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Am 03. Mai 1980, besetzten Tausende
Atomkraftgegner ein Waldstück bei Trebel im Landkreis
Lüchow-Dannenberg. Es ist die Geburtsstunde der Freien Republik
Wendland, die identitätsstiftend für den Widerstand gegen die
Atomanlagen in Gorleben wurde. Für die Anti-Atombewegung ein
denkwürdiges Ereignis und Anlass, Rückschau zu halten und sich zu
erinnern.
Innerhalb weniger Tage entsteht auf einem trostlosen, weil zuvor
abgebrannten Waldstück ein Dorf aus über 100 Hütten. Die geplante
Tiefbohrstelle1004, eine von vielen, mit der der Salzstock Gorleben
auf seine Eignung als Endlager für radioaktive Abfälle untersucht
werden soll, wird von Atomkraftgegnern aus dem gesamten Bundesgebiet
besetzt.

Aus Holz und Lehm entsteht ein phantasievolles Dorf mit allen notwendigen
kommunalen Einrichtungen. Willkommen in Utopia: öffentliche Küche,
Sauna, ein Freundschaftshaus, Badehütten, Klos, Gewächshäuser, Gärten,
Schweineställe, eine Ponyreitanlage für Touristen, ein mit Windenergie
betriebener Tiefbrunnen, eine Solar-Warmwasseranlage, ein Klinikum,
eine Einreisebehörde mit Passamt - nicht zu vergessen der
Wendländische Frisiersalon. Eine perfekte Infrastruktur der in nur
wenigen Tagen aus dem Sand gewachsenen neuen Republik, die natürlich
auch über ihre eigenen Medien verfügt: vom Turm des besetzten Platzes
sendet der republikeigene Sender „Radio Freies Wendland“ auf UKW 101
MHz sein eigenes Programm.

Schlagbäume grenzen die Republik Freies Wendland vom Nachbarland BRD
ab. Das Besetzerdorf macht Schlagzeilen.Niemand
vermag sich dem Charme und der Faszination dieses selbstbewussten,
fröhlichen Zusammenlebens im Dorf entziehen. Gerhard Schröder, damals
JUSO-Chef, spricht sich am Ort des Geschehens gegen eine Räumung aus.
2000 Menschen von überall her machen sich auf nach Gorleben, um das
Dorf zu schützen, als sie von der bevorstehenden Räumung hören.
33Tage dauert dieser Traum von einer autonomen, selbstverwalteten
Gesellschaft, der für viele der mehr als 1000 Dorfbewohner nicht nur
ein Kampf gegen Atomenergie und Atomstaat war, sondern auch die
gelebte Utopie einer anderen Gemeinschaftsform.
Der Staat antwortet mit Bulldozern, Raupen und „Apocalypse
Now“-tauglich geschminkten BGS-und Polizeiaufgeboten und führte den
bis dahin größten Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik durch.
Die
Armada braucht nur wenige Stunden, um alles dem Erdboden gleich zu
machen. Im Morgengrauen des 3. Juni 1980 errichten Polizeieinheiten
Straßensperren auf allen Zufahrtswegen zum Hüttendorf. Innenminister
Gerhard Baum und Bundeskanzler Helmut Schmidt ließen sich in Bonn alle
dreißig Minuten vom Lagezentrum der Polizei darüber berichten, wie
ihre rund 10 000 Helme starke Truppen bei der Räumung und Planierung
vorankamen“, schrieb damals die „taz“, in einer Sonderausgabe
Gorleben. Der Sender des Hüttendorfs ließ die Lüchow-Dannenberger
Bevölkerung an ihren Radios zu „ Ohrenzeugen“ des Geschehens werden:
„Die Leute, die abgeräumt werden, machen gar nichts und werden
trotzdem zusammengetreten. Einer kann sich schon kaum noch rühren. Es
ist ein Wunder, dass sich der Rest noch an die Abmachung hält und
nicht zurückschlägt, keinen Widerstand leistet.“ Trotz Angst und Wut
über die gewalttätigen Übergriffe der Polizei, hielten sich die
Platzbesetzer an ihr Konzept, die Republik Freies Wendland gewaltfrei
gegen die staatliche Übermacht zu „verteidigen“.
"Turm und Dorf könnt Ihr
zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf!“, so hieß es auf einem Transparent im Hüttendorf 1004. Verdammt lange her.
Doch der für eine ganze Generation identitätsstiftende Geist der
Freien Republik Wendland, hat sich bis in die aktuelle
Castor-Auseinandersetzung niedergeschlagen.
| Die Forderungen der
Platzbesetzer von 1004 sind noch heute aktuell:
Auszug aus der Bekanntmachung – vorzeitige
Besitzeinweisung – Mai 1980:
„Durch die bergmännische Erschließung
besteht die Gefahr, dass der Salzstock Gorleben als Endlager für
radioaktive Abfälle genutzt wird, obwohl er dafür nach
international geltenden Kriterien nicht geeignet ist. Da andere
Salzstöcke nicht untersucht werden, besteht der begründete
Verdacht, dass der gläubigen Bevölkerung mit den Tiefbohrungen
nur eine Prüfung des Salzstockes vorgespielt wird. Dies
bestätigen auch die nicht eingehaltenen Versprechungen von
Politikern, deren Kriterienkatalog bis heute nicht existiert." |
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