35 Jahre Atommüll im Wendland

8. Oktober 1984: Um 8.42 Uhr am Morgen verlassen vier Tieflader das AKW Stade. Beladen mit 210 Zweihundertliter-Fässern macht sich der Transport mit schwachradioaktivem Müll auf den Weg ins Zwischenlager Gorleben.

Der erste „Tag X“ für das Wendland ist da. Mit Telefonketten versuchen die Atomkraftgegner*innen, zu mobilisieren und die erste Atommüllfracht aufzuhalten. Doch in Zeiten ohne Mobiltelefone und Internet war das schwierig.

Unterstützer*innen aus Hamburg machten sich auf den Weg nach Stade. „Um 8.15 Uhr kamen wir an den beiden Beobachtungspunkten an. Fünf Minuten später wurden wir zusammen mit den vier über Nacht anwesenden Hamburger AKW-Gegner*innen von ca. 10 Zivilpolizisten aus Stade und Cuxhaven festgenommen“, erinnert sich Mathias in einem Gedächtnisprotokoll. Die Autos werden durchsucht, Adresslisten und ein Radio beschlagnahmt. Sie sollten daran gehindert werden, eine bundesweite Telefonkette auszulösen.

Es war tatsächlich nicht einfach, den Transport zu stoppen, der mit hoher Geschwindigkeit – nicht wie erwartet über die Bundesstraße 216 – durch das Wendland fuhr, sondern sich in Richtung Uelzen bewegte und sich von Süden her Gorleben näherte und die letzten zwei Kilometer über einen Waldweg bretterte. Trotzdem gelingt es 250 Demonstrant*innen und einigen Landwirten mit ihren Schleppern, vor der Einfahrt ins Zwischenlager den Konvoi kurz zu stoppen.

Schon am nächsten Tag gegen 11.10 Uhr verlässt der 2. Konvoi das AKW Stade. Fünf Sattelschlepper sind es, begleitet von 50 Polizeifahrzeugen aller Art: gepanzerte Räumfahrzeuge, Hundestaffel, ein Reisebus voller Polizisten, Wasserwerfer, was die Polizei so zu bieten hatte. Nun sind deutlich mehr Demonstrant*innen auf den Beinen als am ersten Tag. In der Nacht werden an zahlreichen Punkten Barrikaden errichtet, der zweite Konvoi muss viele Umwege fahren und es gelingt, in Wustrow und auf der Kreuzung am Rondel den Transport zu stoppen.

Die Polizei geht unglaublich rabiat gegen vermutete und tatsächliche Atomkraftgegner*innen vor. 65 Festnahmen, 90 Personalienfeststellungen und sechs Ingewahrsamnahmen listet der Ermittlungsausschuss Gorleben auf. Und am 14. Oktober gibt es in Lüchow eine Kundgebung, auf der der „Ausnahmezustand“ angeprangert wird, den die 2000 Polizisten inszenierten. Dass es eines Tages bis zu 16.000 Uniformierte werden würden, um die Castor-Transporte durchzusetzen, hätte sich damals wohl niemand ausmalen können….

Noch waren die Peinlichkeiten am Rande nicht bekannt: Dass das Einfahrtstor der Halle zu klein war, das war schon nach einem Probelauf belächelt worden. Dass ein Fass den zulässigen Grenzwert um das 7,5 fache überstrahlte und daraufhin den Weg nach Stade zurück antreten musste, war weniger witzig. Aber dass nach dem ersten Einlagerungsbetrieb der der großporige Hallenboden aufbrach, rief ungläubiges Staunen hervor. Das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg musste das Zwischenlager für unbestimmte Zeit schließen.

Wolfgang Ehmke

Bilder: G. Zint / Gorleben Archiv