Zum Gedenken an Francis – der heiße Sommer 1994

Neun Tage vor dem angekündigten ersten Castor-Transporttermins beginnen AtomkraftgegnerInnen am 2. Juli im Gorlebener Wald, auf dem Salinas Gelände, mit dem Bau eines Hüttendorfs. Aus dem Unterholz erwächst Castornix.

Die Straße nach Gedelitz und nach Gorleben wird blockiert und z.T. unterhöhlt, ein Belagerungsturm vor dem Tor des Zwischenlagers errichtet und kreative Hütten gebaut. Über die Tage halten sich dort bis zu 1000 Menschen auf. Rund 30 Treckern der Bäuerlichen Notgemeinschaft blockieren das Zwischenlagertor. Die Botschaften: „Kummt de Atomschiet in de Kiste, stellt wi den Traktor up de Piste.“ oder „Der Schiet wird immer blöder, erst der Albrecht, nun der Schröder.“

Am 13. Juli ist es erstmal vorbei mit dem Hüttendorfleben. Castornix wird von der Polizei geräumt. Der Turm zersägt, Straßenuntertunnelungen wieder zugeschüttet und 400 Demonstranten von 800 BeamtInnen wegtragen. Die Holzhütten bleiben verschont. Begründung für die Räumung ist der Erlass eines Versammlungsverbots, das im Umkreis von ca. vier Kilometern um die Atomanlagen Gorleben so lange gelten soll, bis der Atommülltransport aus dem AKW Philippsburg das Zwischenlager erreicht hat. Zwei Tage später gibt der niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) jedoch bekannt, das der Castor-Transport nicht vor Ende der Sommerferien am 31. August rollen kann. In der Urlaubszeit stünden nicht genügend Einsatzkräfte der Polizei und des Bundesgrenzschutzes zur Verfügung. Das Versammlungsverbot wird aufgehoben und noch am selben Abend kehren die ersten AtomkraftgegnerInnen wieder in das Hüttendorf zurück. Mit mehreren tausend Menschen und einem Open-air-Konzert wird der Wiedereinzug gefeiert, am Hüttendorf weitergebaut und das außergewöhnliche Dorfleben wieder aufgenommen.

Nach fast vier Wochen rund-um-die Uhr-Widerstand entschließen sich die BewohnerInnen am 25. Juli das Hüttendorf Castornix wegen der hohen Waldbrandgefahr zu verlassen und an die Elbe bei Pölitz, etwa 3 km nördlich von Gedelitz, zu ziehen.

Es war ein heißer Sommer, 1994, und Francis die ganze Zeit dabei.

erschienen in: Gorleben Rundschau 7/8-2018