Gorleben-Chronik – 1986
Tschernobyl

Am 17. Februar protestieren 500 Lüchow-DannenbergerInnen bei klirrender Kälte gegen die Rodung von 17 Hektar Wald für die Errichtung einer Abraum- und Salzhalde, die im Zusammenhang mit dem Endlagerausbau in Gorleben aufgeschüttet werden soll.

Am 17. März beginnen die Abteufarbeiten von Schacht Gorleben I im Tiefkälte-Gefrierverfahren. Damit beginnt offiziell der Bau des „Erkundungsbergwerks“.

Ostern 1986 (31. März) demonstrieren in Wackersdorf 100.000 Menschen gegen die WAA, die größte Umweltdemonstration bis zu diesem Zeitpunkt. Auch kommt es zum bundesweit ersten Einsatz von CS-Gas gegen Demonstranten. Dabei stirbt ein Demonstrant nach einem Asthmaanfall. Die Umstände werden auch im Wendland diskutiert.

Tschernobyl

26. April 1986 – In der Ukraine explodiert Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. In Lüchow kommt es zu einer Demo und einem „Go In“ in das Kreishaus. Radioaktivitäts-Messungen werden gefordert.

Am 30. April beantragt die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) die Errichtung einer Konditionierungsanlage (PKA) in Gorleben. Die Anlage soll auf 3,5 Hektar und für rund 200 Millionen Mark gebaut werden. Geplant ist dort die Zerlegung von Brennelementen und die anschließende Verpackung in endlagerfähige Behälter. Doch eine Konditionierung abgebrannter Brennelemente ist „weltweit noch nicht demonstriert und praktiziert“, damit wird die PKA zu einem Experimentierplatz, auf dem „alle Arbeitsschritte zunächst erprobt“ werden müssen, „um die Konditionierungstechnik bis zur Anwendungsreife zu entwickeln“.

Himmelfahrt (08./09.05.) findet ein „Endlagerspektakel“ in Gorleben und Salzgitter / Wolfenbüttel statt. Gelähmt vom GAU in Tschernobyl nehmen im Wendland 5.000 Menschen an der Aktion teil und fordern „die Stillegung aller Atomanlagen in Ost und West“. Am ersten Werktag nach Himmelfahrt werden die Zufahrtsstraßen zu den Atomanlagen blockiert.

Am 7. Juni  demonstrieren 30.000 Atomkraftgegner*innen in Brokdorf gegen die baldige Inbetriebnahme des Atomkraftwerks. 10.000 Hamburger Demonstrant*innen werden auf dem Weg zur Demo im schleswig-holsteinischen Kleve aufgehalten.

„Hamburger Kessel“: Auf dem Heiligengeistfeld sammelt sich am 8. Juni eine Demonstration aus Protest gegen den Polizeieinsatz vom Vortag. Die mehr als 800 Personen werden bis zu 13 Stunden lang innerhalb der Polizei-Absperrketten festgehalten. Wegen dieser Maßnahme muss zwei Monate später Innensenator Rolf Lange zurücktreten.

Am 15. Juli besetzen Bio-Bauern das Kreishaus in Lüchow aus Protest gegen die Einstellung der unentgeltlichen staatlichen Meßprogramme. Die höchsten Werte im norddeutschen Raum finden sich im östlichen Zipfel des Wendlands. Besonders die Bio-Bauern machen mobil, ihre Existenz ist bedroht – und werden von der Polizei aus dem Kreishaus geschleift.

Der Betreiber der Bergwerks feiert am 18. September das „Fest des ersten Kübels“, der Beginn der Abteufarbeiten in Schacht 1.

Am 8. Oktober wird das Atomkraftwerk Brokdorf als als weltweit erste Anlage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl in Betrieb genommen.

Oktober 1986: Bei den Kreistagswahlen sichert sich die CDU (52,3%) ihre absolute Mehrheit. Dahinter: SPD (25,2%), UWG (11,9%) und Grüne (6,5%).

Mitte November erhebt die Staatsanwaltschaft Lüneburg Anklage gegen drei AKW-Gegner aus dem Wendland, u.a. wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Sie sollen Anschläge auf die Bahnstrecke für Atommülltransporte verübt haben.


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