Gorleben-Chronik 1999

Am 13. Januar einigen sich SPD und Grüne auf einen Kompromissvorschlag von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne), wonach das Verbot der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen aus deutschen Atomkraftwerken erst mit einem Jahr Verzögerung zum 1. Januar 2000 in Kraft treten sollte.

2,2 Milliarden DM hat der Bund inzwischen in das Endlagerprojekt Gorleben gepumpt. Sollte die Erkundung bis 2003 beendet werden, würden die Kosten um 900 Millionen DM auf 3,1 Milliarden DM gestiegen sein.

Die rot-grüne Bundesregierung will die Arbeiten in Gorleben nach der Erforschung des ersten Erkundungsbereiches Mitte 2000 abbrechen.

Am 15. Januar berichtet die Elbe-Jeetzel-Zeitung, dass auf dem Gelände des Erkundungsbergwerks Gorleben die Gebäude „nahezu fertiggestellt“ sind, die Arbeiten gingn „zügig voran“. Die Kosten für den Bau der Infrastrukturgebäude sollen bis Mitte dieses Jahres 20 Millionen DM betragen, wobei größter Posten die Halle am Schacht Gorleben 1 (8,3 Mio. DM) ist, die den Schächt komplett umbauen soll. Die Schachtförderanlage ist bereits im Turmkopf des Schachtes 1 installiert und soll im Sommer in Betrieb gehen. Fertiggestellt ist auch eine Seilfahrtsbrücke zwischen dem Sozialgebäude und dem Schacht 1, ein Zuluftgebäude für Frischluft, eine Garage, eine Ausrüstungshalle, eine Waschanlage für Fahrzeuge sowie eine Verladeanlage. Unter Tage geht es jetzt für die Bergleute an die weitere Erkundung. Die beiden Schächte stoßen bekanntlich 933 bzw. 842 Meter in die Tiefe; verbunden sind sie miteinander auf einer 840-Meter-Sohle. Die sich jetzt anschließende Erkundung wird sich in nordöstliche Richtung mit zwei Querschlägen über etwa 500 bis 600 Meter erstrecken. Dieser erste Erkundungsbereich wird voraussichtlich Mitte 2000 beendet sein. Der Bund will die Arbeiten dann nach derzeitigen Plänen stoppen. Im Erkundungsbereich 1 erwartet die DBE eine Fülle von geologischen und geochemischen Informationen über die Eignung des Salzstockes als Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Laugennester wären „im jetzigen Erkundungsbereich überraschend“, sagt DBE-Chef Hans Jürgen Krug. (EJZ)

Der Bund beginnt, den Geldhahn für das atomare Erkundungsbergwerk in Gorleben zuzudrehen. Für 217 Millionen DM wollte die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE) dieses Jahr die Arbeiten vorantreiben. Doch der Bund stellt nur 110 Millionen DM zur Verfügung. DBE-Geschäftsführer Dr. Hans Jürgen Krug sieht dadurch „allein für 1999 etwa 50 Arbeitsplätze in Gorleben gefährdet“. In Gorleben finden derzeit 535 Menschen Arbeit, darunter neben Wachdienst und Reinigungskräften 225 DBE-Mitarbeiter und 126 Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Schächte Gorleben. (EJZ)

In Gorleben mache es einfach „keinen Sinn, die Arbeiten 1999 oder 2000 zu unterbrechen“. Vielmehr müsse man die untertägige Erkundung bis 2003 abschließen, um dann die Ergebnisse mit denen alternativer Standorte vergleichen zu können. (DBE-Geschäftsführer Dr. Hans Jürgen Krug)

Die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Clement (SPD) und Glogowski (SPD), wenden sich gegen weitere Castor-Transporte in die Zwischenlager Ahaus und Gorleben. Bundeskanzler Schröder weist die Minister zurecht: Es sei noch nie Sache der Länder gewesen, Atomtransporte zu genehmigen. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche; 18.1.99)

„Wir werden uns weiter entschieden gegen ein oberirdisches Atommülllager in Gorleben wehren,“ betonte die Grünen-Europaabgeordnete Undine von Blottnitz am 18. Januar. Von Blottnitz schlägt vor, im Jahr der Energiekonsensgespräche keine so folgenreichen Transportentscheidungen zu fällen. (EJZ)

„Völlig unverständlich“ ist es am 19. Januar für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Niedersachsen, daß die politische Diskussion um Atommülltransporte ohne Berücksichtigung polizeilicher Fragen erfolge. So lange nicht geklärt sei, welche Gefährdung von den Behältern ausgehe, seien Transporteinsätze nicht zumutbar, erklärt GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut.

Mitte Januar gibt es in der Anti-Atom-Bewegung heftigen Streit über den Umgang mit dem Vorschlag des Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne), die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen aus deutschen Atomkraftwerken „sofort“ oder – so in Trittins Atomgesetznovelle vorgeschlagen, „kurzfristig“ (zum 1. Januar 2000) zu verbieten. Zudem stellt sich die Frage, ob Rücktransporte des in La Hague und Sellafield lagernden deutschen Atommülls akzeptiert werden sollen. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), in dem auch die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg Mitglied ist, kündigt weiterhin „erbitterten Widerstand“ und „massive Proteste“ an. Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) knüpften ihre Zustimmung zu den Rücktransporten an die Abschaltung aller Atomkraftwerke bis zum Jahr 2005 bzw. einen sofortigen Atomausstieg (Stuttgarter Nachrichten, 22.1.99).

Die Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennstäben wird vorerst nicht verboten. Dies ist das wichtigste Ergebnis der ersten Verhandlungsrunde über den geplanten Ausstieg aus der Atomenergie, zu der sich am 26. Januar die Bundesregierung und die Betreiber der Atomkraftwerke trafen. Ein Verbot könne entschädigungsfrei nur durchgeführt werden, wenn „technisch wie juristisch alle Voraussetzungen für die beabsichtigte Zwischenlagerung bei den Kraftwerken gegeben sind“. Sobald dieser Entsorgungsweg realisiert sei, würden die Energieunternehmen dem Verbot zustimmen.

Die Umweltorganisation Greenpeace enthüllt am 21. Januar eine Absichtserklärung zwischen Russland und der Schweiz, wonach Russland die Wiederaufarbeitung von Brennstäben und die Entsorgung radioaktiver Abfälle aus dem Ausland übernehmen würde. Im Gegenzug will sich das Land Devisen verdienen.

BI zu Atom-Verhandlungen: Absage an „Flickschusterei“

„Es gibt keine Akzeptanz für zentrale Zwischenlager – weder jetzt noch später“, unterstreicht Susanne Kamien, Vorsitzende der hiesigen Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) am 25. Januar. Nach Ansicht der BI bedeutet der Ausstieg aus der ausländischen WAA nicht zwangsläufig neue Transporte nach Gorleben. Der WAA-Müll solle nach dem Prinzip „return to sender“ auf die AKW-Standorte verteilt werden. Vehement tritt die BI-Vorsitzende dem Vorwurf entgegen, der Gorleben-Widerstand handele „nach dem St.-Florians-Prinzip“, wenn denn ein Ausstieg mit Rücknahmetransporten verbunden wäre. Die rotgrüne Regierung macht mit ihrem Ausstiegskonzept „Flickschusterei“, so Kamien. (EJZ)

Ende Januar erteilt das Bundesumweltministerium neuen Castor-Transporten eine Absage: Mit „Vorentscheidungen zu einer Aufhebung des Transport-Stopps sei nicht vor Frühjahr zu rechnen“. Die bisherigen Vorschläge der Kraftwerksbetreiber zur Verbesserung der Sicherheit würden nicht ausreichen, der früheren Zehn-Punkte-Forderungskatalog der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) sei nicht erfüllt. (EJZ)

Im Januar teilt der Gorleben-Anwalt Nikolaus Piontek mit, dass das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg die Berufung gegen ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Braunschweig zugelassen hat, und sich mit der Klage eines Mädchens aus Dannenberg beschäftigen wird. Für das in der Nähe der Castor-Verladestation in Breese/Marsch wohnende Mädchen wird geltend gemacht, daß es wegen der längeren Verweildauer der Behälter beim sogenannten Sixpack-Transport im Frühjahr 1997 an der Umladestation einer möglicherweise unzulässig hohen Strahlendosis ausgesetzt war. (EJZ)

Anfang Februar kommt das Öko-Institut Darmstadt in einem Gutachten zu den verstrahlten Castor-Behältern zu dem Ergebnis, „daß sich die Ursachen der Kontaminationen aus den vorliegenden Informationen nicht eindeutig ableiten lassen. Deshalb sind derzeit keine Maßnahmen ableitbar, die zukünftige Kontaminationen auschließen können.“ Das Gutachten wird von einem Vertreter des niedersächsischen Umweltministerium (NMU)  im Kreisatomausschuß des Landkreis Lüchow-Dannenberg vorgestellt. Herbert Waltke (Bündnisgrüne Lü-Da): „Es kann keine Transporte geben.“ Udo Jentzsch verlangt: Damit Außenkontaminationen überhaupt nachgewiesen werden können, müßten die Prüfvorschriften geändert werden. (EJZ)

Am 10. Februar erklärt Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) im Dannenberger Schützenhaus vor rund 500 Menschen, dass die Erkundungsarbeiten für ein Atommüll-Endlager in Gorleben „so schnell wie möglich“ beendet werden sollen. Er verspricht eine Entscheidung über den Stopp der Erkundungsarbeiten bis spätestens Ostern. Vorher wolle er klären lassen, wie unnötige Schadenersatzforderungen vermieden werden könnten. (EJZ)

Dr. Hans-Jürgen Krug, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb für Abfallstoffe (DBE) beziffert am 11. Februar mögliche Regreßforderungen auf 2,2 Milliarden Mark. (EJZ)

Am 15. Februar schreibt die Elbe-Jeetzel-Zeitung: Der niedersächsische Umweltminister Jüttner hat ab sofort das Hantieren mit Castorbehältern an den vier niedersächsischen Atomkraftwerken und im Zwischenlager in Gorleben wieder erlaubt. (EJZ)

Die Betreiberfirma GNS sehe sich derzeit „nicht in der Lage“, die Einwendungen gegen die Pilotkonditionierungsanlage zu bearbeiten, heisst es am 18. Februar von Seiten der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

„Die GNS verschleppt das Verfahren absichtlich, um nicht mit Negativschlagzeilen während der Konsensgespräche die Inbetriebnahme der Konditionierungsanlage zu gefährden“, so BI-Vorstandsmitglied Torsten Koopmann.

Weil „eine PKA naturgemäß an einen Endlagerstandort gehöre“ strebt das Niedersächsische Umweltministerium (NMU) unterdessen für die PKA in Gorleben ein Moratorium an. Da ein Endlager Gorleben wegen des geplanten Baustillstandes im Salzstock und der Untersuchung anderer Standorte eventuell nicht in Frage kommt, mache auch der Betrieb einer PKA in Gorleben „keinen Sinn“. Bonn und Hannover schieben sich gegenseitig die Verantwortung für eine PKA-Genehmigung in die Schuhe. (EJZ)

Die Eisenbahnbrücke in Seerau muß saniert werden und ist nicht castortauglich, heisst es am 24. Februar von der Deutschen Bahn. Die zulässige Achslast wurde „vorsichtshalber“ von 22,5 Tonnen auf 16 Tonnen herabgesetzt, Castor-Transporte überschreiten diese Achslast. Die Strecke Lüneburg- Dannenberg ist die einzige Strecke, auf der Atommülltransporte überhaupt nach Lüchow-Dannenberg kommen können. Die Route Uelzen-Dannenberg ist stillgelegt und wäre nur mit viel Aufwand funktionstüchtig zu machen. Dieser Tage sind Bahnfachleute vor Ort, um zu prüfen, wie sich die Brücke für Schwerlasttransporte am besten sanieren lässt. (EJZ)

Rund 2.000 Menschen und 60 Traktoren nehmen am 27. Februar an einem Protestmarsch von Gedelitz zu den Atomanlagen teil und „belagern die PKA“. Eine Nachbildung von Bundeskanzler Gerhard Schröder wird kopfüber in ein Atomklo gekippt. Zahlreiche Sandsäcke landen als „symbolischer Schutz vor der Atommüllflut“ vor dem PKA-Tor. Am Rande kommt es zu kleineren Rangeleien mit der Polizei: Die Zäune der PKA und des Bergwerks werden beschädigt, nachdem er einen Beamten gebissen hatte wird ein Atomkraftgegner festgenommen.

In Niedersachsen „stinkt es wie zu besten Albrecht-Zeiten“, so Torsten Koopmann (BI) auf der Kundgebung.

„Wir haben doch nicht die Grünen gegründet, damit wir hier vor Ort angeschissen werden“, schimpfte Undine von Blottnitz von der Bäuerlichen Notgemeinschaft auf das „unentschiedene“ rot-grüne „Trippeln“ in Bonn. Sie appelliert, mit „entschiedenem, striktem, witzigem“ Widerstand das Wendland von Atommüll freizuhalten. (EJZ)

End_akend_kIm Februar setzt Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlager (Ak End) ein, der die Grundlagen für das neue Endsorgungskonzept erarbeiten soll. Das Gremium soll einen Kriterienkatalog zur Standortwahl in unterschiedlichen geologischen Formationen und ein geeignetes Suchverfahren mit voller Beteiligung der Öffentlichkeit erarbeiten. Die Empfehlungen des AkEnd sollen „der Unterstützung des Bundes“ dienen, gemäß §9a Abs. 3 Atomgesetz (AtG) Anlagen zur Endlagerung radioaktiver Abfälle einzurichten. Der Arbeitskreis ist mit Fachleute aus den Bereichen Geowissenschaften, Sozialwissenschaften, Chemie, Physik, Mathematik, Bergbau, Deponietechnik, Ingenieurwesen und Öffentlichkeitsarbeit besetzt.

Als Randbedingungen für die Verfahrensentwicklung hat das BMU die folgenden Vorgaben gemacht:

  • Alle radioaktiven Abfälle sollen in tiefen geologischen Formationen in Deutschland endgelagert werden.
  • Für die Endlagerung aller Arten und Mengen radioaktiver Abfälle reicht ein  Endlager aus, das ab 2030 betriebsbereit sein soll. (bundestag.de)

Am 3. März billigt das Bundeskabinett den Vorschlag Jürgen Trittins, den 41jährigen Wolfram König (Grüne) an die Spitze des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zu berufen.

„Entsetzt“ zeigt sich die Bürgerinitiative Umweltschutz am 4. März über die Zusammensetzung der Endlager-Expertenkommission „AkEnd“, die auf Einladung von Bundesumweltminister Trittin (Grüne) in der vergangenen Woche zu einer ersten Sitzung zusammengetreten war. Unter den 13 Männern seien nur drei Gorleben- Kritiker, nämlich Detlev Apel (Pangeo Hannover), der Quartärgeologe Prof . Klaus Duphorn (Uni Kiel) und Jürgen Kreusch (Gruppe Ökologie Hannover). Auffällig stark sei die Gruppe der „Gorlebenbefürworter“, u.a. Dr. Thomauske und Dr. Röthemeyer.

„Wenn Herr Trittin die Gorleben-Karte weiter spielen will, sollte er es besser offen eingestehen.“ (Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg)

„Der Sack soll ein neues Widerstandssymbol werden“

Auf der Jahresversammlung der Bürgerinitiative Umweltschutz am 20. März kündigt Mathias Edler, Sprecher der BI- Arbeitsgruppe Medien, an: Sobald wieder ein Castor-Behälter durchs Kreisgebiet rollt, sollen an geeigneten Stellen zum Protest möglichst viele Sandsäcke plaziert werden. Sie sollen „zeichenhaft ein Bollwerk darstellen“. Für den Herbst fürchte man einen Castor-Transport, so BI-Vorsitzende Susanne Kamien, die im Verlauf der Wahlen bei einer Gegenstimme in ihrem Amt bestätigt wird.

Nach sieben-stündiger Tagung im Kulturverein Platenlaase resümiert Grünen-Landtagsabgeordnete Rebecca Harms am 27. März: „Wir müssen dafür sorgen, daß der gesellschaftliche Druck nicht aufhört.“ Auf Einladung der „Heinrich-Böll-Stiftung“ wurde einen ganzen Tag das Thema „Atomausstieg! Und was dann?“ diskutiert. Mit der Suche nach alternativen Endlagerstandorten „werde die Regierung scheitern“, prophezeit danach der im Wendland ansässige Bundestagsabgeordnete Kurt-Dieter Grill (CDU). Es gebe „weder ein Konzept für Energiealternativen noch für die Entsorgung“.

Am 29. März besucht Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) die Atomanlagen Gorleben. Sein Land habe „kein Interesse“ am Endlagerstandort Gorleben. Auf der einen Seite gäbe es aber „Zwänge, atomrechtliche Genehmigungen zu erteilen, die auf der anderen Seite für das Ausstiegsklima in der Republik ‚kontraproduktiv'“ seien, so der Minister. Daß in rot-grünen Zeiten „dann eventuell mehr Atomanlagen genehmigt als abgeschaltet werden“, ist für Jüttner kein Widerspruch: Schließlich müsse „eine jahrzehntelange Praxis abgewickelt werden“. Das bringe nun einmal Atomtransporte und atomrechtliche Genehmigungen mit sich.

Rücktransporte von Atommüll aus Frankreich ins Zwischenlager Gorleben sollen nach weiteren Sicherheitsmaßnahmen wieder rollen. Darauf verständigen sich Bonn und Paris am 1. April im Bundesumweltministerium.

Der „Spiegel“ berichtet am 5. April, dass „noch in diesem Jahr ein Nukleartransport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben rollen“ soll.

Hinsichtlich der Sicherheitsaspekte „sind noch nicht alle Punkte abgearbeitet, so daß hier noch Sicherheitsnachweise erbracht werden müssen“, so der neue Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König (Grüne), am 7. April zur Rücknahme von Atommüll aus Frankreich und die Genehmigung neuer Castor-Transporte.

Niedersachsens SPD-Landesregierung lehnt Castor-Transporte mit Atommüll ins Zwischenlager Gorleben in diesem und im kommenden Jahr weiter ab, heisst es am 10. April. „Wir haben nicht die Absicht, einen Polizeieinsatz anläßlich eines Castor-Transportes als dezentrales Expo-Projekt anzumelden“, so Jürgen Wittenberg, Sprecher des Niedersächsischen Innenministeriums zur Position des Landes, daß während der Expo 2000 keine Atommülltransporte nach Gorleben rollen sollen.

Am 15. April besuchen VertreterInnen der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow das Bundesumweltministerium in Bonn mit brennenden Frage: Was wird aus dem angekündigten Moratorium auf der Endlagerbaustelle? Welche Konsequenzen zieht das Ministerium aus dem Castor-Kontaminationsskandal? Wird das Schwarze-Peter-Spiel in Sachen Pilotkonditionierungsanlage (PKA) zwischen dem Bonner und dem Hannoveraner Umweltressort beendet?

„Die widersprüchlichen Äußerungen zur Inbetriebnahme der PKA und zur Wiederaufnahme der Castor-Transporte bedürfen dringend einer Klärung.“ Man sei nach wie vor dazu bereit, „konstruktiv Sachverstand in die Ausstiegsdiskussion einzubringen.“ (BI-Sprecher Wolfgang Ehmke)

Die Staatsanwaltschaft Hannover teilt am 19. April mit, daß sie ihr Ermittlungsverfahren gegen die Betreiber der niedersächsischen Atomkraftwerke wegen der Kontaminationen an den Transportbehältern eingestellt habe. Es gebe „keine Anhaltspunkte dafür, daß sich die Kraftwerksbetreiber strafbar gemacht hätten“. (Handelsblatt / FAZ)

X- tausendmal quer – überall

„Massive Proteste gegen neue Atommülltransporte aus deutschen Atomkraftwerken in ausländische Wiederaufarbeitungsanlagen“ kündigt die Initiative „X- tausendmal quer – überall“ am 20. April an. Tausende Menschen würden Schienen und Straßen besetzen, wenn wieder Transporte aus Stade, Neckarwestheim oder anderen Kraftwerken rollen sollten. (EJZ)

„Die falsche Anlage am falschen Ort zur falschen Zeit“: Als „3-F-Anlage“ bezeichnet Dr. Helmut Hirsch die Pilot-Konditionierungsanlage Gorleben im Zusammenhang mit einem Fachgespräch am 3. Mai zwischen Bund und Land zur Zukunft der PKA. Laut Dr. Wolfgang Hawickhorst von der GNS sei die Anlage  „entgegen anderslautenden Vermutungen nicht zwingend an den künftigen Endlagerstandort gebunden“. Man strebe vorerst den „Kaltbetrieb“ an. In der „Mehrzweckanlage“ sollen Brennelemente und radioaktive Abfälle endlagerfähig konditioniert, radioaktive Abfälle umgeladen und Servicearbeiten an Lagerbehältern ausgeführt werden. Als „Versuchsanlage“ könnten in der PKA „auch und gerade Konditionierungstechniken für jedes Wirtsgestein und jeden Standort erprobt werden“. Die GNS wolle die PKA-Betriebsgenehmigung auch unabhängig von der Erlaubnis, die Abwässer in die Elbe einzuleiten. Diese könnten alternativ auch abtransportiert werden.

„Ein plakatives Ja zur Anlage ist in der neuen Situation nicht aufrechtzuerhalten. Doch eine Genehmigung mit Auflagen durchaus denkbar.“ Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD)

In der PKA sei „keine endlagergerechte Konditionierung“ möglich, so Wolfgang Renneberg vom Bundesumweltministerium, weil es nach Ansicht der Bundesregierung „keinen Sinn mache, in Gorleben weiterzuerkunden“. Die Anlage sei aber „notwendig als Servicestation für mögliche schadhafte Castoren und Kokillenbehälter im Zwischenlager“.

Eine Reparatur der Seerauer Brücke ist „nicht mehr möglich, zumindest unwirtschaftlich“, heisst es am 5. Mai von der Deutschen Bahn AG. Sie will die Brücke abreißen und eine neue bauen. Doch ob dies genehmigt wird, ist offen, denn: Die Brücke aus dem Jahre 1874 ist Ende März amtlich als Baudenkmal anerkannt worden. Für den Abriss braucht es eine Sondergenehmigung. Sofern diese nicht erteilt wird, könnte das heißen: Die Brücke darf bleiben, der Castor darf nicht drüberfahren… (EJZ)

Bundes- und niedersächsisches Umweltministerium sollen „ihre Kompetenzen gemeinsam bündeln“ um „die Schutzinteressen des Volkes gegen die Atomindustrie durchzusetzen“, fordert Lüchow-Dannenbergs Landrat Christian Zühlke am 10. Mai nach der Fachkonferenz über die Pilotkonditionierungsanlage (PKA). Der wirksamste Schutz sei es, „für die PKA gar nicht erst eine Betriebsgenehmigung zu erteilen“. (EJZ)

Am 14. Mai legt die Brennelementlager Gorleben GmbH (BLG) ihren Bericht über die Umweltüberwachung für 1998 vor: Die Jahresmittelwerte der Gamma-Ortsdosis lagen an den fünf Meßstellen – vier davon befinden sich am Zwischenlagerzaun, eine in Gorleben – zwischen 0,604 Millisievert (mSv) und 0,675 mSv. Die Neutronen-Ortsdosis betrug im vergangenen Jahr im Durchschnitt zwischen 0, 114 mSv und 0,131 mSv.

Neue Forschungsergebnisse aus den Niederlanden belegen, daß Salz bei einer Strahlenbelastung hochexplosiv reagieren kann. Grundsätzliche Bedenken, ob Salzgestein als Atommüllagerstätte in Frage kommt, würden durch diese Forschungsergebnisse gestützt, schließt die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg am 19. Mai aus den Befunden.

Strahlung wandelt Salz in seine Bestandteile Natrium und Chlor um. Erhöht sich die Temperatur beispielsweise durch den Wärmeeintrag von hochradioaktiven Abfällen, kann der Prozeß auch wieder umgekehrt werden, allerdings werden dabei große Mengen an Energie freigesetzt.
Professor Hartog, Universität Groningen in den Niederlanden

Am 20. Mai referieren auf einer Veranstaltung der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg in Trebel der Kieler Geologe Prof. Klaus Duphorn und Jürgen Kreusch, Geologe bei der Gruppe Ökologie in Hannover. Beide bieten einen Rückblick auf über 20 Jahre „Endlagergeschichte“, einschließlich der vielen Änderungen in der Sicherheitsphilosophie, was die Barrieren Deckgebirge und Salzstock angeht. (EJZ)

Nachdem Bundesumweltminister Trittin eine Entscheidung über einen Erkundungsstopp „bis Ostern“ angekündigt hatte, wenden sich Salinas, Graf von Bernstorff, Vertreter der Kirche, Bürgerinitiative und der Lüchow-Dannenberger Grünen im Mai in einem Offenen Brief an Trittin. Sie mahnen endlich konkrete Schritte in Richtung Atomausstieg an und fragen: „Wann kommt das von Ihnen angekündigten Moratorium für das Endlager Gorleben?“

„Wir haben uns die Atomanlagen angesehen und uns über die Fakten informieren lassen“, so Reinhard von Schorlemer, Chef der Landesgruppe Niedersachsen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Anfang Juni. Die Fakten würden die Befürchtungen und Sorgen wegen der Sicherheit der Anlagen widerlegen, so das Resumee nach einem zweitägigen Gorleben-Besuch der Landesgruppe sowie von zwei weiteren CDU-Bundestagsabgeordneten aus Thüringen und Baden-Württemberg.

Am 7. Juni werden Fehler bei der Konstruktion von Kunststoffstäben in den Wänden von Castor-Behältern bekannt. Michael Ziegler, Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) bestätigt, daß „geringfügige“ Probleme mit einem von drei verwendeten Kunststoffmaterialien festgestellt worden seien. Laut „Spiegel“ war der Fehler jahrelang unbemerkt geblieben, nun könnten Verzögerungen beim Castor-Transport aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben drohen.

„Ihr seid das Salz der Erde“: So lautet das Motto des 29. Deutschen Evangelischen Kirchentags am 16.–20. Juni in Stuttgart. Bei dem Großereignis ist auch Salinas mit einem eigenen Informationstand (und vier Tonnen Salz) präsent. Kurz zuvor durfte das Unternehmen seinen 1000. Gesellschafter begrüßen.

„X-tausendmal – quer – überall“ – Wann immer auch demnächst ein ‚Transport mit abgebrannten Brennelementen ein Atomkraftwerk irgendwo im Lande mit dem Ziel Wiederaufarbeitung verläßt, wollen Atomkraftgegner den Weg blockieren. Auf einem Treffen im Cafè Grenzbereiche in Platenlaase werden am 22. Juni erste Strategieüberlegungen vorgestellt.

Ziel ist, daß die Atomkraftwerke (AKW) wegen „Verstopfung“ die Atomstromproduktion aufgeben und vom Netz gehen müssen, so Jochen Stay aus Jeetzel, Sprecher der Kampagne.

Erst im Jahr 2001 sind nach Einschätzung von Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) wieder Atommülltransporte in das Zwischenlager in Gorleben möglich. Um die Situation bei künftigen Castor-Transporten zu entschärfen, schlug Bartling am 26. Juni vor die in Dannenberg endenden Eisenbahngleise bis ins atomare Zwischenlager in Gorleben auszubauen. Bei Bahntransporten ins Lager werde es „wesentlich weniger Probleme mit Demonstrationen geben als auf der Straße – und die Kosten würden entsprechend sinken“. (dpa)

„Wir erwarten hingegen Landes- und Bundesinitiativen rotgrüner Parlamentarier zum Wideraufbau der Dömitzer Eisenbahnbrücke und zur Wiederaufnahme des Bahnverkehrs über die Elbe“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Am 4. Juli gestaltet die „Ökumenische Initiative Gorlebener Gebet“ anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens eine Andacht, ein Kreuzweg um das Endlager-Erkundungsbergwerk und ein Picknick.

Zwei Jahre nach Anschlagsserien mit Hakenkrallen auf die Bahn hat die Polizei am 6. Juli Beweismaterial sichergestellt: Bei den Durchsuchungen von 13 Wohnungen und Firmen in Lüchow-Dannenberg, im Kreis Lüneburg sowie in Hamburg und Berlin seien unter anderem angesägte Gleisstücke, die Handskizze einer Hakenkralle, Kopien von Gleisplänen und Werkzeuge zur Lockerung von Gleisen gefunden worden. Im wendländischen Glieneitz werden bei der achtstündigen Aktion Artikel über Castor-Transporte, Werkzeug – darunter ein Spielzeugschraubstock – sowie persönliche Dinge beschlagnahmt. Auf dem durchsuchten Anwesen wird zudem ein Stück Land nach Erddepots durchsucht. Einem Bewohner wird vorgeworfen, zu den Führungskadern autonomer Gruppen in Niedersachsen zu gehören.

Am 7. Juli plädiert Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) für die „Unterbrechung“ der Arbeiten im Salzstock Gorleben zur Vermeidung weiterer Kosten.

„Dies wird Voraussetzung dafür sein, daß die Bevölkerung Castor-Transporte aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben toleriert.“ (Bundesumweltminister Jürgen Trittin)

„Wer Apfel mit Birnen vergleicht, darf sich am Ende nicht wundern, daß seine Rechnung nicht aufgeht“, kontert die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Das Endlagermoratorium sei „ein erster Schritt in Richtung notwendiger Beendigung des Projekts“, für die Transporte aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gebe es bundesweit und erst recht im Wendland in Kreisen der Atomkraftgegner „null Toleranz“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. (EJZ)

Bis zum 12. Juli sammelten AtomkraftgegnerInnen im Landkreis Lüchow-Dannenberg in 14 Tagen 1.100 Unterschriften: Die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) Gorleben darf den Betrieb nicht auf nehmen – sie ist gefährlich und überflüssig, so die Kernaussage eines offenen Briefes, mit dem sich Gorleben-Widerständler an Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) und Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnisgrüne) wenden. (EJZ)

Der Stopp der Erkundungsarbeiten im geplanten Atommüll-Endlager Gorleben ist ohne Entschädigungszahlungen an die Industrie möglich, bestätigt es am 13. Juli Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Das Bundesumweltministerium hat die rechtliche Prüfungen im Mai abgeschlossen: Unter „bestimmten Voraussetzungen sei die entschädigungsfreie Unterbrechung der Erkundungsarbeiten in Gorleben möglich“. Trittin hat sein Versprechen gebrochen, die Erkundungsarbeiten in Gorleben zu stoppen und die Suche nach einem neuen Standort für ein Atommüll-Endlager aufzunehmen, sobald die Frage der Entschädigung geklärt sei, kritisiert die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Es gebe jetzt „keinen Grund mehr für die Bundesregierung, die Arbeiten in Gorleben weiterzuführen“, erklärt Andreas Graf von Bernstorff. (EJZ)

Regnet es bei der Verladung von Castor-Behältern auf der Verladestation bei Breese / Marsch, soll das Regenwasser auf Strahlenbelastung untersucht und erst dann ins Entwässerungssystem geleitet werden, fordert die Stadt Dannenberg Mitte Juli. Doch die Planung hat diese Forderung nicht berücksichtigt, der Rat der Stadt erteilt deshalb die „planrechtliche Genehmigung“ für die Entwässerung des Grundstücks nicht. (EJZ)

Am Rande der Landtagssitzung in Hannover übergeben AtomkraftgegnerInnen am 15. Juli an Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) mehr als 2400 Unterschriften für die Unterbrechung der Erkundungsarbeiten im geplanten Atommüllendlager Gorleben und die Verweigerung der Endgenehmigung für die benachbarte Pilotkonditionierungsanlage (PKA). Aus Protest gegen die PKA-Inbetriebnahme baut die Bäuerliche Notgemeinschaft einen PKA-Nachbau mit einem zehn Meter hohen Kamin auf dem Opernplatz in Hannover auf

„Die Erkundungsarbeiten bis zum Ende durchzuführen würde endlich Klarheit und nach allen vorliegenden Erkenntnissen auch ein endgültiges Aus für das Gorlebener Endlager bringen. Natürlich muß sofort mit der Suche nach einer Alternative begonnen werden – parallel zu den weiteren Arbeiten im Erkundungsbergwerk Gorleben.“ (SPD-Bundestagsabgeordnete Arne Fuhrmann am 17. Juli in der Elbe-Jeetzel-Zeitung)

Mit großer Mehrheit verfasst der Samtgemeindeausschuß Gartow Ende Juli eine Resolution, in der eine Bahnlinie bis zum atomaren Zwischenlager nach Gorleben befürwortet wird. Die Bundesregierung wird zudem aufgefordert, die Arbeiten im Endlagerbergwerk fortzuführen, denn: „Die Bürger der Samtgemeinde haben ein Anrecht darauf, nach bislang schon 20jähriger Erkundungsarbeit verwertbare Erkenntnisse über eine eventuelle Eignung oder Nichteignung zu bekommen“.

Am Wendland Sommercamp in Reddebeitz nehmen Ende Juli unter dem Motto „Gewaltfrei, utopisch, ungehorsam“ knapp 150 Menschen teil. Unter anderem findet am 28. Juli vor dem Lüchower Marktplatz auf der Langen Straße eine Blockade-Aktion statt. Bei dem öffentlichen Blockadetraining räumen Polizei-Statisten die Straße. Am 01. August startet aus dem Sommercamp in Reddebeitz eine deutsch-schwedische AntiAtom-Fahrradtour. Am 7. August wird an einer Großdemonstration von Lund nach Malmö teilgenommen.

Am 11. August blockieren AtomkraftgegnerInnen einen „Excellox“-Brennelement-Transportbehälter bei der Anlieferung zum AKW Neckarwestheim. Unter ihnen auch 30 WendländerInnen. Die Anlieferung des Leerbehälters verzögert sich um eine Dreiviertelstunde. (EJZ)

Am 3. September endet die 30-tägige Radtour der „Feuergruppe“ mit einer Abschlußaktion vor den Gorlebener Atomanlagen. Der „Atompfad“ führte über mehr als 1000 Kilometer zu verschiedenen atomaren Brennpunkten in Deutschland: Vom Uranabbau der Wismut im Erzgebirge, über Atomwaffenlager im Hunsrück, bis zu laufenden und stillgelegten Atomkraftwerken wie Lingen, Greifswald, Rheinsberg und Krümmel und zu Zwischen- und Endlager-Standorten wie Ahaus, Greifswald, Morsleben, Schacht Konrad und Gorleben. (EJZ)

Zwischen dem 9. und 12. September besucht eine Delegation der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg französische AtomkraftgegnerInnen am Standort der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Dort stehen sechs mit Atommüll-Behältern beladene Waggons und warten auf ihren Abtransport nach Gorleben. Während des Informationsbesuches stellt die BI klar, „dass Blockaden und Protestaktionen in Deutschland auf das Ende der Wiederaufarbeitung einerseits und der Atomenergie andererseits zielen und nicht darauf, den „Atomdreck“ in La Hague zu belassen.“

„Wir wissen, dass die Wiederaufarbeitung kein Entsorgungsbeitrag ist, weil der Atommüllberg um den Faktor 15 bis 20 vergrößert wird und am Ende hochradioaktive Abfälle in verglaster Form nach Gorleben zur Zwischenlagerung transportiert werden“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Mitte September betont Jürgen Auer, Pressesprecher der Brennelementelager Gesellschaft Gorleben, mit Blick auf die marode Eisenbahnbrücke in Seerau und die damit scheinbar unmöglich gewordenen Castor-Transporte nach Gorleben, dass es „sehr wohl alternative Strecken gebe. So könne man auch in Hamburg umladen“. Laut Deutsche Bahn AG können die Bauarbeiten an der Eisenbahnbrücke „nicht vor dem Herbst nächsten Jahres“ beendet sein. Planspiele der Polizei hätten in der Vergangenheit auch Geestgottberg (bei Wittenberge) oder Salzwedel als Umladebahnhöfe ins Kalkül gezogen, so die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg. (EJZ)

„Wer immer noch glaube, die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) Gorleben sei eine kleine Probeeinrichtung zur Verpackung von Atommüll, täusche sich schwer“, warnt Diplomphysiker Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie Hannover (GÖK) am 16. September auf Einladung der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg in Trebel. Gemessen am beantragten Aktivitätsinventar werde deutlich, dass die PKA „eine Atomanlage mit hohem Gefahrenpotential“ sei.

Mitte September werden 2.700 Unterschriften gegen die „Atommüllfabrik“ Pilotkonditionierungsanlage in einem „Tag-X-Sack“ an Bundesumweltminister Jürgen Trittin übersendet.

„Es bleibt dabei: Die PKA wird unser Elchtest für die Ausstiegsversprechen von Rot-Grün in Berlin“, so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz.

Am 21. September genehmigt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erstmals wieder Transporte von abgebrannten Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken zur Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich. Die acht erteilten Genehmigungen betreffen Brennelemente aus den AKW Stade, Biblis und Philippsburg und sind bis Jahresende befristet. Wie BfS-Präsident Wolfgang König erklärte, ist sichergestellt, „dass künftig die international festgelegten Grenzwerte für radioaktive Verunreinigungen auch bei den französischen Behältern eingehalten werden“. Atomkraftgegner kündigen „massive Behinderungen“ der Transporte an. (Frankfurter Rundschau)

Am 23. September weist das Lüneburger Verwaltungsgericht die Klagen der Lüchower Kreisverwaltung ab: Die Lüneburger Bezirksregierung durfte im Frühjahr 1997 unter Umgehung der Lüchow-Dannenberger Kreisverwaltung ein Demonstrationsverbot aus Gründen der Gefahrenabwehr entlang der Castor-Transportstrecke erlassen. Einzelpersonen, die Bürgerinitiative Umweltschutz und kommunale Gremien hatten mit ihren Klagen gegen Demonstrationsverbote unterstreichen wollen, „dass Grundrechte zur Durchsetzung einer privaten Atommüllabfuhr eingeschränkt werden“. (EJZ)

BfS-Chef: „Erhebliche Zweifel“ an Gorleben-Eignung

Im „Gorleben Forum“ am 27. September unterstreicht der neue Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König: Die Arbeitsunterbrechung im Erkundungsbergwerk für ein atomares Endlager sei notwendig. Das Gorleben-Moratorium sei vor allem fachlich sinnvoll und eben nicht nur politisch gewollt. Das neue Endlager-Konzept ziele auf nur ein Endlager für alle radioaktiven Abfälle, das erst 2030 fertig sein müsse. Es gebe „erhebliche Zweifel“, dass Gorleben geeignet sei, so König. (EJZ)

Ende September macht die Bürgerinitiative Umweltschutz mobil in Sachen „Jahr- 2000-Problem“: Angeblich werden von den 3 904 Computer-Systemen in der Nuklearindustrie 42 Prozent als „kritisch“ eingestuft. Mit Anzeigen und einer Unterschriftensammlung unterstützt die BI nun einen Appell, „Atomanlagen aus Sicherheitsgründen vor dem 31. Dezember 1999 bis zum Schalttag am 29. Februar 2000 abzuschalten“.

Am 30. September kommt es zu einem schweren Zwischenfall in der japanischen Uranverarbeitungsanlage Tokay-mura. Etwa fünfzig Menschen werden erhöhter radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Der Atomunfall heizt die die Diskussion um den geplanten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland neu an.

Am 3. Oktober beteiligt sich die Bäuerliche Notgemeinschaft an einer ironische „Erntedank“-Aktion der Bürgerinitiative Umweltschutz gegen die PKA. „Noch sind unsere Produkte unverstrahlt“: Aus Protest gegen die mögliche radioaktive Verseuchung bringen die Landwirte frische Kartoffeln, Mohrrüben und Gurken mit.

Die PKA sei neben der Wiederaufarbeitungsanlage die gefährlichste Atomanlage der Welt, weil nach dem Probebetrieb die großtechnische Nutzung angestrebt werde. Neben Rufschäden für ihre Produkte sehen die Bauern die Gefahr der Verseuchung von Land und Tier und die Zerstörung ihrer Existenz, denn, so die Notgemeinschaft: „Acker kann man nicht evakuieren.“

Dannenberg: Fachtagung zu Gorleben

Am 9. Oktober findet auf Einladung der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. in Dannenberg ein Gorleben-Symposium statt:

In Gorleben Nord ist eine noch stärkere Salzwasser-Dynamik vorhanden, ein großräumiger Salzwasseraufstieg bis 40 Meter unter dem Gelände. Radioaktiv verseuchtes Salzwasser könnte ins Grundwasser gelangen, ein klares K.o.-Kriterium für Gorleben. Unter den 41 Standorten, die eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ins Auge fasste, habe Gorleben unter dem Aspekt Deckgebirge die „rote Laterne“. (Professor Klaus Duphorn)

Ursprünglich ist als Kriterien immer das Deckgebirge und der Salzstock wichtig gewesen, doch diese Kriterien hätten nicht allein nach Gorleben, sondern zu vielen anderen Standorten führen müssen. Als dann die BGR 1995 ihre Kriterien aufstellte, sei die „ungestörte Dachregion“ betont worden: die Barrierefunktion des Deckgebirges. Doch gerade die sei in Gorleben nicht vorhanden. (Geologe Dr. Detlef Appel)

Bei eingelagertem Atommüll im Salz gebe es eine Unzahl von Wärme- und Strahlungsquellenen beste Voraussetzungen, um chemische Prozesse voranzutreiben, von denen man nicht wisse, wie sie enden. (Professor Rolf Bertram)

„Wir stoppen dieses Projekt“, resümiert BI-Sprecher Wolfgang Ehmke nach der Fachtagung. Da es deutliche Belege gebe, dass Gorleben ungeeignet sei, „müsse nun das Moratorium, besser sogar gleich das Aus kommen“. Die eingeladenen Vertreter vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erhalten von Bundesumweltminister Jürgen Trittin einen „Maulkorberlaß“ und bleiben der Veranstaltung fern. (EJZ)

22.-24. Oktober: Herbstkonferenz mit rund 170 VertreterInnen von Bürgerinitiativen aus dem ganzen Bundesgebiet im Dannenberger Fritz Reuter-Gymnasium. Zum Abschluss wird das Wanderdenkmal der Anti-Atom-Bewegung, die „Goldene Hakenkralle“ enthüllt, was bei Polizeigewerkschaft und Landkreis-Politikern für Aufregung sorgt.

Castortransport über Arendsee?

Ende Oktober stellt die Firma Nuclear Cargo + Service GmbH (NCS) beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) einen Änderungsantrag für den Transport der hochradioaktiven Glaskokillen aus der französischen Wiederaufarbeitung in La Hague: Demnach solle die Anlieferung der Fracht über den Bahnhof im Ferienort Arendsee (Sachsen-Anhalt) erfolgen, dort auf Straßentieflader umgeladen werden. Mit der Umleitung soll die schadhafte Eisenbahnbrücke in Seerau umfahren werden.

Es handle sich um einen „untauglichen Versuch, dem Castor-Widerstand im Wendland auszuweichen“. „Kein Strahlenabfall darf über irgendwelche Umwege in Zwischenlager rollen, solange kein klarer Fahrplan zum Atomausstieg vorliegt.“ (Renate Backhaus, BUND)

Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt hält die Planungen für ein „hypothetisches Konstrukt“, die Strecke sei „denkbar ungeeignet, ungenügend und störanfällig“. Das niedersächsische Innenministerium erteilt den Transporten erneut eine Absage: „weder in diesem noch im kommenden Jahr“ würden Anlieferungen nach Gorleben wieder aufgenommen. (EJZ)

Am 30./31. Oktober besucht eine 20-köpfige Delegation der Bürgerinitiative Umweltschutz erneut das französische La Hague. Symbolisch werden die Tore der Castor-Verladestation in Valognes von den Wendländern „an die Kette“ gelegt.

Auch im Herbst wird Salzstock Gorleben weiter gebuddelt – leider nur am geplanten Atomendlager. Salinas und Graf von Bernstorff warten noch immer vergeblich auf eine Bohrgenehmigung zur Salzförderung. So lange noch keine Bohrgenehmigung vorliegt, kommt das Salinas-Salz aus der Saline Luisenhall, die einzige in Europa noch produzierende Pfannensiederei. Das Salz ist frei von Umwelteinflüssen und chemischen Zusätzen und deshalb besonders gut geeignet für Menschen, die sich bewusst ernähren.

Es gebe „keinen sachlichen, politischen oder moralischen Grund“, der gegen den Rücktransport hochradioaktiver Glaskokillen aus der Wiederaufarbeitung nach Gorleben spreche, so Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) am 9. November. (Spiegel)

„Gerhard, wir kommen“ – Treck nach Berlin

Berlin-Treck 1999, Bild: D. Metk„Gerhard, wir kommen“: Unter diesem Motto machen sich am 12. November rund 150 Traktoren vom Wendland aus auf den Weg nach Berlin. Die Route führt durch Arendsee, das als möglicher Castor-Umschlagplatz ins Gespräch gebracht wurde. Nach elf Stunden Fahrt werden die Bauern von der Berliner Polizei empfangen und jeder Trecker akribisch durchsucht. Zahlreiche mitgeführte Gegenstände werden beschlagnahmt.

„Stunkparade“ für den sofortigen Atomausstieg

Am 13. November protestieren 6.000 AtomkraftgegnerInnen gemeinsam mit 150 Traktoren mit einer „Stunkparade“ für den sofortigen Atomausstieg. Mit einem Sonderzug reisten Wendländer ab Salzwedel zu der bislang größte AntiAtom-Demonstration in Berlin an. Um 11.00 Uhr startet der Treck am Ernst-Reuter-Platz, zieht von dort über den Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor.

Bibbernd, aber entschlossen juckelten etwa Uwe Zitterbarth und Jörg Steffens aus Gedelitz bis zum Alexanderplatz, „Scheiß Spiel“ stand auf einem Plakat an ihrem roten Trecker.

Auf der Abschlusskundgebung am Alexanderplatz heisst es:

So sicher, wie der Frühling auf den Winter folge, so sicher werden wieder Tausende auf die Straße gehen, wenn der nächste Castor nach Gorleben rollt. (EJZ)

Am 18. November stellt Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) ein Ultimatum bis Jahresende zur Verhinderung der Endgenehmigung für die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) in Gorleben. Das Land „müsse die betriebsbereite Anlage zur Verpackung von Atommüll in wenigen Wochen genehmigen, wenn der Bund nicht endlich eingreife“, so Jüttner. (EJZ)

Ende November wird ein Magdeburger Polizist vor dem Amtsgericht Dannenberg wegen Körperverletzung im Amt zu 5.000 DM Bussgeld verurteilt. Er hatte im Mai 1996 bei der Durchsuchung von drei Bussen, in denen sich AtomkraftgegnerInnen aus Hamburg, nahe Dannenberg einen bereits von Polizisten fixierten Mann geschlagen. Der Businsasse wollte sich ohne Rechtsbelehrung nicht durchsuchen lassen. (EJZ)

Anfang Dezember steigen nach den Atomkraftwerken Brunsbüttel, Krümmel und Emsland in Norddeutschland sowie Obrigheim in Baden-Württemberg auch die südwestdeutschen AKW Philippsburg und Neckarwestheim in die konkrete Planung für eigene Zwischenlager ein. Berlin unterstützt dies, um Castor-Transporte zu verhindern. (dpa)

Mit sieben Stimmen der ehemaligen bunten Koalition gegen drei der CDU beschließt der Atomausschuss am 7. Dezember, Kreisliegenschaften wie Schulen bei einem nächsten Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben nicht für Polizei oder BGS zur Verfügung zu stellen. 1997 weigerte der Landkreis sich bereits, wurde aber von der Bezirksregierung Lüneburg entmündigt. Mit einer Klage gegen dieses Vorgehen unterlag der Landkreis im September. (EJZ)

Am 12. Dezember billigt die Bundestagsfraktion der Grünen mit großer Mehrheit die Linie des Parteivorstands zum Ausstieg aus der Atomenergie: Sie erklärt sich bereit, eine Gesamtlaufzeit von längstens 30 Jahren für die bestehenden Atomkraftwerke zu akzeptieren.

Solange der Antrag der Nuklear Cargo Service (NCS), einen Castor- Transport über den sachsen-anhaltinischen Bahnhof Arendsee abzuwickeln, nicht zurückgezogen ist, „gehen wir von einem Transporttermin im Frühjahr 2000 aus“, heisst es bei einem ersten gemeinsamen Treffen von rund 30 AtomkraftgegnerInnen aus der Altmark und dem Wendland am 18./19. Dezember  in Lübbow.

Auf dem Gelände des Erkundungsbergwerks Gorleben wurden 1999 über Tage eine Halle für Friktionswinde nebst Garagen, eine Seilausrüstungshalle für Reserveseile nebst einer Waschhalle, eine Seilfahrtsbrücke, über die das Personal geschützt von der Kaue zum Schacht gelangen kann, die eigentliche Verladeanlage für Salz, ein Zuluftgebäude, um einziehende Luft zu erwärmen, eine Halle für Ersatzfördermittel sowie die Schachthalle für den trockenen Umschlag errichtet. Aus der Schachthalle führen zwei Bandbrücken über eine Übergabestation zur Verladestation, wo das Salz in die Lkw gekippt wird. Die gesamten Arbeiten über Tage haben 60 Millionen DM verschlungen.

Unter Tage sind im vorigen Jahr weitere Infrastrukturräume fertiggestellt worden. Des weiteren sind etwa 1.100 Meter Strecken aufgefahren worden, die den Erkundungsbereich I in über 840 Meter Tiefe erschließen sollen. (EJZ, 1.2.2000)

Im Dezember laufen die Betriebspläne für die Erkundungsarbeiten am Salzstock Gorleben aus und werden zunächst bis Ende März 2000 verlängert.

Bei Antragstellung im Jahre 1977 wurde mit der Fertigstellung des Endlagers Gorleben 1999 gerechnet.


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