Danke, Lilo

Ein starkes Herz des Widerstands hat aufgehört zu schlagen. Wir sind traurig. Wir werden ihren Scharfsinn und ihren Humor vermissen. Mit dem Tode von Lilo Wollny ist eine der Schlüsselfiguren unseres gewaltfreien Protests nicht mehr unter uns.

„Wir saßen vor dem Fernseher und erfuhren dort, dass Gorleben für die Ansiedlung eines nuklearen Entsorgungszentrums auserkoren worden war,“ erzählte Lilo Wollny. “Als damals dieser Albrecht strahlenden Gesichts auf dem Bildschirm erschien und verkündete, dass es Gorleben werden würde, war das ein richtiger Schock! Es war so, als wenn uns der Boden unter den Füßen weggerissen würde.“ (wendland-net.de)

Lilo wurde 1926 in Hamburg geboren. Nach Schule, Arbeitsdienst und Kriegshilfsdienst bei der Luftwaffe verschlug es sie 1945 nach Vietze im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Als 1977 Gorleben als Standort für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ benannt wurde, sei sie „aus dem politischen Schlaf gerissen worden“.

Sie engagierte sich daraufhin in der gerade gegründeten Bürgerinitiative gegen das Atomprogramm, setzte sich fortan unermüdlich und kompromisslos gegen die Umsetzung dieser „unmenschlichen Pläne“ ein. Die damals schon 60-jährige Hausfrau und Mutter wurde zu einer faszinierenden Protagonistin des Widerstands. Für Lilo gab es keine „richtigen oder falschen Gorlebengegner“, nur Gewalt oder politische Tricksereien waren ihr zuwider.

Neben dem Kampf für die Umweltbelange stand sie ebenso für Frauenrechte ein. Deutlich wurde das zum Beispiel Ostern 1980, als die Männer „Kartoffeln schälen geschickt wurden“: Gemeinsam mit den „Gorleben Frauen“ wurde ein internationales Frauentreffen organisiert, 3.000 kamen. Viele zogen Nachts zum Bohrplatz, wo später das Atommüll-Zwischenlager gebaut wird.

Für die Platzbesetzung 1004, die „Republik Freies Wendland“, stand sie wochenlang in der Küche und stemmte die Versorgung für hunderte.

„Oft hatten wir abends keine Ahnung, was es am Morgen zum Frühstück geben würde“, erzählt Lilo Wollny. „Es klappte aber immer“.

All die jungen Menschen, die damals ins Wendland pilgerten, um den Gorleben-Widerstand zu unterstützen, wurden zu „ihren Kindern“, die neben einer Unterkunft in ihrem Gartenhaus immer auch Unterricht in Sachen Aufrichtigkeit und dem Recht auf Widerstand bekamen.

In den Jahren 1982/83 unterstützte sie die damalige Vorsitzende der Bürgerinitiative Rebecca Harms als Pressesprecherin in der Öffentlichkeitsarbeit. Selbst den Vorsitz der BI übernahm Lilo 1986/1987. Im Tschernobyl-Jahr 1986 entschloss sie sich, als Nichtmitglied für die Partei der Grünen in den Bundestag zu gehen. Auf Listenplatz 1 der niedersächsischen Grünen zog die in der Partei bis dahin unbekannte Lilo Wollny am 18.2.1987 für vier Jahre in den Bundestag ein. Mit unerschöpflichem Detailwissen zeigte Lilo auf, wie sehr Atomenergie unsere Leben und unser Land gefährdet. Trotz umfassenden Fachwissens argumentierte sie immer aus der Sicht eines Menschen, dem die Heimat abhanden zu kommen droht. Und gleichzeitig plädierte sie immer dafür, selbst in den härtesten Auseinandersetzung Lebenslust und Gemeinschaftssinn nicht zu vergessen.

Nach ihrer Rückkehr aus Bonn wurde sie Mitglied im Lüchow-Dannenberger Kreistag und im Samtgemeinderat Gartow, ab 1996 war sie auch im Gemeinderat aktiv. 1998 trat sie als Samtgemeinderatsmitglied zurück, nachdem die CDU-Mehrheit mit Unterstützung einiger SPD-Mitglieder einen Unterwerfungsvertrag mit den Betreibern der Atomanlagen abgeschlossen hatte – was die Atombetreiber im Gegenzug mit Millionenbeträgen belohnten.

„Es wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“

Über „20 Jahre Lügen, Tricks und Größenwahn – Der Atommüllskandal von Gorleben“ veröffentlichte Lilo 1998 ein Buch. Darin ging es nicht nur um haarsträubende Verdrehungen von geologischen Daten, Grenzwerten und Paragraphen. Es ging auch um die vielen unglaublichen Ereignisse und Anekdoten aus zwanzig Jahren leidvoller Erfahrung mit der Atomindustrie – niederschmetternde, empörende, manchmal auch komische Geschichten über persönliche Begegnungen mit Politikern und Betreibern, über die Lilo wie nur wenige erzählen konnte.

„Die Arrangements der Atomwirtschaft und Politik bergen ein derart zerstörerisches Potential, dass einem allein schon das Zuhören den Atem nimmt.“ (Lilo, 2004)

Das Engagement gegen das atomare „Endlager“ in Gorleben hat ihr Leben geprägt. Sicherlich gab es in ganz Deutschland niemanden, der mit soviel Wissen, Klarheit und Freundlichkeit sowohl über die Gefahren der Atomtechnik als auch über den Widerstand gegen Atomanlagen zu berichten wusste. Mit schmerzlicher Aufrichtigkeit aber auch mit unbezwingbarem Humor berichtete Lilo über Jahnzehnte aus Ihrem Leben und aus den internen Kreisen, in denen die Entscheidungen um die atomare Zukunft Deutschlands getroffen wurden. Auf vielen Veranstaltungen, vor Gruppen und im Freundeskreis hat sie ihre Zuhörer mit ihrer Sachkenntnis und ihrem erzählerischen Talent in den Bann gezogen.

Mit dem Alter wollten die Beine nicht mehr so recht, das Kreuz tat weh. Im Geiste war sie hellwach wie eh und je. „Schade, dass ich nicht mit nach Berlin konnte“, sagt sie 2009, als die vielen Trecker aus dem Wendland in die Hauptstadt rollten. 2016 feierte Lilo ihren 90. Geburtstag. „Gegen die Menschen darf keine politische oder wirtschaftliche Macht ihre Interessen durchsetzen“, bekräftigte sie in dem Zusammenhang noch einmal.

Mit dessen Gründung im Jahre 2001 wurde Lilo Mitglied des Gorleben Archiv e.V., dorthin wurde vor einigen Jahren ihr umfangreicher Personenbestand übergeben. Seit Jahrzehnten war sie Mitglied der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

In ihrem Sinne werden wir weiter dafür kämpfen,
dass Gorleben nicht die Atommüllkippe der Nation wird.