40 Jahre Gorleben: „Botschafter*innen“ für vier Widerstands-Generationen

Am Samstag, 18. Februar, standen am Aktionstag „Rückbau statt Rückschau – 40 Jahre Gorleben!“ vier Widerstands-Generationen auf der Bühne.

Gesine Wiese, 16 Jahre aus Gedelitz gemeinsam mit ihrer Freundin Jil Petersen

PortraitHallo, ich bin Gesine Wiese, bin 16 Jahre alt und wohne nichtmal 2 Kilometer von hier entfernt in Gedelitz.

Den Widerstand gegen die Castortransporte habe ich seit dem ich klein war immer hautnah miterlebt und an einigen Aktionen und Schülerdemos teilgenommen. Mit mir ist jetzt die vierte Generation in unserer Familie gegen Atomkraft.

Eigentlich müsste es doch jedem klar sein, dass diese Technologie menschenverachtend ist und viele Menschenleben und Familien auf Generationen zerstört wie in Tschernobyl und Fukushima. Und trotzdem produzieren wir jährlich pro Reaktor 20-30 Tonnen weiteren hochradioaktiven Müll, der uns noch viele Generationen verfolgen wird. Und er verschwindet auch nicht einfach so.

Deshalb sollten wir uns jetzt dafür einsetzen, dass die Atommüllproduktion gestoppt wird! Sonst geht alles auf Kosten der zukünftigen Generation.

Heinrich Pothmer, 63 Jahre aus Teichlosen

Bild: kina.becker@pictonet.de

Bild: kina.becker@pictonet.de

An diesen Tagen vor 40 Jahren hab ich das erste Mal in meinem Leben eine Treckerdemonstration angemeldet und mit einigen Kollegen in Lüchow angeführt. Damals haben nur wenige erfassen können, was da auf uns zukommen sollte. Das wir auch 40 Jahre später immer noch hier sind und widersprechen und widerstehen müssen – das konnte damals auch niemand ahnen. Seit diesem überheblichen Fingerzeig eines Ministerpräsidenten auf einer Landkarte haben sich das Leben um Gorleben und auch meines verändert, aber nicht nur zum schlechteren. Wir alle sind viel wachsamer und kritischer geworden. Prof. Robert Jungk hat während des Hannovertrecks gesagt: „Nur im Krieg wird mehr gelogen als bei der Atomindustrie.“ Das war zwar vor Trump, aber noch heute wird bei dem Thema bestritten und gelogen wie eh und je.

Aus einer Region mit politischen Analphabetentum ist ein politischer Brennpunkt geworden, und bis heute geblieben, der uns alle geprägt hat. Da der Landkreis heute mehr alternative Energie erzeugt, als er selbst verbraucht, das der Anteil ökologischer Landwirtschaft hier höher ist als irgendwo sonst, hat auch mit Gorleben zu tun, diesem Synonym von Größenwahn und Menschenverachtung.

Mit unserem Widerstand haben wir der Gesellschaft viel erspart, wenn wir an die ursprünglichen Pläne um Gorleben denken. Nur wenige danken uns das. Aber es wird immer noch Atommüll produziert obwohl niemand weiß wohin damit, obwohl wir wissen das es Gorleben nicht sein kann und wird. Kein Bauer bekommt eine Genehmigung für seinen Stall wenn er nicht nachweisen kann, das er den Mist ordentlich entsorgt. Beim Atommüll, der zigtausende Jahre strahlt soll das nicht gelten? Tschernobyl und Fukushima haben noch einmal sehr deutlich gemacht, dass die Landwirtschaft ganz besonders betroffen ist bei radioaktiver Verseuchung. Ackerland kann man nicht evakuieren! Trotzdem kam und kommt keine Unterstützung vom Bauernverband. So wacker und so unerschütterlich die „Bäuerliche Notgemeinschaft“ in diesen 40Jahren den Widerstand mit geprägt hat, so unterwürfig und käuflich hat sich der Bauernverband dargestellt, eine Schande.

Wir alle dürfen ein wenig stolz sein auf unsere Unbeugsamkeit, auf unsere Kreativität und unser Durchhaltevermögen. Und hier auch auf unsere Kinder, die all das schon mit der Muttermilch aufgesogen haben, und ob hier lebend oder woanders, immer ein besonderes Verhältnis zum Wendland haben werden.

Anne Peters, 80 Jahre aus Höhbeck

Anne Peters80JahreLiebe Leute, liebe Freunde alt und jung!

Ich heiße Anne Peters und ich möchte Heute und hier etwas sagen für die Gruppe der Alten im Gorleben Widerstand. Die Jungen blicken meist nach vorn, in die Zukunft, in ihre Zukunft. Die Alten blicken oft zurück in die Vergangenheit, in ihre Vergangenheit. Und das ist hier im Wendland auch die Vergangenheit, die Geschichte des Widerstandes.

Vor 20 Jahren, im Februar 1997, feierten wir mit einem Festprogramm im Schützenhaus in Dannenberg „20 JahreBI“ und der große Saal war rappel voll! Unteranderen berichtete die Ini60 über sich, mit einem Lied nach einer Melodie von Udo Jürgens. Im Refrain sangen wir: „….mit über 60 Jahren da fühlen wir uns frei….“ Und das stimmte auch wirklich. Denn manches, was bei den Jungen nicht ging, erlaubten sich die grauhaarigen Alten mit gelassener Selbstverständlichkeit. Z.B. waren Polizisten von uns eher ansprechbar. So konnten wir, wenn es brenzlig wurde bei Jugendlichen, die auf der Straße saßen, oft beruhigend eingreifen, auf beiden Seiten, ohne nachzugeben. Oder, wenn es um Nachschub mit Verpflegung ging, kam ich mit meinen Stullen, Kuchen und Suppentöpfen immer durch, auch wenn die Straßen gesperrt waren. Manchmal bekam ich Polizeibegleitung, hin und zurück. Oder wenn wir vor Castortransporten mit der Ini60 auf der Kreuzung in Nebenstedt in die Autos vor der Ampel Info-Zettel verteilten und sofort ein Polizeiauto erschien. „Wer ist hier verantwortlich?“ „Wir sind alle verantwortlich.“ „Wo haben Sie ihre Genehmigung?“ „Die brauchen wir nicht. Wir machen das immer so. Wir dürfen das!“ So können graue Haare auch manchmal ein Vorteil sein.

Im Februar 1984 schlossen sich einige engagierte Alte zur „Ini60“ zusammen. Ich war zwar damals noch nicht über 60, aber mein Mann Helmuth. Wir alle konnten uns an den 2.Weltkrieg und sein Ende mit Schrecken erinnern. Und wir wollten nicht, dass uns später unsere Kinder und Enkel fragen können: „Was habt ihr damals getan? Was habt ihr gegen den Atomwahnsinn und gegen die Atommafia getan?“ Das trieb uns um, das trieb uns an, das trieb uns zum Protest und auf die Straße!
Die Meisten von damals leben heute nicht mehr, es ist nur noch ein kleines Grüppchen der streitbaren Alten übrig. Wer kennt heute noch die alten Namen der Alemans, Quisens, Scheibners, Brückners, Wollnys, Drudes, Cyraniks, Fritzens und, und, und….. wie gut das es das Gorleben Archiv gibt!

Was uns tröstet in dem ganzen Elend ist, dass der Protest weitergeht, bis wir unser Ziel erreicht haben. Hoffentlich! Unsere Familie ist mit drei Generationen im Widerstand – auch wenn sie nicht alle im Wendland wohnen.

Aufhören möchte ich mit der letzten Strophe von unserem Ini60-Song, zum 20 Jahre-BI-Fest.
„Die Jungen und wir Alten, wir stehen Hand in Hand! Seit über 20 Jahren bleibt bunt der Widerstand. Wir sind hier alt geworden, die Haare werden grau, wir sind die alten Hasen und wissen ganz genau: Wenn wir gewinnen wollen, dann kommt`s auf jeden an! Wir halten fest zusammen, egal ob Frau, ob Mann“

Fritz Pothmer, 32 Jahre aus Teichlosen

Bild: kina.becker@pictonet.de

Bild: kina.becker@pictonet.de

Ich kenne das Wendland nur mit der Auseinandersetzung um Gorleben. Mit Polizeigewalt, Hausdurchsuchungen und Bespitzelung – aber auch mit Kultureller Landpartie, als kreativen Hotspot und mit einem hohen Maß an Lebensqualität. Der Protest hat die Menschen hier verändert, zusammen geschweißt – und mich geprägt.

An die ersten Demos zu denen ich mit war, kann ich mich nicht erinnern. Das erste Erlebnis was sich aber eingebrannt hat, war der Castortransport 1995. Meine Eltern, Eltern von Freunden, Lehrer, alles für mich damals vertrauenswürdige Personen, wurden vor meinen Augen von Wasserwerfern von der Straße gefegt. Da wurden für einen Elfjährigen natürlich Fragen aufgeworfen – ich war empört aber auch interessiert. Und ich habe mich informiert.

Harrisburg, Tschernobyl, später Fukushima: Diese Technik ist nicht beherrschbar und muss sofort abgeschaltet werden.

Morsleben stürzt ein, die Asse säuft ab: So leichtfertig kann man mit den tausende Jahre strahlenden Müll nicht umgehen.

Mit welchem Irrsinn und welchem Leichtsinn die Politik mit dem Thema umgeht, konnte ich als Kind nicht glauben und kann ich bis heute nicht fassen.

Ich stehe heute hier als dritte Generation im Widerstand, als Mitglied der Bäuerlichen Notgemeinschaft aber vor allem als Familienvater, denn es geht um nichts Weniger, als um das Lebensrecht unserer Kinder und Kindeskinder.

Der Widerstand hat in den 40 Jahren viel erreicht. Heute stellen wir die Mehrheit der Bevölkerung. Viele Atomkraftwerke sind dank euch nicht gebaut oder nicht ans Netz gegangen. Die Wiederaufbereitungsanlage wurde nicht gebaut und wenn auch viel zu spät werden die deutschen Atomkraftwerke in den nächsten Jahren abgeschaltet.

Doch wir müssen wachsam bleiben, denn ohne unseren Einsatz werden skrupellose Konzerne und taubblinde Politiker weitere Nägel in die Särge unserer Kinder schlagen.

Gorleben wurde seit Jahrzehnten nicht nur erkundet sondern schon angefangen als Endlager auszubauen, obwohl schon nach den ersten Probebohrungen klar war, dass der Standort nicht geeignet ist. Und auch weitere Erkenntnisse wie das Vorkommen von Erdgas oder das lückenhafte Deckgebirge haben der Irrfahrt kein Ende gemacht.

Im Entwurf zum Endlagergesetz geht es wieder nicht um Sicherheit. Jedes Zugeständnis soll hingenommen werden um Gorleben im Rennen zu lassen.

Das werden wir nicht hinnehmen. Gorleben soll leben!

Finn Meyer, 10 Jahre aus Schmölau

40 Jahre StandortbenennungIch heiße Finn Meyer und bin 10 Jahre alt.
Ich bin gegen Atomkraft!
Und habe schon auf vielen Demos dagegen protestiert.
Zusammen mit meinen Eltern und meinen Großeltern.
Auch mein Urgroßvater Herman Meyer hat schon mit unserem uralten Trecker gegen Atommüll in Gorleben protestiert. Darauf bin ich stolz.

Elisabeth Gäde, 15 Jahre aus Prezelle

Hallo, ich bin Elisabeth Gäde und 15 Jahre alt. Ich komme auch von hier und zwar aus Prezelle. Die Generationen vor uns haben viel erreicht. Sie haben erreicht, dass in Gorleben kein nukleares Zentrum mit AKW und WAA entstanden ist. Sie haben erreicht, dass unser Widerstand kein lokales Problem geblieben ist. Sie haben Lügen aufgedeckt und die Castortransporte schön teuer gemacht. Der letzte Castortransport war 2011 – da war ich neun.

Seitdem ist es ruhiger geworden im Wendland. Aber der Kampf ist noch lange nicht vorbei!