Gorleben-Chronik 1995

Der Verzicht auf die Wiederaufarbeitung von Brennstäben und deren direkte Endlagerung würde für einen typischen Atomkraftwerks-Block von 1.000 Megawatt eine Kostenersparnis von jährlich 34 Millionen Mark erbringen, ergibt eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln, die am 12. Januar vorgestellt wird. Es gäbe allerdings Gründe, die endgültige Wahl zwischen beiden Entsorgungspfaden zunächst hinauszuschieben, um sich „Optionen offenzuhalten“. Die Betreiberin der französischen Wiederaufarbeitungsanlage, Cogema, habe wegen der Diskussion über einen Umstieg auf direkte Endlagerung bereits Preisnachlässe angeboten: Derzeit koste die Aufarbeitung pro Kilo Uran etwa 2.400 D-Mark. Um mit der direkten Endlagerung konkurrieren zu können, dürfe sie nicht teurer als 200 D-Mark sein, was jedoch unrealistisch sei (Frankfurter Rundschau, 13.1.95). Ende Dezember 1994 hatten Atomkonzerne die ersten Anschlussverträge für die Wiederaufarbeitung von Brennstäben aus den AKW Krümmel und Gundremmingen mit der britischen Aufarbeitungsfirma BFNL in Sellafield gekündigt (Frankfurter Rundschau, 30.12.94).

Am 21. Januar veröffentlichen verschiedene Castor-Gruppen, die „Unbeugsamen“ und die „Gorleben Frauen“ das Konzept zum „Zivilen Ungehorsam“ – einer „Öffentlichen und gemeinsamen Schienendemontage“ vor dem Dannenberger Castor-Verladekran.

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entscheidet am 23. Januar, daß der beabsichtigte Transport von abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Philippsburg ins Zwischenlager Gorleben rechtens ist. Es hebt damit die Eilentscheidung des Verwaltungsgerichts Lüneburg auf, das am 21. November 1994 den Transport des „Castor“-Behälters mit den Brennelementen wegen Sicherheitsbedenken gestoppt hatte (Handelsblatt, 24.1.95). Spontan versammeln sich vor dem Verladekran, auf dem Lüchower Marktplatz und vor dem Zwischenlager Gorleben mehrere 100 Menschen, um ihren Unmut gegen die Entscheidung kundzutun.

Nach Bekanntwerden des Urteils teilte die niedersächsische Landesregierung am 24. Januar mit, daß sie die Zustimmung zu dem „Castor“-Transport widerrufen werde. Die juristische Handhabe dafür finde sich in der Urteilsbegründung des Oberverwaltungsgerichts: Es habe die Klage gegen den „Castor“-Transport zwar abgewiesen, zugleich aber darauf aufmerksam gemacht, daß sich die KlägerInnen mit den von ihnen behaupteten Sicherheitsmängeln an die zuständige Landesbehörde wenden müßten (FAZ, 25.1.95).

Am 26. Januar verübten militante AtomkraftgegnerInnen erneut einen Anschlag auf den Eisenbahnverkehr. Mit einem Wurfanker wurden Oberleitung der Strecke Hannover – Hamburg beschädigt und der Zugverkehr fünf Stunden lang weiträumig umgeleitet werden. Erneut übernimmt ein „K.Ollektiv Gorleben“ die Verantwortung für den Anschlag und hinterlässt am Tatort in Bienenbüttel Flugblätter mit der Auschrift „Stoppt Castor“ (Hannoversche Allgemeine, 27.1.95).

Laut des neuen Vorstandsvorsitzenden der RWE Energie, Roland Farnung, sei durch ein „fehlenden Kernenergie-Konsens“ ein „Schaden“ von 15,3 Milliarden Mark durch gescheiterte Atomenergieprojekte entstanden. Dazu gehören:

  • Schneller Brüter Kalkar (7,1 Milliarden), Hochtemperaturreaktor (HTR) Hamm-Uentrop (4,2 Milliarden), Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (3,2 Milliarden), HTR-Brennelementefabrik (200 Millionen), Brennelemente-Fabrik für Forschungsreaktoren Hanau (100 Millionen), Uranverarbeitung Hanau (500 Millionen).

Weitere Investitionen in Höhe von 11,3 Milliarden Mark seien „aus politischen Gründen gefährdet“:

  • Mischoxid-Brennelemente-Fabrik Hanau (1,1 Milliarden), AKW Mülheim-Kärlich (7 Milliarden), Endlager-Projekt Gorleben (1,6 Milliarden), Endlager-Projekt Konrad (1,2 Milliarden), Pilotkonditionierungsanlage Gorleben (400 Millionen). (Süddeutsche Zeitung, 10.2.95)

Im Februar und März ziehen Unbekannte in zahlreichen Zügen der Deutschen Bahn die Notbremse und weisen die Fahrgäste mit Flugblättern auf den bevorstehenden Castor-Transport hin.

Am 10. Februar bekennen sich über 300 UnterzeichnerInnen öffentlich in einer Zeitungsanzeige zu zivilem Ungehorsam im Rahmen der Aktion „Ausrangiert“.

Mittels Luftballons fliegt am 11. Februar ein Castormodell in die Luft und der Zaun um den Verladekran wird mit Toilettenpapier eingehüllt.

Am 15. Februar verpflichtet Bundesumweltministerin Angela Merkel das niedersächsische Umweltministerium per Weisung, die Einlagerung von Brennelementen aus dem Atomkraftwerk Philippsburg im Zwischenlager Gorleben zuzulassen. Binnen einer Woche soll Niedersachsen dem Castor-Transport zustimmen.

Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder und seine Umweltministerin Monika Griefahn verständigten sich am 16. Februar darauf, daß dem Land keine rechtlichen Möglichkeiten zur Verfügung stünden, um gegen die Weisung, die mit Zustimmung des Bundeskabinetts erteilt wurde, vorzugehen. Ein Transporttermin bleibt unklar. (Süddeutsche Zeitung, 16./17.2.95)

Am 20. Februar blockieren etwa 50 AtomkraftgegnerInnen eine Kreuzung in Dannenberg.

Der dritte Verhandlungstermin gegen die 14 Turmbesetzerlnnen findet am 1. März vor dem Landgericht Lüneburg statt. Das Urteil im Schadensersatzprozess über mehr als 120.000 DM wegen einer Blockade des Bergwerks Gorleben wird für den 3. Mai angekündigt.

Am 10. März erlässt der Landkreis Lüchow-Dannenberg eine „Allgemeinverfügung“: Sie verbietet damit die für den folgenden Sonntag angekündigte Aktion „Ausrangiert“.

Ausrangiert!

Am 12. März beteiligen sich trotz „Allgemeinverfügung“ 800 Menschen an der gewaltfreien Aktion zivilen Ungehorsams „Ausrangiert“. Öffentlich werden Bahnschwellen am Castor-Gleis in Dannenberg demontiert. Polizei und Bundesgrenzschutz sind massiv vertreten, können die Aktion aber nicht verhindern. An der Organisation ist u.a. die „Kurve Wustrow“ beteiligt.

Mehrere hundert AtomkraftgegnerInnen  protestieren am 23. März vor dem Zwischenlager und in Lüchow anlässlich des Besuches der Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) im Erkundungsbergwerk Gorleben. Bei diesem ersten Besuch im Wendland scheut Merkel die Öffentlichkeit. Sie fährt in den Salzstock ein, um sich ein Bild über die Erkundungsarbeiten für ein Atomendlager zu machen. Im Anschluss stellt sie sich den Journalisten und nimmt am Abend – unter massiven Polizeischutz – am CDU-Parteitag in Lüchow teil.

Merkels Backpulver-Vergleich

Sie hatte gerade über die Probleme beim Beladen des ersten für Gorleben gedachten Castorbehälters in Philippsburg gesprochen, als Merkel einen bemerkenswerten Vergleich nachschob: Es fielen die Worte „Kuchenbacken“ und „Küche“, und dass dabei schließlich auch „Backpulver“ danebengehe.

Jede Hausfrau wisse doch, dass beim Backen auch mal etwas Backpulver daneben gehe.

Den seit 1994 aufgekommenen Widerstand gegen die Atommülltransporte bezeichnet Merkel „unverständlich“: Es werde geradezu so getan, „als wenn die Welt untergeht“.

Merkel sagte außerdem Sätze wie „Gorleben spielt eine zentrale Rolle. Mit ihr ist die Zukunft der Kernenergie verbunden“ oder mit Blick auf die Erderwärmung und auf die CO2-Emissionen, dass die Atomenergie in Deutschland „verantwortbar, ökologisch sauber und technisch hochstandardisiert“ sei. (Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 19.11.2005)

Im Wendland erhält Merkel nach diesem Auftritt den Beinamen „Merkelnix“.

Anfang April wird bekannt, dass der Castor-Transport aus dem AKW Philippsburg am 25. April Gorleben erreichen soll – also einen Tag vor dem neunten Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe und zeitgleich mit einer entscheidenden Runde der Energiekonsensgespräche in Bonn.

Am 13. April wird erneut ein Anschlag auf die Bahnstrecke Lüneburg – Dannenberg verübt. Aus den Schienensträngen werden jeweils etwa zwei Meter lange Stücke herausgeschnitten und zu einem X aufgerichtet. Ein außerplanmäßiger Güterzug überfährt die Stelle, entgleist aber nicht. Der Sachschaden beträgt 20.000 DM. Im ganzen Bundesgebiet kommt es im April zu Anschlägen und Sabotageaktionen auf Einrichtungen der Bahn.

Am 15. April ergeht für die am folgenden Tag geplante Aktion zivilen Ungehorsams „Abschalten“ erneut eine Allgemeinverfügung des Landkreises. Auktionator „Mister X“ versteigert die Endlager-Erkundungstürme zugunsten der Prozeßkosten für die Turmbesetzerlnnen.

Etwa 1.500 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz verhindern am 16. April, dass 400 AtomkraftgegnerInnen auf die Schienen in der Nähe des Castor-Verladekrans in Dannenberg kommen. Dort soll die Aktion „Abschalten“ stattfinden.

Am 19. April werden bei einem erneuten Anschlag auf die Bahnstrecke zwischen Uelzen und Celle Leit- und Signalkabel zertrennt. Die Ermittler finden „Stopp Castor“ Plakate.

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erklärt am 21. April in einer Eilentscheidung den geplanten Atommülltransport aus dem Atomkraftwerk Philippsburg-2 in das Zwischenlager Gorleben für rechtens. Parallel dazu wird ein Demonstrationsverbot entlang und auf der Transportstrecke durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg vom 22. bis zum 29. April erlassen.

Am 22. April demonstrieren 4.000 Menschen in Dannenberg gegen den bevorstehenden Castor-Transport. Auf dem Gelände des ehemaligen „Castornix“-Hüttendorfs im Wald beim Zwischenlager Gorleben nimmt die Polizei mehr als 100 Menschen fest, weil sie sich in der „Verbotszone“ aufhalten. Im ganzen Landkreis finden Aktionen statt: Demonstationen, Barrikadenbau, Gleisbesetzungen, Errichtung eines Hüttendorfes und mehr.

Auf einer Wiese nahe der Bahnlinie entsteht mitten in Dannenberg am 23. April das Protest-Basiscamp „Verladenix“. Den ganzen Tag und in der Nacht werden die Aktionen im Landkreis fortgesetzt. Auch am AKW Philippsburg haben sich mehrere hundert Menschen versammelt, um gegen die Abfahrt des Atomtransports zu protestieren.

Am 24. April um 20.05 Uhr beginnt der Castor-Transport aus dem Atomkraftwerk Philippsburg seine Fahrt in das Zwischenlager Gorleben.

Eine Diesel-Lok der Deutschen Bahn AG zog den mit einer Plane abgedeckten Sicherheitsbehälter mit den hochradioaktiven Brennstäben aus dem Kraftwerksgelände. Ein massives Polizeiaufgebot versuchte zahlreiche Demonstranten von den Gleisen fernzuhalten. Über 60 Atomkraftgegner wurden in Gewahrsam genommen. (contratom.de)

8.000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz sind zur Streckensicherung durch Deutschland im Einsatz.

Auf einer Pressekonferenz der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg erklärt Landrat Christian Zülke (SPD): „Ich werden mit an das Versammlungsverbot halten“. In der Nacht brennen auf den Gleisen am Bahnhof Hitzacker Holzstämme. Die zweite Bahnstrecke Uelzen-Dannenberg wird bei Zernien blockiert.

Als endgültig feststand, der Castor rollt, gab es abends noch mal eine Notgemeinschaftsversammlung mit weit über 100 Menschen. Daß wir Bauern mit unsern Treckern etwas unternehmen wollen war klar. Da wir nicht alle Anwesenden kannten, bestand die Gefahr das Spitzel geplante Aktionen verraten könnten. Fünf Bauern aus den verschiedenen Regionen des Landkreises haben sich dann zurückgezogen und beraten. Wer bereit war an der Aktion teilzunehmen, konnte dann bei dem Bauern aus seinem Gebiet nachfragen was geplant ist. Wir erfuhren dann, morgen früh 7Uhr blockieren wir bei Splietau. (20 Jahre Widerstand – Adi Lambke, Landwirt, zieht ein Resümee )

Tag X – Dienstag, 25. April 1995

Die gesamte Castor-Transportstrecke ist Ziel von Anschlägen und Protesten. Ca. 2.000 Atomkraftgegnerlnnen im Wendland leisten erbitterten Widerstand und „stellen sich quer“.

Im Schritttempo nähert sich das 125 Tonnen schwere Ungetüm mit der gefährlichen Fracht seinem Ziel nahe Gorleben in Niedersachsen: zuerst per Bahn, später dann per Lkw. Immer wieder werfen sich Menschen in den Weg und müssen weggetragen werden. Steine fliegen. Die Polizei geht mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor. Gorleben ist im Ausnahmezustand. Die Schulen sind geschlossen, Bauern haben sich auf Treckern zum Protestmarsch aufgemacht. (wdr.de)

Castortransport Route 1995

Transportstrecke 1995

Nach 14 Stunden Bahnfahrt trifft der Castorbehälter aus dem baden-württembergischen Atomkraftwerk Philippsburg-2 nach etwa 580 km gegen 10.30 Uhr am Verladebahnhof Dannenberg-Ost ein. Gegen 12.00 Uhr ist der Behälter auf einen Straßen-Tieflader verladen und setzt sich auf die 18 km lange Strecke nach Gorleben in Bewegung.

Anfangs ist der Sprecher der Pressestelle „Castor“ in der Polizeizentrale Lüneburg noch optimistisch. „Der Zug läuft“, verkündet er stolz. „Das ist ein Erfolg für uns.“ Acht Stunden später ist von „erheblicher Gewaltbereitschaft“ und „massiven Einsätzen“ gegen Demonstranten die Rede. (wdr.de)

6.500 BeamtInnen von Polizei und BGS bahnen dem Transport den Weg. Mit Schlagstöcken und Wasserwerfern, vor allem aber mit Zupacken räumte die Staatsmacht Demonstranten beiseite. Es kommt zu zahlreichen Verletzten.

Um 17.12 Uhr schließen sich hinter dem ersten Atommüll-Behälter die Tore des Zwischenlagers in Gorleben.

Bundesweit protestieren etwa 4.000 AtomkraftgegnerInnen. Insgesamt sind 15.000 Polizisten im Einsatz, der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt sind in Niedersachsen 7.600 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz – zusammengerufen aus einem halben Dutzend Bundesländern – im Einsatz. 29 Personen werden vorläufig festgenommen.

Dieser erste Castor-Transport kostet den Steuerzahler ca. 55 Millionen Mark, also etwa 100.000 DM je km. Davon fallen knapp 28 Millionen Mark auf das Land Niedersachsen.

„Wir werden auch den nächsten Castor-Transport so teuer machen“, prophezeit ein Bauer den Heerscharen angereister Journalisten in Gorleben. „Und den nächsten.“ (wdr.de)

Gleich nachdem der Castor-Behälter in Gorleben abgeladen war, kündigt das Bundesumweltministerium unter Angela Merkel (CDU) an, demnächst (bis Jahresende) werde Atommüll aus dem AKW Biblis und dem AKW Gundremmingen folgen.

Der Castor sei „ein notwendiges Übel“, betont Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) später. Opposition und Umweltschützer sprechen von einer „ungeheueren Provokation zum neunten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl“.

Am 1. Mai „flüchten“ etwa 1.000 Menschen in einem Treck „vor der atomaren Bedrohung“ und ziehen mit Sack und Pack durch Dannenberg.

Im Schadensersatz-Prozess um die Turmbesetzung in Gorleben im Juni 1990 erlässt das Landgericht Lüneburg am 3. Mai das Urteil: Die AktivistInnen sollen 126.901,10 DM (+ Zinsen) Schadensersatz wegen Stillstandskosten bei den Erkundungsarbeiten im Gorlebener Salzstock zahlen. Die Turmbesetzerlnnen beantragen Berufung beim Oberlandesgericht Celle.

Das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“, das beim Castor-Transport mit DemonstrationsbeobachterInnen das Geschehen verfolgte, veröffentlicht am 4. Mai ihre Bilanz. In ihrer Erklärung wird das Demonstrationsverbot und der Polizeieinsatz kritisiert:

„Dem friedlichen, gewaltfreien, offen vorgetragenen Protest wurde zunehmend mit massiven Zwangsmitteln begegnet.“ (Komitee für Grundrechte und Demokratie)

Später erscheint ein vollständiger Bericht mit dem Titel „Castor eingelagert – Grundrechte und Demokratie ausgelagert„.

In einer am 12. Mai erscheinenden Anzeige in der Elbe-Jeetzel-Zeitung bekräftigen mehr als 3.000 UnterzeichnerInnen ihr „Nein zum Castor“. Auf den fünf Seiten kündigen die Menschen an, weiter aktiv zu bleiben.

Am 13. Mai demonstrieren in Hannover etwa 10.000 Menschen unter dem Motto „Bundesweiter Demonstrations- und Aktionstag“ in Hannover gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und gegen weitere Castor-Transporte.

Die Zeit ist einfach reif … die Stillegung aller Atomanlagen, den Ausstieg aus der Atomenergie und Energiewende jetzt endlich durchsetzen! (Aufruf des fzs, freier zusammenschluss von studentInnenschaften e.V. )

Als Hauptredner der Kundgebung bezeichnet der Energieexperte Peter Hennicke vom Wuppertal-Institut die gegenwärtigen Energiekonsens-Gespräche als „Tiefstand politischer Kultur“. Sie seien ein „Gefeilsche um Kohle und Kernenergie“, während eine „Wende zur Solar- und Energiesparwirtschaft“ notwendig sei. (taz, 15.5.95)

Mit dabei sind auch 300 Traktoren, ca. 250 davon sind bereits vor zwei Tagen in einem Treck der Bäuerlichen Notgemeinschaft im Wendland gestartet und in die Landeshauptstadt gekommen.

Am 2. Juni genehmigt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Nutzungserweiterung der Zwischenlagerhalle Gorleben. Diese erlaubt künftig die Einlagerung von mehr als doppelt so viel radioaktivem Inventar (3.800 Tonnen statt 1.500 Tonnen) als vorher, obwohl baulich nichts geändert wurde. Teil der Genehmigung ist die Rücknahme von verglasten, hochradioaktiven Abfällen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, verpackt in Kokillen.

Gesundheitsgefahr durch Neutronenstrahlung extrem unterschätzt

Auf einer Veranstaltung in Dannenberg erläutert der Nuklearmediziner Prof. Horst Kuni am 7. Juni seine Thesen von der bisher extrem unterschätzten Gesundheitsgefahr durch Neutronenstrahlung aus dem Castor-Behälter.

Beim Anlegen internationaler Maßstäbe und neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse ist die strahlenbiologische Wirkung von Neutronen etwa 30mal höher anzusetzen sei, als in der deutschen Strahlenschutzverordnung angenommen. (Nuklearmediziner Prof. Horst Kuni, Strahlentelex)
Nach Kunis Darstellung wäre die Strahlendosis, die Polizisten bei der Begleitung von Castor-Transporten abbekommen, 300mal wirksamer als bisher angenommen. (Süddeutsche Zeitung, 10.8.95)

Es folgt eine monatelange wissenschaftliche Diskussion. Am Ende einigen sich alle Beteiligten darauf, dass die derzeit geltenden deutschen Grenzwerte für Radioaktivität zu hoch sind. Unklar ist dabei aber, um wieviel sie reduziert werden müssten. Treffen Kunis Zahlen zu, wären keine weiteren Castor-Transporte mehr genehmigungsfähig.

Am 9. Juni besucht die niedersächsische Umweltministerin Griefahn Hitzacker. 100 Gorleben-GegnerInnen, u.a. von der Bäuerlichen Notgemeinschaft protestieren.

Zu einer zweiten Informations-Reise startet am 9. Juli in Gorleben die „Castornix Karavane“, dieses Mal führt sie zu den Atomanlagen in Nord- und Ostdeutschland.

Neben dem besagten „Wendländischen Castor“ gibt es noch viele weitere Castoren, die täglich über unsere Schienen rollen. Bei der Castor-nix-Karavane kommt alles mit, was fahren kann. Fahrrad, Bauwagen, Liegeräder und Trecker bestimmen das Bild, wenn sich die Karavane bei glühender Mittagshitze durch die Lande begibt. In den verschiedenen Orten, wo sie durchkommt, finden mit den Gruppen vor Ort gemeinsame Aktionen, Konzerte, Partys und Diskussionen statt.(Natur-Erlebnis-Mappe der Jugend- und Umweltwerkstatt Oldesloe)

Die neue Gesprächsrunde über einen Energiekonsens ist am 21. Juni beim dritten Treffen gescheitert, weil sich Regierungskoalition und SPD nicht über eine gemeinsame Formulierung zur Option für die Entwicklung neuer Atomkraftwerke einigen konnten.

Am 26. Juli ordnet das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den Sofortvollzug für weitere Castortransporte nach Gorleben an. Darunter sollen sich erstmals auch Glaskokillen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague befinden.

„Von dem Castor gehen keine Strahlengefahren aus“, betont am 3. August der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Prof. Dr. Kaul und widerspricht damit den Thesen des Marburger Nuklearmediziners Horst Kuni, die im ARD-Magazin Monitor veröffentlicht wurden. Dessen Thesen würden auf „zum Teil unsinnigen Annahmen sowie nicht bewiesenen strahlenbiologischen Behauptungen“ beruhen. (Süddeutsche Zeitung, 10.8.95)

Nach der Monitor-Sendung reagiert Niedersachsens Innenminister Glogowski prompt:

„Es wird solange keine Einsätze niedersächsischer Polizeieinheiten bei CASTOR-Transporten geben, bis nicht unzweifelhaft feststeht, daß für die eingesetzten Beamten keine gesundheitliche Gefährdung besteht.“

Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder kündigt am 12. August an, dass Niedersachsen künftig weitere Transporte nach Gorleben auch gegen den Widerstand von Atomkraftgegnern durchsetzen werde, „wenn die Sicherheitskriterien erfüllt seien“. (Hannoversche Allgemeine, 14.8.95)

Am 13. August bezeichnet die niedersächsische Landesregierung die Pläne, noch im November jeweils einen Castor aus dem bayerischen Atomkraftwerk Gundremmingen und einen aus der französischen WAA La Hague in das Zwischenlager Gorleben zu transportieren, als „unrealistisch“. Die Handhabung der Behälter müsse noch geprüft werden.

Mit Schweißbrennern werden in der Nacht vom 21. auf den 22. August drei der vier Träger der Castor-Verladekrans in Dannenberg durchtrennt. Der Kran kippt allerdings nicht um. Parallel findet ein Anschlag auf das Zwischenlager Gorleben statt: Die Stromzufuhr wird durch Herbeiführung eines Kurzschlusses unterbrochen und die Halle mit Leuchtraketen beschossen. Außerdem werden Fensterscheiben mit Parolen besprüht und auf mehreren Straßen Strohballen angezündet. Die Betreiber sprechen von 300.000 DM Sachschaden und setzen eine Belohnung zur Ergreifung der TäterInnen aus.

Am 25. August widersetzt sich die sachsen-anhaltinische Umweltministerin Heidrun Heidecke (Bündnis 90/Die Grünen) einer Weisung des Bundesumweltministeriums und untersagt die Fortführung der Versturz-Technik im Endlager Morsleben. Die Fässer mit mittelradioaktiven Abfällen könnten nach einem Sturz aus einer Höhe von 15 Metern „bersten und ihre Inhalte sich vermischen, so daß die Abfälle nicht mehr kontrollierbar und auch nicht mehr rückholbar seien“.

Stay rude-Stay rebel – Festival

„Stay rude – Stay rebel“, Rock gegen Atomkraft ist das Motto des zweitägigen Benefitz-Open-Air-Festivals zugunsten des wendländischen Widerstands am 26./27. August in Grabow (zwischen Dannenberg und Lüchow). Insgesamt kommen – trotz Regen – mehr als 5.000 Menschen auf den Blottnitz’schen Acker. Es spielen fast 48 Stunden non-stop und ohne Gage 24 Bands, darunter namhafte wie No Sports, Wolf Mahn, Ulla Meinecke, Fettes Brot, Inga Rumpf, The Bates und als „Special Guest“ Die Toten Hosen.

Das Festival ist, wie so vieles im Wendland, selbstgemacht: Hunderte freiwillige Helfer organisieren eine fast perfekte Großveranstaltung.

Am 29. August wird „an der Bahnstrecke nach Gorleben“ ein Kabel und einen Schaltkasten in Brand, wodurch ein Schaden von rund 70 000 Mark entstand und zeitweilig der Bahnverkehr beeinträchtig wurde. Am Tatort wurde ein Aufkleber mit der Aufschrift „Castor-Alarm 2, Tag X — Jetzt erst recht! Wir stellen uns quer!“ gefunden (DPA, 30.8.95).

Auf das „Benefiz“ folgt am 24. September das „Malefitz“: Rund um das geplante Endlagerbergwerk und die angrenzende Salzhalde demonstrieren 1.000 Menschen mit „Spass, Spiel und Spannung“. Es kommt zu Rangeleien mit der Polizei, Schlagstock- und Wasserwerfereinsatz.

Am 22. Oktober findet in der Dannenberger Kirche ein weiteres Benefitz-Konzert für den Widerstand statt: Haydns „Schöpfung“ wird zugunsten der Bürgerinitiative von MusikerInnen der Kieler Oper aufgeführt.

Der folgenschwerste Anschlag einer ganzen Serie von Sabotage auf Einrichtungen der Bahn setzt am 24. Oktober die Hauptstrecken Hamburg – Hannover und Hamburg – Bremen stundenlang außer Betrieb. Insgesamt 34 Reisezüge standen still oder mußten umgeleitet werden, darunter zwölf ICE-Züge. Tausende von Pendlern kamen zu spät zur Arbeit. In allen sechs Fällen werden die Oberleitungen durch Hakenkrallen oder Wurfanker, die sich in den Stromabnehmern der Lokomotiven verfingen, zerstört. Nach Angaben der Bahn AG sind durch die Anschläge allein in diesem Jahr Sachschäden von zwei bis drei Millionen Mark verursacht worden.

Am 27. Oktober wird bekannt, dass die Bahn wegen der Anschlagsserie prüft, ob sie in Einzelfällen Transporte von Castor-Behältern verweigern kann. Außerdem will der Konzern sich künftig die Schäden im Zusammenhang mit Atomtransporten von den AuftraggeberInnen bezahlen lassen (sog. Haftungsfreistellung).

Als Teil eines bundesweiten Aktionstages gegen Castor-Transporte starten die Castor-Ortsgruppen aus Lüchow-Dannenberg am 28. Oktober Aktivitäten unter dem Motto „Wir verschönern den Landkreis“. An vielen Orten werden neue Transparente, Beschriftungen, Plakate Stelltafeln und Strohpuppen angebracht.

In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ äußert ein Sprecher des Bundesgrenzschutzes am 30. Oktober die Befürchtung, daß die Zahl der Anschläge auf Bahnanlagen im Zusammenhang mit Castor-Transporten noch zunehmen werden.

Baustopp aufgehoben

Am 2. November entscheidet Bundesverwaltungsgericht, dass die niedersächsische Landesregierung die weitere Erkundung des Salzstocks Gorleben auf seine Eignung als Endlager für hochradioaktive Abfälle zulassen muss. Das Gericht gab damit in letzter Instanz einer Klage des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) statt. Die Landesregierung hatte 1992 die Bergbehörden angewiesen, die Erlaubnis für die Erkundungsarbeiten in Gorleben nicht zu verlängern. Nach Feststellung des Gerichts gibt es aber keinen gesetzlichen Grund, die Verlängerung des Rahmenbetriebsplans von 1983 zu verweigern und die Vorlage eines neuen Rahmenbetriebsplans zu verlangen. Das BfS wies darauf hin, daß durch die Versagung einzelner Genehmigungen Stillstandskosten von mehreren Millionen Mark entstanden seien, die jetzt gegenüber dem Land als Schadenersatzforderung geltend gemacht würden (Süddeutsche Zeitung, 3.11.95)

In dem Urteil werden auch die Salzrechte des Grafen von Bernstorff erwähnt und nicht als „unüberwindliches Hindernis“ angesehen.

„Anstatt ein notwendiges Projekt immer wieder zu behindern, sollte Gerhard Schröder bei seinen SPD-Kollegen um alternative Standorte werben. Das wäre ein Fortschritt in einer scheinheiligen Atomdebatte, die sich inzwischen um jeden Rest von Glaubwürdigkeit gebracht hat.“ (Süddeutsche Zeitung, 3.11.95)

Eine erneute Anschlagserie auf Bahnanlagen wurde am 18. Dezember verübt. Innerhalb von gut zwei Stunden erfolgen acht Anschläge mit Wurfankern, die die Oberleitungen beschädigten und den Zugverkehr auf den Strecken zwischen Mannheim und Frankfurt sowie zwischen Frankfurt und Fulda stundenlang lahmlegten. Die Polizei findet Flugblätter mit Parolen wie „Stoppt Castor“ oder „Atomtransporte stoppen“. (FAZ, 19.12.95)

In der folgenden Nacht (19. Dezember) wird die Rheintalstrecke bei Dieblich durch einen umgesägten Bahnstrommasten blockiert. Die Bahn beziffert den Sachschaden auf mehrere hunderttausend Mark. (FAZ, 21.12.95)

Ende 1995 wird genehmigt, das zulässige Radioaktivitätsinventar des Fasslagers Gorleben (Zwischenlager für schwach- und mittelaktiven Atommüll) um das 1000-Fache zu erhöhen. Hintergrund ist die Absicht, bitumierte radioaktive Abfälle aus der französischen WAA Cap de La Hague und mittelaktive Komponenten in Gorleben einzulagern.


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