Gorleben Chronik 1975

August 1975 - Waldbrand bei Trebel; Bild: wendland-archiv.de, Uwe Kühl

August 1975 – Waldbrand bei Trebel; Bild: wendland-archiv.de, Uwe Kühl

Am 12. August 1975 um 11:55 Uhr bricht in der Nähe von Gorleben ein Großfeuer aus. Vom ehemaligen „Trafohäuschen“ aus, einem markanten Treffpunkt für viele Aktionen der Gorleben-GegnerInnen, frisst sich das Feuer südlich vor. Aufgrund von starkem Wind und dem Mangel an Tanklöschfahrzeugen der Feuerwehr kann der Brand nicht unter Kontrolle gebracht werden. In den Nachmittagsstunden werden die Ortschaften Nemitz, Lanze und Prezelle evakuiert, die vom Feuer aber verschont bleiben.

Mit Unterstützung der Bundeswehr und den aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein nachrückenden Feuerwehren kann die Bedrohung der Ortschaft Trebel abgewendet und das Feuer in den Abendstunden des Tages eingedämmt werden. Bis 22:00 Uhr sind ca. 2.000 Hektar Wald- und Ackerfläche vernichtet.

1975: Polizei sucht Brandstifter; aus EJZ

1975: Polizei sucht Brandstifter; aus EJZ

Als Ursache für den Großbrand kann eindeutig Brandstiftung festgestellt werden. Die Polizei suchte per Anzeige nach dem Brandstifter. Vermutet wurde, dass es ein Mann war, der am 12. August auf der Straße zwischen Gorleben und Gedelitz mit einem orangefarbenen Mofa unterwegs war.

AtomkraftgegnerInnen verdächtigen Jahre später die Atomindustrie, hinter dem Feuer zu stecken. Nur zwei jahre später beschließt nämlich die niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU), auf 12 Quadratkilometern ein gigantisches „Nukleare Entsorgungszentrum“ (NEZ) zu errichteten. Geplant sind eine Wiederaufarbeitungsanlage, eine Brennelementefabrik sowie ober- und unterirdische Lagerstätten für die nuklearen Abfälle.

„Entstanden war die ca. 16 qkm große Brachfläche zwischen Gorleben und Trebel bei einem Großbrand im Jahre 1975. Niemand war vor der Standortbenennung (Februar 1977) auf die Idee gekommen, dass dieser Brand, eindeutig durch Brandstiftung verursacht, womöglich ein Hinweis auf eventuelle Großpläne einer Landesregierung sein könnte. Es dauerte Jahre, bis Umweltgruppen feststellten, dass zeitnah zu dem Brand bei Trebel mehrere andere große Waldflächen abgebrannt waren – allesamt offensichtlich durch Brandstiftung verursacht. Seltsamerweise ereigneten sich die Waldbrände alle auf Flächen, die als Standorte für mögliche Atomkraftwerke bzw. das nukleare Entsorgungszentrum im Gespräch waren. Aber bis heute blieb es im Dunkeln, wer und in wessen Auftrag die Brände gelegt hat. Für die Baupläne in Gorleben war es jedenfalls extrem günstig, dass die Waldflächen abgebrannt waren. So konnten die Waldeigentümer einfacher zum Verkauf bewegt werden.“
Lilo Wollny, wendland-net.de – Zeitzeugen: Gorleben wird als Atommüll-Standort benannt, 22.02.2009

„Ein Giftmüll soll versteckt werden im Salz der Erde unter dem Land,
und für die Giftfabrik braucht es ein leeres Land am Rand.
Die Mafia hat gebetet für ein’ Boden ohne Wert,
der liebe Gott hat das Gebet der Mafia erhört,
sein Feuer hat paar Wälder hinter Gorleben zerstört,
mein Gott, kam der gelegen, dieser Brand …“
Liedermacher Walter Moßmann in „Lied vom Lebensvogel“, 1978

Einen Beweis für eine Mittäterschaft durch die Atomindustrie gibt es nicht.

Auf einer durch den Brand entstandenen Lichtung entsteht fünf Jahre später die „Republik Freies Wendland“.

Endlagersuche ohne Gorleben

Die Bundesregierung geht bei der Standortsuche für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) davon aus, dass mehrere Salzstöcke parallel untersucht werden müssten. Unter dieser Voraussetzung findet 1975 die erste Auswahl möglicher Standorte statt. Die „Kernbrennstoff-Wiederaufarbeitungsgesellschaft“ (KEWA) hatte dafür drei Standorte ausgewählt, an denen anschließend Probebohrungen stattfinden sollen: Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst. Gorleben gehört nicht dazu.

„Ende 1975 wurden uns in Bonn drei Standorte anonym vorgestellt“, so Jürgen Schubert, der als Vertreter der Bergbehörden an den Sitzungen des interministeriellen Arbeitskreises (IMAK) der niedersächsischen Landesregierung teilnimmt, am 21. Oktober 2011 im Untersuchungsausschuss des Bundestages zu Gorleben. Es habe sich um Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst gehandelt. Der Salzstock Gorleben dagegen sei ihm erstmalig im Sommer 1976 bekannt geworden.

Allerdings sagt Schubert auch: „Die KEWA kannte ursprünglich Gorleben, ließ ihn aber heraus“. Dies sei mit der Begründung geschehen, Gorleben befinde sich in einem Ferien- und Erholungsgebiet; auch die Nähe zur DDR-Grenze habe eine Rolle gespielt.


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