Gorleben-Chronik – 1985

Die Bundesregierung spricht sich am 21. Januar für die Wiederaufarbeitung verbrauchter Kernbrennstoffe als „bevorzugtes Entsorgungskonzept“ aus.

Im Februar kommt ein erster leerer (Probe-) Castorbehälter aus dem AKW Stade in Gorleben an.

Am 4. Februar entscheidet sich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) für Wackersdorf als Standort der Wiederaufarbeitungsanlage – und gegen das niedersächsische Dragahn. Die CSU-Landesregierung in Bayern hat die Hoffnung, „den Protest besser in den Griff zu bekommen“.

In Dragahn versammeln sich 400 Menschen „bei Eiseskälte“ und lauschen den 17-Uhr-Nachrichten: Freude kommt keine auf, Betroffenheit macht sich breit. Die WAA konnte zwar hier – aber nicht verhindert werden.

Am 4. Februar bekundet die DWK ihren Willen, in Gorleben eine Konditionierungsanlage zu bauen.

„Gorleben ist überall“: In zwei Sonderbussen fahren die „Reisechaoten“ aus dem Wendland am 16. Februar zu einer Großdemo nach Wackersdorf. 40.000 Menschen demonstrieren in Schwandorf.

„Heute sind viele unserer Freunde mitgekommen, um euch zu unterstützen; das sagt eigentlich mehr über unsere Empfindungen als alle Worte.“ (Lilo Wollny am 16.2.1985 in Schwandorf)

Acht Tage später (23. und 24. Februar) finden im Wendland Aktionstage statt, an denen sich 2.000 Menschen beteiligen. Straßen werden blockiert, mit Theater und Musik gegen Atommülltransporte protestiert. Am Bahnhof Dannenberg kommt es zu Massengewahrsamnahmen durch ein großes Aufgebot der Polizei. In Trebel wird ein Mahnstein enthüllt, der wochenlang für Diskussionen sorgt, bis er Ende Mai von Unbekannten zerstört wird:

„Sie haben unsere Zukunft an die Atommafia verkauft“
Darunter Namen von Kommunalpolitikern.

1. Kreuzweg

Zur Fastenzeit wird im Frühjahr ein Holzkreuz vom Atomkraftwerk Krümmel nach Gorleben getragen und dort installiert. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg ins Wendland.

Das Zwischenlager für Castorbehälter in Gorleben ist fertiggestellt, eine Einlagerung von Brennelementen jedoch seit dem 22. März untersagt. Das Verwaltungsgericht Stade stellte die aufschiebende Wirkung der Klagen gegen das Zwischenlager wieder her. Die Betreiberin verzichtete auf die Anordnung der sofortigen Vollziehung.

Im Juni stoppt das Oberverwaltungsgericht Münster den Bau eines Zwischenlagers für abgebrannte Brennelemente im münsterländischen Ahaus. Eine Entscheidung, die das bundesdeutsche „Entsorgungskonzept ins Stocken“ bringt:

Die Entstehungsgeschichte des Atomgesetzes deute, so das Gericht, „nicht eben darauf hin, daß derartige große externe Zwischenlager … dem Willen des Gesetzgebers entsprechen“ – eine Interpretation, die, wenn sie sich durchsetzt, auch das Gorleben-Projekt zu Fall bringt. (SPIEGEL vom 10.06.1985)

„In Gorleben kommen die Erkundungsbohrungen für ein Endlager in den Salzstöcken nicht so recht voran, seit Ernst Albrecht vergrätzt ist, weil die WAA in Bayern und nicht in seinem Land gebaut werden soll. Falls der Christdemokrat nächstes Jahr von einem rot-grünen Bündnis unter dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder abgelöst wird, könnte das für ein Endlager in Niedersachsen das Ende bedeuten.“ (SPIEGEL vom 10.06.1985)

Mitte 1985 bescheinigt das Umweltministerium unter Friedrich Zimmermann einen Atommüllexport nach China als „praktikabel“ – und als Ausweg aus den Zwischenlager-Miseren von Ahaus und Gorleben. Verhandlungen liefen mit dem damaligen chinesische Ministerpräsident Zhao Ziyang in Bonn, Schanghai sollte ein AKW mit zwei 1000-MW-Blöcken bekommen und dafür sollte China den deutschen Atommüll (800 bis 1000 Tonnen Brennelemente) nehmen – egal ob zur Lagerung oder zur Aufarbeitung, Peking offeriert beides. In einem internen Papier aus dem Bonner Innenministerium heisst es dazu, „es sei davon auszugehen, daß sich die Lieferung des Atommülls realisieren lasse“. Im Gegenzug sollten 6.000 Tonnen Uran geliefert werden.

Im Juli wird bekannt: Die Bundesregierung hat der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt (PTB) untersagt, Überlegungen anzustellen, ob als Alternative zum Gorlebener Salzstock auch andere mögliche Endlagerstätten für Atommüll erkundet werden sollten. Professor Helmut Röthemeyer von der PTB bestätigte die Existenz dieser Weisung und bezeichnete sie als eine „unangenehme Sache“. (Frankfurter Rundschau, 25.07.1985)

Sommer 1985: Die so genannte „Spudok“-Affäre beherrscht die Gorleben-Diskussion. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nach Brand- und Bahnanschlägen großflächig. 3.600 Gorleben-Gegner (= jeder fünfundzwanzigste) sind in einem Polizei-Computer bei einer Spuren-Dokumentation gespeichert. Laut Polizeibericht sollen 1985 46 Anschläge stattgefunden haben, der Schaden wird auf 860.000 DM beziffert.

Nach „umfangreichen Reparaturarbeiten“ am Fussboden des Zwischenlagers in Gorleben nimmt dieses am 14. Oktober den Betrieb wieder auf.

Seit dem 21. Oktober wird wieder Atommüll eingelagert: Zwei Transporte mit schwachaktiven Abfällen aus dem AKW Würgassen rollen an. 150 AtomkraftgegnerInnen blockieren einen dritten Transport, zerstechen die Reifen und müssen von der Polizei weggetragen werden.

Lüchow-Dannenberg gleicht einem Heerlager. 1.800 Polizisten sind im Einsatz, um der fehlenden Akzeptanz auf die Sprünge zu helfen.

Am 24. September erteilt das bayerische Umweltministerium die 1. Teilerrichtungsgenehmigung für die WAA Wackersdorf und ordnet die „sofortige Vollziehbarkeit“ an. Nach vergeblicher juristischer Blockade beginnt am 11. Dezember die Rodung im „Westlichen Taxölderner Forst“. Zwei Besetzungen des Bauplatzes durch die Bevölkerung werden nach 2 bzw. 18 Tagen gewaltsam beendet.

Herbst 1985: Auf der 137. Hauptversammlung der Deutschen Geologischen Gesellschaft beschäftigen sich 400 Professoren, Doktoren und Ingenieure einen Tag lang mit dem Salzstock Gorleben. Während Prof. Duphorn auch hier vehement seine Forderung wiederholt, die Untersuchungen in Gorleben zu beenden, greift der Göttinger Professor Hermann, in der Wissenschaft als „Salzpapst“ bekannt, die Bundesregierung scharf an. Seine Worte: „Wer heute noch sagt, es gäbe ein weltbestes Endlagermedium oder Endlagerkonzept, der betreibt Propaganda, keine Wissenschaft.“

Am 2. November wird aus dem Zwischenlager eines der Fässer aus dem AKW Würgassen wegen zu hoher Strahlung dorthin zurückgewiesen.


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