Energievisionen bescheren wollten. Doch: Der gesellschaftliche Konflikt lässt sich bis heute nicht „managen“. Seine politische Sprengkraft, gerade in Sachen Demokratie und Bürgerrechte, erweist sich als aktueller denn je.

Nur wer sich seiner Vergangenheit bewusst ist, kann … die Zukunft gestalten!

Die Geschichte des Gorleben-Widerstandes gehört in unsere Hände, gerade weil die politischen und juristischen Prozesse keineswegs abgeschlossen sind. Wir wollen ein Archiv, daß über die Konservierung der Materialien hinaus vor allem jungen Menschen Anstöße zum politischen Handeln, zur Einmischung auch außerhalb von Parlamenten, gibt. Ausstellungen, Seminare und sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten dokumentieren einzigartige Geschichte(n) vom Widerstand und machen gleichzeitig Demokratie erlebbar. 

Am 22. Juli nehmen WendländerInnen u.a. mit einer VolXküche an einer Demonstration gegen das geplante Endlager im französischen Bure teil.

Ende Juli leitet die Staatsanwaltschaft Lüneburg insgesamt 737 Verfahren, darunter 462 Strafverfahren gegen TeilnehmerInnen des Protests gegen den Castor-Transport vom März ein.

„Wir sind am Zug“ heisst die Parole von AtomkraftgegnerInnen aus dem Wendland, die sich in den frühen Morgenstunden des 1. August auf den Weg nach Uelzen machen: Rund 200 Menschen blockieren die ICE-Trasse bei Hamerstorf / Landkreis Uelzen. Ein Castor-Konvoi mit 5 Waggons aus den norddeutschen Atomkraftwerken Brunsbüttel und Stade mit Ziel Wiederaufarbeitung im Ausland wird über Bremen umgeleitet. Im Anschluss findet am Bahnhoh in Uelzen eine Kundgebung mit 400 TeilnehmerInnen statt.

Aktuelle Informationen zur nationalen und internationalen Endlagersuche referieren am 2. August die Geologen Dr. Detlef Appel und Jürgen Kreusch auf Einladung der Bürgerinitiative Umweltschutz und der Rechtshilfe Gorleben in den Trebeler Bauernstuben.

„Das BMU solle öffentlich darlegen, wer mit der Projektierung eines neuen Entsorgungsplans betraut worden ist und welche Konzequenzen das BMU aus dem Scheitern des Entsorgungskonzepts der alten Bundesregierung zieht“, fordert die Bürgerinitiative Umweltschutz in einem Schreiben an Umweltstaatssekretär Rainer Baake Anfang August. Von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt hat das Bundesumweltministerium eine Projektgruppe initiiert, die das gescheiterte nukleare Entsorgungskonzept der Kohl-Ära überarbeitet.

Am 14. August referiert Prof. Dr. Horst Kuni auf Einladung der BI Umweltschutz in der Aula der Freien Schule Hitzacker zum Thema Krebsgefahr durch die Neutronenstrahlung.

Ehrenfriedhof für Bundestagsabgeordnete nach Supergau

Am 18. August wird die Installation „Gewissensruhe“ des Künstlers Franz Hartmann enthüllt. Dieser hat direkt an der Castor-Transportstrecke von Dannenberg nach Gorleben auf einem Acker bei Klein Gusborn 738 Grabkreuze aufgestellt, die die Namen und das Geburtsdatum aller derzeitigen Bundestags- bzw. Bundesratsmitglieder tragen. Die Kreuze sind zudem in der Sitzordnung des Bundestages angeordnet.

Im Projekt „Gewissensruhe“ wurde zu Ehren der allzu großen Bemühungen des Deutschen Bundestages einen möglichen Supergau zu verhindern, für den Fall des Scheiterns in Klein Gusborn bei Gorleben bereits jetzt ein Ehrenfriedhof für Bundestagsabgeordnete errichtet, um so im gegebenem Fall den Abgeordneten eine würdevolle Ruhestätte bieten zu können. Es wurde ein Denkmal für die eventuelle Zukunft geschaffen, das fortan als Mahnmal dienen soll.

Über die Auktion auf dieser Internetseite ist es möglich symbolisch Patenschaften für das Grab eines Lieblingspolitikers zu übernehmen. (www.gewissensruhe.de)

50 Millionen Mark für März-Castor

Der letzte Castor-Transport im Frühjahr wird haushaltsrelevante Mehrkosten von 50 Millionen Mark verursachen, so der niedersächsische Innenminister Heiner Bartling am 20. August. Er hofft, „dass der Castor-Widerstand im Wendland endlich nachlässt“. Künftig werde es nur noch einen Sammeltransport mit 12 Behältern im Jahr geben, die Energieversorgungsunternehmen „stellen das Equipment für zwölf Castoren zur Verfügung und verbessern die Rangiermöglichkeiten für einen längeren Castor-Zug vor der Umladestation“.

Am 28. August durchsucht die Polizei die Bauwagen auf dem Gelände der Gaststätte in Meuchefitz. Anlass ist eine Zeitungsanzeige vom 22. Februar, in der sich die Unterzeichner „anerkennend zu dem Mut und Geschick äußerten, mit der im Februar ein Schienenstück auf der Castortransportstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg herausgeschweißt wurde“. Dort heisst es: „Schienensägen ist keine Gewalt, sondern sauberes Handwerk! Herzlichen Glückwunsch“. Mithilfe eines Schriftenvergleich erhoffen sich die ErmittlerInnen nun Licht ins Dunkel des Widerstandes zubringen und nehmen einige handschriftliche Texte eines Verdächtigen mit.

„Wir könnten die Uhr danach stellen, pünktlich acht Wochen vor jedem Transport kommt eine solche Hausdurchsuchung. Das ist psychologische Kriegsführung, davon wird sich niemand kirre machen lassen“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Als Voraussetzung für eine weitere Lieferung von Atommüllbehältern nach Gorleben verlängert das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) am 28. August die verkehrsrechtliche Genehmigung für die Castor-Behälter HAW 20/28, die Ende Oktober ausgelaufen wäre, bis 2004.

November 2001: Aktion SchneckenplageAm 2. September veranstaltet die frisch gegründete Castorgruppe Langendorf ein Straßentheater auf der Nordroute von Dannenberg nach Gorleben und lässt eine Zugmaschine und einen „Atommüllbehälter“ von rund 300 Menschen mit „schwerem Gerät“ wie motorisierten Rasenmähern und Kindertreckern blockieren. Präsentiert werden auch die Aktion „Schneckenplage“ und der Aufruf „Wir lassen unsere Gäste nicht im Regen stehen“ für den nächsten Castor-Transport.

Während die „Schneckenplage“ darauf setzt, dass aus Protest gegen den Belagerungszustand im Wendland schon im Vorfeld eines Castortransports viele Autofahrer angesichts von BGS- und Polizeikolonnen nur noch im Schneckentempo fahren, laden Flugblätter und Plakate mit einen grünen Schirm über dem Widerstands-X dazu ein, Demonstranten jederzeit Einlass zu gewähren, um sich aufzuwärmen, sich auszuruhen, zu essen und zu trinken und notfalls auch zu nächtigen.

Aktion "Wir lassen unsere Gäste nicht im Regen stehen", November 2001

Anfang September wird der Lüchower Arzt und Atomkraftgegner Herbert Waltke wegen Hausfriedensbruchs verurteilt, weil er an der Besetzung des BLG-Infohauses in Gorleben im Juni 1998 teilgenommen hatte.

„Atomkraftwerke sind ’schlafende Bomben‘, und das gilt gleichermaßen auch für alle jene Castortransporte. Deshalb schalten Sie die Atomkraftwerke ab, Herr Trittin, und stoppen Sie die Castortransporte“, fordert die Bürgerinitiative Umweltschutz am 15. September in einem offenen Brief nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Mit Blick auf den geplanten nächsten Castortransport, der für Anfang November aus La Hague nach Gorleben rollen soll, solle Trittin intervenieren :

„Nun gibt es nichts mehr, wovor wir nicht gewarnt hätten, nun hat es jedes Katastrophenszenario gegeben, und wir fragen Sie, Herr Minister, ob Sie, Ihre Mitarbeiter, Ihre Parteifreunde und Ihr Koalitionspartner den unverantwortlichen weiteren Reaktorbetrieb in ihrem Verantwortungsbereich dennoch verantworten wollen“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Trotz der Terroranschläge in den USA gibt sich niedersächsische Innenminister Heiner Bartling (SPD) am 19. September uneinbedruckt: die Vorbereitungen für die nächsten Gorleben-Castoren laufen „wie bisher“, er sehe trotz der Terroranschläge im Moment „keine Einschränkungen“.

„Es ist der Zeitpunkt gekommen, innezuhalten. Business as usual kann es bei dieser Gemengelage aus Entsetzen über die Anschläge und Angst vor den bevorstehenden Militärschlägen und ihren unabsehbaren Folgen nicht geben“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Mitte September erhalten die vier AktivistInnen der Betonblock-Blockade in Süschendorf ihre Anklageschrift: Ihnen wird nur noch Nötigung (§ 240 StGB) und Störung öffentlicher Betriebe (§ 316 b StGB) vorgeworfen. Von gefährlichem Eingriff in den Schienenverkehr und Sachbeschädigung ist keine Rede mehr. (Robin Wood)

„Salzstöcke sind ungeeignet für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Atommüll.“ Diese Feststellung machten die Mitglieder des AkEnd, der von der deutschen Regierung eingesetzten Kommission, die die Kriterien für die Eignungsbeurteilung eines Endlagers erarbeiten soll.

Herman Damveld, wissenschaftlicher Journalist aus den Niederlanden, berichtet von der Tagung des AkEnd am 28./29. September in Frankfurt:

Staatssekretär Rainer Baake vom Umweltministerium betont, dass die Bundesregierung auf ein einziges Endlager für alle Arten von Atommüll setzt. Doch ein ganz neuer Gesichtspunkt ist die Frage der Gasentwicklung bei der Lagerung von schwach- und mittelaktivem Abfall. Das Gas entsteht durch die abgegebene radioaktive Strahlung, durch Rostansatz in den Fässer und dem Zerfall der organischen Anteile im Abfall. Durch die Gasentwicklung steigt der Innendruck der Fässer sowie der Druck außerhalb. Deshalb sollte man diese Art von Atommüll am besten in einem Medium lagern, das etwas durchlässig ist, stellt die AkEnd fest. Aber Durchlässigkeit bedeutet andererseits, daß leicht Wasser eindringen kann. Fässer mit hoch radioaktivem Müll dürfen keinesfalls mit Wasser in Berührung kommen.

Staatssekretär Baake gesteht zudem ein, dass die Regierung weder von Gorleben noch von Schacht Konrad Abstand nehmen will, „wegen der finanziellen Interessen, da anderenfalls die Atomindustrie Schadensersatzansprüche geltend machen würde.“

Im Fokus des AkEnd steht auch die „Freiwilligkeit“ einer Region, ein Endlager bei sich zu aktzeptieren. Mithilfe von Kompensationszahlungen solle die Endlagerung „eher akzeptierbar“ werden. Pastor Eckhard Kruse aus der Region Gorleben hat damit große Probleme: „Beim Endlager Gorleben war keine Rede von Freiwilligkeit. Im Gegenteil, Tausende von Polizisten sicherten die Transporte. Warum hält man noch an Gorleben fest?“

„Kreuzweg“ von Lüneburg nach Gorleben

Kreuzweg 2001Ein achttägiger „Kreuzweg für die Schöpfung“ mit einem 6 Meter langen Kreuz beginnt am 30. September im Lüneburger Clamartpark und führt bis zu den Atomanlagen Gorleben. Zur Eröffnung überreicht die Mitgründerin und ehemalige Vorsitzende der BI Umweltschutz, Marianne Fritzen, den TeilnehmerInnen eine Franziskusstandarte, die bereits 1988 den 2. Kreuzweg von Wackersdorf nach Gorleben begleitet.

Ein neues Kreuz soll im Wald nahe beim Erkundungsbergwerk Gorleben aufgerichtet werden, nachdem das 1985 von Krümmel nach Gorleben getragene Kreuz verwittert ist. Es geht uns aber nicht allein um das Ersetzen eines morschen Holzes, sondern darum, bei einem Fußmarsch entlang der Castorstrecke von Lüneburg nach Gorleben den Protest für unsere Grundrechte und für Gottes Schöpfung zum Ausdruck zu bringen. Dabei wollen wir auch der Ereignisse beim letzten Castor-Transport im März 2001 gedenken und Stätten der Erinnerung aufsuchen, wie z.b. Wendisch-Evern (Ort der X1000mal quer Blockade), Süschendorf (Robin-Wood-Aktion), Seerau (Greenpeace-Brückenbesetzung), Govelin (Räumung des Camps) und Kirchengemeinden, die während des Transportes für Demonstranten geöffnet waren.

„Viele Menschen haben Sorge, dass militärische Aktionen der USA und der NATO zu einer Spirale der Gewalt führen und dass Selbstmordattentäter im Gegenzug Nuklearanlagen ins Visier nehmen könnten“, schreibt die Bürgerinitiative Umweltschutz am 5. Oktober. „Noch mehr Polizei und BGS zur Sicherung des Transports, der aus der französischen Plutoniumfabrik La Hague am 5./6. November nach Gorleben rollen soll, und noch mehr Repression“ könnten die Folge sein.

„Rollen die Transporte, stellen wir uns quer, auch wenn uns ein mulmiges Gefühl nicht loslässt“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Die Ankündigung des Polizeieinsatzleiters Hans Reime, er würde diesmal statt 12 sogar 20 Konfliktmanager einsetzen, um die „Sorgen und Nöte der Bevölkerung entlang der Transportstrecke“ aufzunehmen, sei „angesichts der aktuellen politischen Begleitumstände ein Hohn“.

In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober wird einen Kilometer vor dem Ort Bavendorf zwei mehr als fünf Meter lange Gleisstücke aus dem Schienenbett herausgesägt und zu einem X übereinander gelegt.

Am 07. Oktober erreicht der achttägige „Kreuzweg für die Schöpfung“ die Atomanlagen Gorleben.
Im Rahmen des „Gorlebener Gebet“ wird das neue Kreuz aufgerichtet.

Zu einem großen Ratschag lädt die Bürgerinitiative Umweltschutz am 14. Oktober in das Gasthaus Grönecke in Breese / Marsch ein. „Den Castor stoppen, bevor er losfährt“, heisst eines der Aktionskonzepte für den für den 12. November angekündigten Atommülltransport.

„Uns geht es immer noch darum, den nächsten Castor durch politischen Druck zu verhindern, die innen- und außenpolitische Situation spricht für einen Transportestopp“, so die BI-Vorsitzende Rosi Schoppe. „Wenn aber der Zug mit den sechs Castorbehältern Anfang November von La Hague aus auf die Reise geht, wird es bei uns wieder heiß hergehen und der Atommüll-Fahrplan wird durcheinander geraten.“

In der Nacht von Sonntag zu Montag (14./15. Oktober) werden an neun Orten in Lüchow-Dannenberg brennende Barrikaden errichtet. In Zarenthin, Bergen, Quickborn, Zernien, Kreyenhagen, Metzingen, Laase, Schmarsau und Gusborn haben offenbar Atomkraftgegner mehrere Straßenbarrikaden aus Autoreifen und Baumstämmen errichtet und diese angezündet. In einem Bekennerschreiben der Gruppe „Ali Baba und die 40 RäuberInnen“ heißt es: „Es ist nicht hinzunehmen, dass auf dem Rücken der Zivilbevölkerung mittels uniformierten Terrors und Schikanen (…) ein weiterer Castortransport durchgeknüpplt werden soll.“

Am 15. Oktober trifft der niedersächsiche Innenminister Heiner Bartling (SPD) in Dannenberg ein, um mit Lokalpolitikern über den in November geplanten Castortransport zu reden.

„Es gibt keine Anzeichen, die auf einen möglichen Terror-Anschlag gegen Atommüll-Transporte in Deutschland hindeuten“, so Bartling.

Im Rechtsstreit um die dreitägige Ingewahrsamnahme von Jochen Stay während des Castor-Transportes nach Gorleben im März hat das Oberlandesgericht (OLG) Celle am 16. Oktober zu Gunsten des Sprechers der bundesweiten Anti-Atom-Kampagne „X-tausendmal quer“ entschieden. Dessen Beschwerde war noch während seiner Gefangenschaft in einer Ausnüchterungszelle der Lüneburger Polizei vom Landgericht Lüneburg zurückgewiesen worden. Das OLG hat das Verfahren nun zur erneuten Entscheidung an das Landgericht zurückverwiesen.

Anlässlich des Besuchs von Bundesumweltminister Jürgen Trittin in Gorleben findet am 18. Oktober vor dem Erkundungsbergwerk eine Kundgebung statt. Trittin spricht auf dem Gelände mit den Mitgliedern des Kreisausschusses, des Ausschusses Atomanlagen und den Bundes- und Landtagsabgeordneten der Region über den bevorstehenden Castortransport aus La Hague.

„Wir gehen nicht davon aus, dass Trittin sich für einen Castorstopp einsetzt, denn er steht bei der Stromwirtschaft im Wort, die nukleare Entsorgung nicht zu gefährden“, so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Der „ungebrochene Widerstand müsse nun auch im Alltag wieder sichtbar werden“, Trittin solle den Landkreis schon bei seinem Hubschrauberanflug an den vielen gelben Widerstands-Kreuzen erkennen.

„Beim März-Castor kniff Trittin, als wir mit ihm im Hundertwasserbahnhof Uelzen öffentlich debattieren wollten“, erinnert die BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. „Jetzt verschanzt sich der Regierungsgrüne hinter den Festungsmauern auf der Endlagerbaustelle und führt interne Gespräche: also machen wir Protest.“

Der „Atomausstieg bringt massive Entlastungen für Gorleben“ heisst es von Seiten des Bundesumweltministers. „Durch die gesetzliche Befristung der Regellaufzeiten verringern wir die Menge des noch anfallenden Atommuells. Durch den Bau der standortnahen Zwischenlager reduzieren wir die Zahl der Atomtransporte und sorgen fuer eine gerechte Lastenteilung. Und durch den Stopp des Endlagerbaus beenden wir die politische Festlegung der Vorgaengerregierungen auf den Standort Gorleben“, so Trittin.

„Wir haben die Schnauze gestrichen voll von Belagerung, Überwachung und Verfolgung! Wir warten nicht, bis der Castor kommt – die Ruhe ist vorbei!“ heisst es in einem Aufruf der „Abteilung Verkehr und Inneres im Kreis der Freien Republik Wendland“ zu einem Aktionstag am 20. Oktober. In Lüchow, Dannenberg, Uelzen, Rosche, Hitzacker, Pudripp und Kaltenhof finden zeitgleich Demonstrationen statt. Am Abend treffen sich alle in Platenlaase zu einem Solikonzert u.a. mit der Hamburger Band „Kettcar“.

Auf einer Tagung am 20. Oktober in Wolfenbüttel erklären die Betreiber des Atommülllagers Asse-II, daß das Endlager „in absehbarer Zeit voll Salzlauge laufen werde, sich Teile des Salzstocks auflösen und der Austritt von Radionukliden in die Biosphäre nicht mehr ausgeschlossen werden könne“.

Mit Nato-Draht wird Mitte Oktober die Bahnstrecke rund um den Verladekran Dannenberg von der Polizei abgesichert. Zahlreiche Beamte sind bereits im Einsatz, als Quartier sind unweit des „Weißen Hauses“ mehrere Container installiert worden.

24.10.2001 - Brandanschlag auf Bahnbrücke bei Hitzacker, Bild: randbild / Timo VogtAuf die Eisenbahnbrücke bei Seerau / Hitzacker wird in der Nacht zum Mittwoch (24. Oktober) ein Brandanschlag verübt. Zwei landwirtschaftliche Anhänger mit Stroh und Gummireifen und einem Fass mit rund 200 Litern Diesel als Brandbeschleuniger wurden unter die Eisenbahnbrücke gefahren und angezündet. Beamte des BGS entdeckten gegen 21 Uhr das Feuer. In der Nähe der Brandstelle stellten Beamte einen Traktor sicher, der nach Polizeiangaben vor einigen Tagen von seinem Besitzer als gestohlen gemeldet wurde.

Nach ersten Untersuchungen von Sachverständigen erklärte die Deutsche Bahn AG am Mittwoch, die Strecke bleibe vorerst gesperrt. Etwa 20 Bahnschwellen und 15 Meter Schienen auf einer Brücke bei Hitzacker müssten ausgetauscht werden. Ob Beschädigungen an der Stahlkonstruktion die Statik der Brücke insgesamt gefährdeten, müsse eine gesonderte Untersuchung erst klären.

Widersetzen

Unter dem Motto „WiderSetzen“ wird eine große Bürgerinnen- und Bürgerblockade gegen den in drei Wochen erwarteten Castor-Transport nach Gorleben angekündigt. Ziel der Blockade ist es, möglichst viele, auch ganz „normale“ BürgerInnen,in das Aktionskonzept einzubinden. Die Straßentransportstrecke bei Dannenberg soll möglichst dauerhaft besetzt werden. Die Idee zur großen „Bürgerinnen- und Bürgerblockade“ sei wesentlich inspiriert worden durch die Aussage von Hans Reime, dem Gesamteinsatzleiter der Polizei, bei den Castor-Transporten: „Wenn Tausende von wendländischen Bürgern die Straße blockieren, dann haben wir ein Problem.“

„Wir glauben, daß der Sonntag ein guter Zeitpunkt ist, weil wir an diesem Tag mit vielen Menschen gemeinsam auf die Castor-Strecke gelangen können“, meint Jochen Stay von der Kampagen X-tausendmal quer, „natürlich werden nicht alle dann die ganze Zeit dabeibleiben können, aber wenn wir erstmal sitzen, sind wir nicht mehr so leicht dort wegzubringen.“

Das sogenannte „Streckenkonzept“ der Anti-Atom-Initiativen beinhaltet einerseits große Demonstrationen und Kundgebungen, andererseits Aktionen direkt an der Transportroute. Insgesamt soll das Aktionsfeld im Vergleich zum Castor-Transport im März ausgeweitet werden: Auch auf den Hauptstrecken der Bahn sind Blockaden geplant, heisst es am 25. Oktober.

Einen Tag nach dem Brandanschlag auf die Brücke in Seerau / Hitzacker heisst es am 25. Oktober aus Hannover: Das Bauwerk werde bereits repariert, der Atommüllzug könne wie geplant rollen.

Am 27. Oktober erlässt die Bezirksregierung Lüneburg die „Allgemeinverfügung über eine räumliche und zeitliche Beschränkung des Versammlungsrechts innerhalb eines Korridors für den Castortransport“ für den Zeitraum vom 03. bis zum 20. November.

„Die Versammlungsbehörde hat die Pflicht zu verhindern, dass der Transport der Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen wegen rechtswidriger oder strafbarer Handlungen abgebrochen werden muss“, erklärt Regierungsvizepräsidentin Elke Sellmann.

Neben der Bahnstrecke Lüneburg – Dannenberg umfasst die Verfügung die Straßentransportstrecke von Dannenberg nach Gorleben über Gusborn sowie die Nebenstrecke über Quickborn. Betroffen ist der Bereich 50 Meter beiderseits von Straße und Schiene sowie ein Areal von 500 Metern im Umkreis von Umladestation und Zwischenlager. Angemeldete Demonstrationen werden ab der Zeit vom 5. November, nicht angemeldete ab dem 3. November bis zum Transportende untersagt.

Am 30. Oktober ändert die Bezirksregierung Lüneburg die Verbotsverfügung. Wegen der Reparatur der Eisenbahnbrücke bei Seerau habe man die Erforderlichkeit des Verbots erneut geprüft. Anstatt ab dem 3. solle es nunmehr erst ab dem 10. und bis zum 24. November Einschränkungen der Versammlungsfreiheit geben.

Die für den Transport der Castor-Behälter verwendeten Stoßdämpfer entsprechen nicht denjenigen, die bei entsprechenden „Falltests“ verwendet wurden. Auch sind Hitze- und Beschußtests nicht unter realistischen Bedingungen an Original-Behältern, sondern nur an Modellen vorgenommen worden. Die Behälter ensprechen somit nicht den Vorgaben der IAEA, und sind damit unzulässig, so weist der Sicherheitsfachmann für Transportbehälter und IAEA-Mitglied, Friedhelm H. Timpert nach. Timpert referiert am 2. November im Gasthaus Lühr in Breselenz und legt über das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) Widerspruch gegen die Genehmigung des bevorstehenden Atommülltransports ein.

Greenpeace legt am 2. November mit Verweis auf mangelnde Behältersicherheit bei einer Neubewertung wegen Terrorgefahr beim niedersächsischen Umweltministerium (NMU) Einspruch gegen die Transportgenehmigung ein.

„Wir wollen keine verstrahlte Zukunft“ ist das Motto einer Aktion der Greenpeace-Jugend am 4. November. Geschminkt und verkleidet, auf Fahrrädern und Inline-Skates lassen Jugendliche eine originalgetreue Nachbildung eines Castor-Behälters vom Zwischenlager Gorleben zum Verladebahnhof nach Breese in der Marsch rollen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz widerspricht den Ausführungen Friedhelm H. Timperts: Dieser sei nicht widerspruchsbefugt, die Behälter seien während des ganzen Transports mit Stoßdämpfern gesichert. Auch während des Umladevorgangs „sollen diese Stoßdämpfer montiert bleiben“, so das BfS am 5. November. (EJZ)

Am 6. November treffen die sechs Metall-Gestelle mit Plane, in die die Castorbehälter eingehängt werden, um sie auf Straßen-Tiefladern zu transportieren, an der Umladestation in Dannenberg ein.

Am 7. November berichtet der Bundesgrenzschutz, er habe bereits am 12. Oktober im Rahmen der Aufklärung auf der Bahnstrecke Lüneburg – Dannenberg, bei Bahnkilometer 209,50 , zwischen den Haltepunkten Bavendorf und Dahlenburg, einen einbetonierten Betonblock festgestellt. Dort seien „zwei einbetonierte und mit Eisen verankerte Kunststoffrohre sichergestellt“ worden.

Wir tun es trotzdem!

In einem Offenen Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder kündigen am 8. November mehr als 1.500 BürgerInnen aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg an, daß sie sich an einer Sitzblockade gegen den in wenigen Tagen geplanten Castor- Transport nach Gorleben beteiligen werden.

„Niemand ist bereit, uns vor den Gefahren der Atommüll-Lagerung zu schützen, deshalb werden wir uns widersetzen.“ … „Wir wissen, dass eine Sitzblockade eine Ordnungswidrigkeit ist. Aber wir tun es trotzdem.“

Nachdem am Vormittag des 9. November ein Polizeiwagen in Meuchefitz von etwa 8 Leuten behindert worden sein soll, rücken am Nachmittag rund 100 Beamte aus, um die mutmaßlichen Blockierer dingfest zu machen: Sie riegelten einen Teil des Dorfes ab und suchen in dem Haus (das Tagungshaus), in das die Demonstranten geflüchtet seien. 6 Menschen wurden dort angetroffen und festgenommen.

Am 9. November lehnt das Niedersächsische Umweltministerium einen Antrag auf einstweilige Stilllegung des Transportbehälterlagers (TBL) in Gorleben ab, der von Greenpeace und einem Anwohner aus Gorleben am 02. November beim Umweltministerium als Atomaufsichtsbehörde eingereicht worden war.

Nach derzeitigem Erkenntnisstand sind weder die zwischenzeitlich eingeschalteten Sachverständigengremien, noch die für Transport- und Behälterfragen zuständigen Bundesbehörden von einer bedeutsamen Veränderung der bisherigen Bewertungsergebnisse ausgehen: Danach sind die verwendeten Transport- und Lagerbehälter vom Typ Castor ausreichend sicher.

Am 9. November erlässt die Bezirksregierung Lüneburg ein Demonstrationsverbot der für die geplante Großkundgebung am Sonntag in Splietau. Die Bürgerinitiative Umweltschutz reagiert mit einem Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg. Noch am selben Tag bestätigt die dritte Kammer des Verwaltungsgerichts das Verbot mit der Begründung, die Kundgebung und die angekündigte große Sitzblockade seien „eine einheitliche Veranstaltung“. Die BI zieht mit einem Eilantrag vor das Bundesverfassungsgericht.

„Die Allgemeinverfügung der Bezirksregierung, mit der ein demo-freier Transportkorridor geschaffen wurde, ist bereits eine Zumutung. Unerträglich wird es, wenn ein Kundgebungsort nicht mehr im räumlichen Bezug zum Anlass der Proteste steht“, so die BI-Vorsitzende Rosi Schoppe.

„Offenbar fahren Polizei und Versammlungsbehörde eine politisch motivierte Totalverhinderungstaktik. Versammlungen verbieten, Camps mit Schlafplätzen und heißen Getränken unterbinden, Menschen ohne Begründung festnehmen“, so BI-Sprecher Mathias Edler. „Wir lassen uns das Demonstrieren nicht verbieten!“

An der Auftakt-Demonstration am 10. November in Lüneburg nehmen 8 000 bis 10 000 AtomkraftgegnerInnen teil. Parallel findet in Karlsruhe eine Demonstration gegen den Castor-Transport statt, an der sich etwa 700 Menschen beteiligen.

Widersetzen

Am 11. November befinden sich gegen 12.00 Uhr 500 Leute auf dem Acker der weiterhin verbotenen Kundgebung in Splietau, mehrere Hundert in Nebenstedt, zusätzlich 50 Trecker. Eine Kundgebung wurde in Breese i.d. Marsch genehmigt, dort halten sich mehrere hundert Menschen auf. Im ganzen Landkreis werden Trecker daran gehindert, nach Splitau zu gelangen. Gegen 15.00 Uhr werden 50 Trecker auf der Transportstrecke in Quickborn ineinander verkeilt.

„Eine Stunde nach dem geplanten Beginn der Kundgebung in Splietau erfuhren wir, dass das Verwaltungsgericht Lüneburg das Demo-Verbot nicht aufheben würde. Die vielen Menschen in der Region, die friedlich gegen die rot-grüne Atompolitik demonstrieren wollen, finden keine Möglichkeit, ihren ungebrochenen Protest auszudrücken“, so ein Sprecher der Bürgerinitiative. Gleichzeitig setzen die 15.000 Uniformierten von Polizei und BGS faktisch ein totales Demo-Verbot im Wendland durch, selbst der Zugang zu genehmigten Versammlung wurde behindert.

Gegen 16.00 Uhr befinden sich etwa 800 TeilnehmerInnen der Aktion „Widersetzen“ neben der Transportstrecke zwischen Nebenstedt und Splietau. Die weit überlegene Polizei kesselt einige ein, zahlreiche Hundeführer und berittene Beamte kommen zu Einsatz. X-tausendmal quer-Sprecher Jochen Stay wird in Gewahrsam genommen und in die Gefangenensammelstelle Neu Tramm gebracht. 150 AktivistInnen werden am Abend ebenfalls festgenommen, Einheimische nach hause geschickt.

„Wir haben gezeigt, dass es trotz weiträumigen Versammlungsverboten und massiver Polizeipräsenz möglich ist, völlig gewaltfrei auf die Castor-Transportstrecke zu gelangen. Das macht uns Mut für die kommenden Tage“, so Stay nach seiner Freilassung am Abend.

11.11.2001 - Greenpeace-Aktion in Valogne; Bild: de.indymedia.orgVor der Abfahrt des Castor-Transports im französischen Verladebahnhof Valogne besetzen Greenpeace-AktivistInnen einen Masten sowie Signalanlagen an den Schienen. Der Zug startet am 11. November um 19.30 Uhr, dem französischen „Netzwerk für den Atomausstieg“ zufolge etwa sechs Stunden früher als geplant, um einem angekündigten Eisenbahnerstreik in Caen zu entgehen. An der deutsch-französischen Grenze bei Maximilainsau nehmen am Abend 150 Leute an einem Gleisspaziergang teil.

Im Wendland nimmt die Polizei in der Nacht zwölf Greenpeace-Mitglieder auf den Schienen in Gewahrsam, bei Harlingen ketten sich mehrere Personen in Baumkronen über der Bahnstrecke an.

Der zweite Atomzug in 2001 erreicht Deutschland

Im Elsass verzögert sich die Fahrt des Castor-Zuges: Das französische „Netzwerk für den Atomausstieg“ berichtet, der Zug mit Atommüll sei am Morgen „auf Bitten der deutschen Behörden zwischen den Ortschaften Reding und Mommenheim nördlich von Straßburg angehalten worden“. Sie wollten offenbar nicht, dass der Zug zu früh die Grenze passiere, so Netzwerksprecher Pascal Braud.

Um 11.00 Uhr findet am 12. November eine Protest-Kundgebung in Dahlenburg statt, eine Stunde später auf dem Hammersteinplatz in Uelzen. An vielen Stellen im Landkreis Lüchow-Dannenberg kontrolliert die Polizei Autos und Ausweise.

Kurz vor 13.00 Uhr passiert der Atommüllzug den französischen Ort Mommenheim. Gegen 13.10 Uhr wird der Zug von 10 Aktivisten kurzzeitig gestoppt. Eine Stunde später erreicht er den Grenzort Lauterbourg.

Wie die „Bettenbörse“ auf der Info-Wiese in Dannenberg berichtet, „habe man keine Probleme die Anreisenden im Landkreis unterzubringen“. Das Verbot von „Camps“ beim vergangenen CASTOR-Transport habe sich ins Gegenteil der Erwartungen der Bezirksregierung entwickelt. Bei Süschendorf, km 201, wurde ein Betonklotz mit vier Röhren gefunden. Im Lüneburger Tiergarten, bei Süschendorf und bei Eimstorf werden von der Polizei Betonblöcke mit Ankettvorrichtungen im Gleisbett entdeckt.

Um 14.30 Uhr erreicht der Atommüll-Zug den deutschen Grenzort Wörth am Rhein. Im Ortsteil Maximilanau blockieren mehrere dutzend AtomkraftgegnerInnen die Gleise, werden geräumt und in Gewahrsam genommen. Am Dannenberger Verladekran wird ein privater Acker von der Polizei beschlagnahmt, nachdem der Eigentümer eine vollstreckbare Räumungsverfügung gegen den Bundesgrenzschutz, der dort mit schwerem Gerät parkt, erwirkt hatte.

Etwa zweihundert AktivistInnen der Aktion „Widersetzen“ machen sich am Nachmittag auf den Weg von Dannenberg zu einer Kundgebung in Hitzacker. Auf dem Weg kommt es zur Schienenblockade bei Pisselberg. An zahlreichen Kontrollstellen versucht die Polizei die Menschen daran zu hindern, nach Hitzacker zu kommen.

„Selbst die wenigen Demonstrationsgenehmigungen werden von der Polizei einsatztaktisch unterlaufen und sollen zunichte gemacht werden. Das Wendland ist eine Sonderechtszone geworden, aus der sich der demokratische Rechtsstaat komplett verabschiedet hat“, so BI-Sprecher Mathias Edler.

An der Kundgebung in Hitzacker nehmen 1 500 Menschen und 10 Trecker teil. Am Bahnübergang „Am Beesenberg“ stehen 30 Trecker, bis zu 1 000 Leute sind auf den Schienen. Wasserwerfer werden aufgefahren. Kurz nach 18.00 Uhr startet der Castor-Zug aus Wörth am Rhein, im Gegensatz zum März-Transport sind keine „Abstands-Waggons“ (Güterwaggons) zwischen die Castor-Behälter gekoppelt worden. Etwa 30 AtomkraftgegnerInnen blockieren die Gleise und werden von der Polizei weggetragen.

Castor-Route im November 2001

Castor-Route im November 2001

Von A nach B zu fahren sei nicht mehr möglich, Häuser würden nachts ausgeleuchtet, Anwohner seien genervt, eine »Besatzer-Armada» sei vor Ort, ein reiner »Nervenkrieg» entbrannt, meint Wolfgang Ehmke. Der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) sagte am Abend auf einer Anti-Castor-Kundgebung in Hitzacker zum Verhältnis Polizei-Demonstranten in den nächsten Stunden: „Die ziehen ihr Ding durch – und wir stellen uns quer.“

Um 18.22 verlässt der Zug Karlsruhe, um 18.41 Uhr erreicht er Pforzheim und ist Richtung Heilbronn unterwegs. Um 19:12 Uhr durchfährt der Zug Bietigheim-Bissingen, gegen 22.00 Uhr wird Würzburg erreicht. Eine Blockade von AtomkraftgegnerInnen kurz vor Heilbronn ist im 20.25 Uhr geräumt, um 20.30 Uhr passiert der Castor die Stadt.

Riesenstimmung in Hitzacker

Am Bahnübergang in der Nähe des Bahnhofs in Hitzacker saßen zumindest bis 22:10 Uhr noch jede Menge Menschen. Direkt auf den Übergang stehen 40 Trecker, in Hitzacker selbst versperren bestimmt weitere 100 Trecker alle Zufahrten von der Stadt zum Bahnhof. Die Polizei hat kaum eine Möglichkeit, durchzukommen. Unter den Schienen wurden etwa 10 bis 15 Meter Schotter abgetragen. (TagXLive – Ticker)

Die Fahrt des Atommüll-Zugs führt in der Nacht erstmals über die nördliche Strecke Minden (3.58 Uhr), Nienburg (Weser), Verden / Aller (5.45 Uhr) über Tostedt (gegen 7.00 Uhr), Buchholz (Nordheide) zum Rangierbahnhof Maschen.

13.11.2001 - Greenpeace-Aktivist über Transportstrecke, Bild: de.indymedia.orgIn der Nacht lösen AktivistInnen bei Harlingen auf einer Länge von 15 Metern die Schrauben der Schienen und werden bei dem Versuch, sie mit einem Wagenheber anzuhaben festgenommen. In Pannecke stellt die Polizei eine Draisine sichergestellt, die Greenpeace-Aktivisten auf einem Anhänger dabei haben.

Der Castor erreicht das Wendland

Am frühen Morgen des 13. Novembers hängt über den Schienen bei Pussade ein Greenpeace-Aktivist. Etwa 1 000 AktivistInnen nehmen an einer dritten Aktion von „Widersetzen“ teil, die am Dannenberger Schwimmbad beginnt und erneut auf die Straßentransportstrecke zwischen Nebenstedt und Splietau führt. Am Ortseingang von Splietau blockieren 300 Menschen die Straße. Die Polizei ist überfordert, Hunde und Pferde kommen zum Einsatz, es gibt Verletzte.

„Mit Schlagstöcken ist die Polizei mitten in die Menschenmenge geritten“, kommentiert eine Teilnehmerin, „von Verhältnismäßigkeit kann angesichts dieser Brutalität gegen gewaltfreie DemonstrantInnen nicht mehr geredet werden.“

„Dieser Transport ist wiedereinmal mit rechtstaatlichen Mitteln nicht durchzusetzen“, so Jochen Stay, Pressesprecher der Kampagne X-tausendmal quer. „Diese große Entschlossenheit und der Mut dieser Menschen hier vor Ort wird von der Politik und Polizei wohl immer noch unterschätzt.“

In Pisselberg hat sich eine Schafherde selbständig gemacht: 300 Schafe bewegen sich auf die Gleise zu. In Hitzacker werden in der Innenstadt Menschen eingekesselt.

Um 7.20 Uhr stellt sich eine größere Anzahl an DemonstrantInnen in Lüneburg neben ein Gleis an der Strecke Hamburg – Hannover. Ein vorgewarnter ICE nähert sich dieser Stelle im Schritttempo, die AktivistInnen setzen sich davor auf das Gleis und werden gegen 8.00 Uhr von ca. drei Hundertschaften der Polizei geräumt. (subkontur.de)

Auf dem Rangierbahnhof in Maschen hat der Atommüll-Zug sechs Stunden Aufenthalt, es gab einen Radlagerschaden an einer Lok. Diese wird ausgetauscht.

Zwischen Radbruch und Bardowick gelingt es einer kleinen Gruppe von AktivistInnen nach der Abfahrt des Castors aus Maschen, unbemerkt auf das Gleis zu gelangen. Zwei Männer ketten sich in einem Rohr unter dem Gleis fest.

Aus dem Castorzug wird allerlei Werkzeug herangeschafft, um die Angeketteten voneinander trennen zu können. Mit Helmen, Decken und Polizeischilden werden die Blockierer geschützt, um die Verletzungsgefahr durch Funkenflug (Flex) zu minimieren. Präzisionsarbeit ist angesagt. Circa zwei Stunden braucht die Polizei, um die Blockade zu beenden. (subkontur.de)

Gegen 11.30 Uhr erreicht der Atommüll-Transport, nun von zwei Diesel-Loks gezogen, den abgeriegelten Lüneburger Westbahnhof. Etwa 200 AtomkraftgegnerInnen empfangen den Zug. 20 Minuten später setzt der Castor seine Fahrt auf der eingleisigen Schiene Richtung Dannenberg fort. Rund um Dannenberg und vielen weiteren wichtigen Straßen bringt die „Schneckenplage“ durch langsam fahrende Autos den Verkehr und auch den Polizei-Nachschub zum Erliegen.

Bei Dahlenburg gelangen gegen 12.30 Uhr etwa 200 Menschen auf die Schienen. Die Polizei löst die Blockade mit Schlagstock und Pfefferspray auf. Zeitgleich spannen AktivistInnen von Robin Wood zwischen Bavendorf und dem Bahnhof Dahlenburg zwischen zwei Bäumen Seile quer über die Bahnstrecke, zwei Leute werden jedoch schon nach kurzer Zeit von der Polizei geräumt. Die Weiterfahrt des Atommüll-Zugs verzögerte sich um etwa zwanzig Minuten. Um 12.40 Uhr passiert der Atommüll-Zug Bavendorf, um 13.00 Uhr Dahlenburg. 500m außerhalb der Demonstrationsverbotszone nahe Splietau macht die Polizei fünf Traktoren durch Herausschrauben der Ventile fahruntüchtig.

Gegen 13.30 Uhr kommt der Castor hinter dem Bahnhof Göhrde (km 195) vor Tangsehl zum Stillstand. An der Brücke haben sich AktivistInnen festgekettet. Eine Stunde später erreicht der Zug Hitzacker. Es befinden sich weiter mehrere hundert TeilnehmerInnen von „Widersetzen“ auf der Straßentransportstrecke bei Splietau.

SPLIETAU: Massive Polizeiübergriffe, mehrere Verletzte durch Hundebisse beim Versuch, auf die Straße zu kommen. (TagXLive Ticker, 16.17 Uhr)

In Laase besetzen gegen 16.00 Uhr ca. 200 Menschen die Straße, auch dort setzt die Polizei Pferde ein und kesselt die AktivistInnen.

Um 15.52 Uhr erreicht der Atommüll-Zug den Verladebahnhof Dannenberg-Ost.

Gegen 17.15 Uhr Uhr erhalten zwei AktivistInnen von Robin Wood an der Umladestation in Dannenberg sowie einen Umkreis von 200 Metern einen Platzverweis. Sie wollten die Strahlung, die von den Behältern ausgeht messen.

Vor dem Einschreiten des Bundesgrenzschutzes hatte das Team aber bereits an der Schienenstrecke unmittelbar vor der Verladestation gemessen. Das Ergebnis: In ca. 19 Meter Abstand vom CASTOR-Zug lag die mittlere Dosisleistung (Neutronen- und Gammastrahlung) bei ca. 4 Mikrosievert pro Stunde, ermittelt gemäß deutscher Strahlenschutzverordnung. (…) Der Grenzwert wird damit deutlich eingehalten. (robinwood.de)

Um 18.00 Uhr nehmen etwa 2 000 AtomkraftgegnerInnen an einer Kundgebung auf dem Marktplatz in Dannenberg teil.

„Unsere Verfassung und gesprochenes Recht sind zum Spielball geworden. Und ich bin mir sicher: Wer das Recht so aus den Angeln hebt, wird sich verheben, wird sich einer unheilbaren Degeneration unseres Rechtswesens schuldig machen“, so Rolf Adler, Pastor aus Lüchow.

„Wir werden weiter kämpfen und viel mehr ertragen. Am Ende werden wir es sein, die siegen“, so Dietlind Kulow, Mutter und Krankenschwester.

„Noch zwei Behälter sind zu verladen, in Laase sind 700 Leute auf der Straße. Passt gut auf euch auf“, mit diesen Worten beendete BI-Sprecher Matthias Edler die Kundgebung.

Gegen 19.00 Uhr sind bereits fünf der sechs Castor-Behälter vom Waggon auf Straßentieflader verladen worden. Seit dem späten Nachmittag baut die Polizei Flutlichtanlagen an der Straßen-Nordstrecke zwischen Quickborn und Langendorf auf.

„Dort wo die Medienvertreter ein Auge ‚auf die Polizei haben‘ wird verhältnismäßig reagiert – und dort wo niemand hinschaut, sind die Bürger oft massiven Übergriffen ausgesetzt, so Rasmus Grobe, Pressesprecher von WiderSetzen. „Vor allem mit einem Großaufgebot an Hunde- und Pferdestaffeln wird versucht jeden Protest zu unterbinden. Mehrere gewaltfreie Blockierer wurden von Polizeihunden gebissen. Hier wird die Polizei gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt.“

Um 21.00 Uhr ist die Widersetzen-Blockade bei Laase auf der Straßentransportstrecke auf 500 Menschen angewachsen. Erst um kurz nach 4.30 Uhr ist die Straße geräumt. Etwa 200 Menschen werden auf dem anliegenden Acker von der Polizei eingekesselt.

13.11.2001 - Castor-Straßentransport, Bild: markusgolletz.deUm 6.00 Uhr starten die sechs Tieflader auf der Straßenstrecke Richtung Quickborn (Nordroute) mit Ziel Zwischenlager Gorleben, begleitet von einem Großaufgebot an Einsatzkräften. Die ersten zwei Transporter werden durch kleinere Aktionen u.a. in Quickborn von den übrigen abgeschnitten.

wir waren eine gruppe von 12 leuten, und hatten uns schon den ganzen tag in quickborn herumgedrückt und auf den castor gewartet. nach etlichen fehlalarmen mitten in der nacht, dass der castor jetzt losgefahren wäre, kam dann un 6.00 der richtige alarm. doch wir glaubten gar nicht daran, da vor unserer türe alle polizeiwannen, die noch 1 h vorher dicht an dicht standen, abgefahren waren. wir sind rausgerannt, als gerade der 3te castor vorbeigefahren ist und wir haben uns zu 12t auf die strasse gesetzt, der castor musste abbremsen und anhalten. dann kam schnell polizei angerannt, aber es hat doch etwas gedauert, bis sie uns alle von der strasse geschleift hatten. was man den bullen lassen muss: sie sind echt nicht unnötig brutal vorgegangen, die schlagstöcke worden nicht massiv eingesetzt. die bullen waren auch einfach total überrumpelt, dass wir da aus so ner hausausfahrt kamen. (indymedia.org)

Um 07.08 Uhr erreicht der Castor-Transport das Zwischenlager Gorleben.

Der bäuerliche Widerstand habe den Castor-Transport „nicht ernsthaft behindern können“, so die Bäuerliche Notgemeinschaft am 17. November in einer Bilanz. Denn, wo immer auch die Traktoren auftauchten, seien die staatlichen Einsatzkäfte massiv gegen sie vorgegangen. Sie verboten die Durchfahrt zu legalen Kundgebungen, setzten die Trecker auch weit außerhalb der Verbotszone fest und machten sie fahrunfähig. Nach und nach sei so die Zahl der Traktoren in der Transportregion reduziert worden, je mehr sich der Atommülltransport dem Zwischenlager näherte.

„350 Traktoren trotz des Verbotes der Auftaktkundgebung, immerhin 150 trotz der Schikanen bei der Anfahrt in Hitzacker und fast 100 bei verschiedenen Protestaktionen am Dienstag – trotz des ständigen Verfolgungsdrucks“, rechnen Hans-Werner Zachow und Henriette Kulow im Namen der Notgemeinschaft vor. (EJZ)

Die Polizei nahm 780 Blockierer vorübergehend in Gewahrsam. Es kam zu 45 Festnahmen, 460 „Platzverweisen“ und zu 103 Strafanzeigen. Teilweise mussten Gefangene für viele Stunden in engen Räumen oder Polizeikesseln zusammengepfercht und ohne Versorgung ausharren.

Am 20. November spricht die Rechtsanwältin Ulrike Donat vom „Republikanischen Anwaltsverein“ von „massiven Rechtsverstößen“ durch Polizei und Bundesgrenzschutz und einer „Aushebelung effektiven Rechtsschutzes beim Versammlungsrecht“.

Die Anwälte berichten zudem von einem Fall, in dem eine auf der Strecke aufgegriffene Person gezwungen worden sei, sich vor den Polizeibeamten nackt auszuziehen. Sodann sei eine Leibesvisitation mit Untersuchung der Achselhöhlen, des Rektal- und Intimbereichs vorgenommen worden.

Bei insgesamt 777 polizeilichen Freiheitsentziehungen seien lediglich in vier Fällen durch den Richter die Fortsetzung des Gewahrsams bis zur Einfahrt des Castor-Transports in das Zwischenlager angeordnet worden.

Die Kosten für den Atommülltransport schätzt das Land Niedersachsen am 22. November auf etwa 40 Millionen Mark. Sprecher des Innenministeriums, Jürgen Wittenberg. Er räumte aber ein, dass es sich dabei noch um eine „vage Vermutung“ handele. Diesmal sei gespart worden, weil die Aktion nicht so lange gedauert habe, so Jürgen Wittenberg, Sprecher des Innenministeriums. Eingesetzt wurden Wittenberg zufolge im Wendland 10 237 Polizisten aus verschiedenen Ländern und bundesweit 7 311 BGS-Beamte.

Am 30. November findet die erste öffentliche Mitgliederversammlung des Gorleben Archiv e.V. in Breselenz statt.

„Dass muss sich ändern. Dass kann so nicht weitergehen“, diese beiden Sätze, die sich auf unverhältnismäßige Vorgehensweisen der Polizei und die Verletzung der Grundrechte beziehen, finden sich am 12. Dezember im Fazit der 53 Pastorinnen und Pastoren, die sich während des Castor-Transportes als Seelsorger, Vermittler und Konfliktentschärfer betätigten. Das Fazit ihrer Beobachtungen und Erlebnisse haben sie der Landesbischöfin übermittelt.

Der Bundestag beschließt am 14. Dezember mit den Stimmen der rot-grünen Koalition das „Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergie“. Aufgrund der nunmehr gesetzlich verankerten Restlaufzeiten für die deutschen Reaktoren wird das erste Atomkraftwerk voraussichtlich 2003 und das letzte 2021 vom Netz gehen.

Am 17. Dezember wird bekannt, dass von den vier BlockiererInnen von Süschendorf, die im März den Castortransport für 20 Stunden aufhielten, fast 167 000 Mark gefordert wird: Die Bahn-Tochter Nuclear Cargo+Service verlangt 138 000 Mark für Zug- und Personalkosten, die Deutsche Bahn Netz 10 000 Mark für die Reparatur der Strecke und der Bundesgrenzschutz mehr als 13 000 Mark für Personalkosten. Die Demonstranten lehnen jede Zahlung ab. Ihr Anwalt Dieter Magsam sieht keinen Rechtsanspruch auf Erstattung.


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