Was motiviert Protestbewegungen zur Gründung eigener Archive?

20180626_130625Marius Becker vom Göttinger Institut für Demokratieforschung absolvierte von Anfang Mai bis Ende Juni ein Praktikum im Gorleben-Archiv in Lüchow. Und widmet sich in einem Resumee der Frage „Was motiviert Protestbewegungen zur Gründung eigener Archive?“ am Beispiel des Gorleben-Archivs:

2001 im Wendland, über 24 Jahre nach der Standortbenennung für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ in Gorleben durch den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht 1977, welche den Beginn des Anti-Atomwiderstands im Landkreis Lüchow-Dannenberg markierte: Gleich zwei Castortransporte sollten in diesem Jahr gegen massiven Widerstand der Bevölkerung und einen kostenintensiven Polizeieinsatz durch den Landkreis rollen, aufgehalten unter anderem durch Schienen-, Straßen- oder Sitzblockaden1. In Lüchow wurde das Gorleben Archiv im Juli dieses Jahres als eingetragener Verein gegründet, hervorgegangen aus den unterschiedlichen Gruppen und Personen des Widerstands: Neben der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg oder der Bäuerlichen Notgemeinschaft etwa auch von Marianne Fritzen, der wohl bekanntesten Aktivistin des Anti-Atomwiderstands im Wendland2.

Vereinszweck ist laut Satzung die „Sicherung und Sammlung des inzwischen historisch bedeutsamen Materials über den Protest gegen die Umweltgefahren im Landkreis Lüchow-Dannenberg in Wort und Schrift, Bild, Foto und Film“, die Archivierung von erhaltenem Material sowie die „Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen und Forschungsvorhaben“ und die „Vergabe von Forschungsaufträgen“3. Inzwischen besteht das Gorleben-Archiv in Lüchow, der Kreisstadt des Landkreises Lüchow-Dannenbergs, seit knapp 17 Jahren als unabhängiges Archiv und steht der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit uneingeschränkt zur Verfügung4. Die ehrenamtlichen sowie eine hauptamtliche Mitarbeiterin haben seither über 70.000 Fotos, über 3.000 Stunden Film- und Tonmaterial, über 550 Plakate sowie mehrere 10.000 Dokumente aus Gruppen- und Personenbeständen erschlossen5.

Aufgrund der immensen Bedeutung von Archiven für die wissenschaftliche Arbeit wie auch zur Entstehung und Bewahrung eines kulturellen Gedächtnisses lässt sich fragen, was Protestbewegungen wie der des wendländischen Anti-Atomwiderstands zur Einrichtung eigener Archive motiviert, wobei sich eine Vielzahl von Gründen finden lassen, abseits von Bundes-, Landes- oder Stadtarchiven für die eigene Forschungsarbeit auch Archive in nichtstaatlicher Trägerschaft heranzuziehen. Denn diese können mitnichten von vornherein als im Vergleich zu staatlichen Archiven weniger geeignet bewertet werden. Vielmehr sollte es im Eigeninteresse wie im Selbstverständnis von WissenschaftlerInnen liegen, im Sinne einer kritischen Quellenarbeit auch die Bestände staatlicher Archive kritisch zu betrachten. Ein knappes Vierteljahrhundert politische, gesellschaftliche und juristische Auseinandersetzungen um die im Landkreis Lüchow-Dannenberg geplanten sowie teilweise verwirklichten Atomanlagen lagen 2001 bereits hinter den AkteurInnen und Gruppen der Anti-Atombewegung, allerhand Material hatte sich angesammelt, von Pressedokumentationen über Fachwissen zu Atomenergie und -widerstand bis hin zu Exponaten des Anti-Atomprotests wie Transparenten, Plakaten oder Aufkleber. Diese befanden sich, nicht nur im Landkreis, meist in Privatbesitz und sollten durch das Archiv gesammelt, ausgewertet und der Allgemeinheit verfügbar gemacht werden6.

Dabei wurde das Archiv von seinen GründerInnen und Förderern, etwa von politischen Stiftungen wie der Umweltstiftung Greenpeace, nicht als von der Anti-Atomkraftbewegung entkoppelt verstanden, sondern als klaren Teil dieser begriffen, was sich etwa als aktive Öffentlichkeitsarbeit durch die Präsenz auf im Wendland wichtigen Veranstaltungen wie der Kulturellen Landpartie zeigt. Oder 2015 als nicht vollends ernstgemeinte Forderung in der lokalen Presse angesichts weiterer politischer Präferenzen für ein „Endlager“ in Gorleben, die damalige SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks solle dem Archiv wie andere Politiker-Innen einmal einen Besuch abstatten, um Gorleben aus der Liste denkbarer Standorte für ein Atommüllendlager zu streichen, sie könnten „bei uns lernen, wie man es nicht macht“7.

Zugleich bleibt festzustellen, dass die spätere Betrachtung von Geschichte durch deren ZeitzeugInnen -wie auch im Fall des Gorleben-Archivs- mit Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte keinesfalls unüblich ist. Prägnantes Beispiel dafür ist die Studentenbewegung von 1968, deren „Chronist“ Wolfgang Kraushaar8 sich neben der Bewegungsgeschichte unter anderem auch mit der Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) auseinandersetzt- was angesichts einer Doppelfunktion als Zeitzeuge wie Historiker mit der wissenschaftlichen Betracht-ung von Geschichte stets zu reflektieren bleibt, besteht immerhin die Gefahr einer subjektiven Perspektive auf die sich ereigneten Sachverhalte. Gleichzeitig ergeben sich aus einer solchen „Doppelfunktion“ auch Vorteile, so sind Zeitzeugen, die „ihren“ Zeitabschnitt später selbst bearbeiten, auch ohne ein zeitgeschichtliches Studium deren ExpertInnen und können, wie etwa im Gorleben-Archiv, ihnen angetragenes, ungeordnetes Material in den Anti-Atom-widerstand einordnen und Personen, Ereignisse sowie Zusammenhänge auf Fotos oder in Dokumenten aus eigener Erfahrung rekapitulieren. Das Gorleben-Archiv als unabhängige Institution und einzigen existierenden Standortarchiv der Anti-Atombewegung ist dabei Teil der zahlreichen Bewegungsarchive in Deutschland, die sich 2003 zum Netzwerk „Archive von unten“9 zusammenschlossen. Dieses wird federführend vom Hamburger Institut für Sozialforschung betreut wird, darin sind etwa das Archiv der Sozialen Bewegungen in Hamburg, das Hans-Lütten-Archiv10 in Göttingen oder verschiedene Archive der Dritte-Welt-Bewegung Mitglied11. Dort findet somit eine Koordinierung der „alternativen“, maßgeblich aus der Umwelt- und Frauenbewegung entstandenen Archiven der Neuen sozialen Bewegungen statt.

Im Gorleben-Archiv wird die Archivarbeit nach eigenen Angaben „nicht als Umgang mit staubigen Akten“12 verstanden, sondern eher als einen offen zugänglichen Ort der Erschließung und Bewahrung der Geschichte des Gorleben-Widerstands, wo man auch „eine Führung zur Geschichte des Anti-Atomwiderstands im Wendland bekommen kann“, so die Archivleitung im Interview, die Teil der Bewegung ist und zwei Jahre lang Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg war: So sei das Archiv bewusst kein Museum und wolle dies auch nicht werden, da der Konflikt um Gorleben „noch nicht abgeschlossen ist“, jedoch stehe die Einrichtung allen offen, sogar den „Betreibern“ genannten Opponenten der Anti-Atom-bewegung, man sei kein privates, von der Öffentlichkeit separiertes Archiv13. Diesem fehlt es jedoch, wie den meisten Bewegungsarchiven, an finanziellen Mitteln, die sich überwiegend aus Spenden oder Mitgliedsbeiträgen speisen- hier ist es die Aufgabe einer an (der eigenen) Geschichte interessierten Gesellschaft und angesichts sprudelnder Steuereinnahmen vor allem staatlicher Stellen, solche Projekte stärker zu fördern, ohne ihnen dabei den Charakter unabhängiger, nichtstaatlicher Einrichtungen zu nehmen.

Quellenverzeichnis:

1. Castor-Transport: Atomkraftgegner leisten Widerstand. In: SPIEGEL-Online vom 27.03.2001, URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/castor-transport-atomkraftgegner-leisten-widerstand-a-124964.html [Eingesehen am 26.06.18].

2. Chronik des Gorleben-Archivs 2001, URL: http://gorleben-archiv.de/wordpress/chronik/2001-2/ [Eingesehen am 21.06.2018].

3. Satzung des Gorleben-Archivs, Stand 2017, S. 1f., URL: http://gorleben-archiv.de/wordpress/wp-content/uploads/2017/03/Satzung-Gorleben-Archiv.pdf [Eingesehen am 21.06.18].

4. Das Gorleben-Archiv. David gegen Goliath, In: Izeki, Christine/ Roemer, Gerald: 111 Orte im Wendland die man gesehen haben muss, S. 134f.

5. Flyer des Gorleben-Archivs, S. 3, URL: http://gorleben-archiv.de/wordpress/wp-content/up-loads/2018/02/flyer-gorlebenarchiv.pdf, [Eingesehen am 25.06.18].

6. Gorleben-Archiv: Mittendrin in der Geschichte. Website der Umweltstiftung Greenpeace, Stand von 2012, URL: http://umweltstiftung-greenpeace.de/projekte/gorleben-archiv-mittendrin-der-geschichte [Eingesehen am 21.06.18].

7. Lernen, „wie man es nicht macht“. Elbe-Jeetzel-Zeitung (EJZ) vom 23.2.2015.

8. Detailversessen. Wolfgang Kraushaar, Das Porträt, Frankfurter Rundschau vom 31. Juli 2003, S. 2.

9. Das Netzwerk „Archive von unten“. Über uns, URL: http://www.bewegungsarchive.de/ueber [Eingesehen am 25.06.18] Diese Website wird bedauerlicherweise nur in unregelmäßigen Abständen gepflegt.

10. Hüttner, Bernd: Archive von Unten. Bibliotheken und Archive der neuen sozialen Bewegungen. Bremen 2003.

11. Über uns. Website des Hans-Lütten-Archiv, URL: http://www.hans-litten-archiv.de/web/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=29&Itemid=146 [Eingesehen am 25.06.18].

12. Interview mit Birgit Huneke am 25. Juni 2018 im Gorleben-Archiv in Lüchow.

13. Ebd.